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Präsidentenzyklus Bush hilft Pharma, Kerry der Biotechnologie

08.09.2004 ·  In knapp zwei Monaten wird in Amerika der neue Präsident gewählt. Da vom Wahlausgang die Branchen unterschiedlich betroffen sind, dürften die Aktienkurse an Wall Street mit den Umfrageergebnissen schwanken.

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In knapp zwei Monaten wird in Amerika der neue Präsident gewählt. Aber schon jetzt fragen sich Händler an der Wall Street, wie sie am besten davon profitieren können. "Republikaner sind gut für manche Branchen, für andere sind Demokraten besser", meint Brian Knight, Wirtschaftsprofessor an der Brown University in Rhode Island. Knight hat untersucht, wie sich die Präsidentenwahl des Jahres 2000 auf 70 Aktien ausgewirkt hat. Für manche Branchen hängen Knight zufolge 15 Prozent ihres Marktwertes davon ab, welche Partei den Präsidenten stellt.

Knight hatte für seine Studie 70 Unternehmen ausgewählt, die von den jeweiligen Wahlplattformen der damaligen Präsidentschaftkandidaten George W. Bush und Al Gore Vorteile haben würden. Zu den Unternehmen, die von einem Präsidenten Bush profitieren würden, zählten Analysten damals wie heute Konzerne aus den Branchen Pharma, Rüstung, Energie und Tabak. Als Favoriten unter einem Präsidenten Gore galten wegen dessen Umweltschutz-Schwerpunktes Produzenten alternativer Energien. Dazu wurden Konkurrenten des Softwareherstellers Microsoft bessere Aussichten unter Gore eingeräumt. Microsoft befand sich damals in einem aufsehenerregenden Kartellverfahren und drohte aufgespalten zu werden. Insgesamt waren 41 Unternehmen auf der Liste von Bush und 29 auf der Liste von Gore.

Umfragewerte dürften Branchenperformance beeinflussen

Während des Wahlkampfs entwickelten sich die Aktienkurse auf der Gore-Liste besser, wenn Gore in den Umfragen vorne lag. Umgekehrt profitierten auch Bush-Aktien von einem Vorsprung ihres Kandidaten. Nach der Wahlentscheidung für Bush hatten die Bush-Aktien 3 Prozent an Wert gewonnen. Die Gore-Titel hatten dagegen 6 Prozent ihres Wertes eingebüßt. Das entsprach nach Schätzungen von Knight einem Transfer von rund 100 Milliarden Dollar an Börsenwert. Bei der aktuellen Wahl sind die Branchen ähnlich verteilt. Sollte der Republikaner Bush für vier weitere Jahre im Amt bestätigt werden, halten Börsianer die Aktien von Pharmakonzernen und Vermögensverwaltern für aussichtsreicher. Sollte dagegen Herausforderer John Kerry von der demokratischen Partei ins Weiße Haus einziehen, rechnen Analysten mit Kursgewinnen für Produzenten von Windenergie wie Florida Power & Light. Ebenfalls profitieren könnten Biotechnologieunternehmen, weil Kerry die von der Bush-Administration verhängten Beschränkungen für staatliche geförderte Stammzellenforschung wiederaufheben dürfte.

Kerry befürwortet zudem die Reform der staatlichen Krankenversicherung Medicare und will amerikanischen Verbrauchern erlauben, aus Kanada reimportierte und damit günstigere rezeptpflichtige Medikamente zu erwerben. "Das ist eine große Sorge für Pharmaaktien", sagte Gregory Valliere, Chefpolitikstratege des unabhängigen Forschungsinstituts Charles Schwab Washington Research Group, gegenüber der "Washington Post". Eine Studie dieses Instituts geht auch davon aus, daß das Justizministerium unter Kerry härter gegen Verstöße wegen Luftverschmutzung vorgehen würde. Der Bericht nannte Energieversorger wie Southern Co., Reliant Energy oder Cinergy als Beispiele von Unternehmen, die unter einer Kerry-Administration unter Druck geraten könnten. Nach Ansicht der Volkswirtin Kathleen Bostjancic von der Investmentbank Merrill Lynch könnten Vermögensverwalter von einer zweiten Bush-Administration profitieren, weil dessen Pläne eine zumindest teilweise Privatisierung der Sozialversicherung vorsehen.

Eine Verabschiedung eines solchen Gesetzes sei zwar selbst mit einem republikanischen Kongreß schwierig, aber es bestehe zumindest die Möglichkeit. "Eine Verabschiedung wäre positiv für Vermögensverwalter, weil es den Zufluß von Anlagegeldern und die Notwendigkeit von Beratung und Verwaltung in Finanzfragen erhöht", meint Bostjancic. Ein Sieg der Demokraten würde diese Vorschläge allerdings sofort torpedieren.

Zurückhaltung der Anleger bis zum Wahlausgang befürchtet

Vor dem Hintergrund des Krieges gegen den Terrorismus gelten der Präsident und sein Herausforderer als Befürworter von erhöhten Verteidigungsausgaben. Bush gilt aber der Branche zugeneigter. Manche Aktienstrategen glauben, daß Kerry Ausgaben für Programme wie den von Bush befürworteten nationalen Raketenabwehr-Schild kürzen würde. Das könnte die Gewinne von Konzernen wie Lockheed Martin, Northrop Grumman oder Boeing belasten.

Die an der Wall Street gut angekommenen Steuersenkungen für Dividenden, die Bush durchgesetzt hatte, spielen in den Überlegungen kaum eine Rolle. Börsianer gehen davon aus, daß Kerry diese Maßnahmen gegen eine erwartete Mehrheit der Republikaner im Kongreß nicht durchsetzen kann. Trotz dieser Überlegungen fürchten manche Strategen, daß die Unsicherheit über den Ausgang der Wahl in den kommenen Wochen zu andauernder Zurückhaltung der Anleger führen könnte. "Ob man nun will oder nicht, die Unsicherheit eines knappen Wahlausgangs wird die Aussichten des Aktienmarktes mindestens bis Oktober belasten", meint Thomas McManus, Chefanlagestratege bei der Investmenttochtergesellschaft der Bank of America. Historisch sind die Chancen aber gut, daß die seit Monaten in einer engen Handelsspanne gefangenen Aktienkurse bis zum Ende des Jahres nach oben ausbrechen könnten. Seit dem Jahr 1900 ist der Standardwerte-Index Dow Jones in einem Wahljahr durchschnittlich um 9 Prozent gestiegen. Nur in acht von 26 Wahljahren ist dieser Index gefallen.

Nach Angaben der Kreditbewertungsagentur Standard & Poor's ist der Aktienmarkt gemessen am breitgefaßten Index S&P 500 seit 1945 unter demokratischen Präsidenten durchschnittlich um 10,7 Prozent gestiegen. Unter republikanischen Präsidenten waren es nur 7,6 Prozent. Historische Entwicklungen garantieren allerdings keine zukünftigen Trends.

Quelle: nks., Frankfurter Allgemeine Zeitung, 09.09.2004, Nr. 210 / Seite 23
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