10.05.2009 · Viele Anleger halten den Tiefpunkt der Krise für überwunden. Daher haussieren Aktien, auch der Ölpreis steigt. Die Fachleute aber sind sich noch immer uneins, ob die Krise nun im „V-“, im „W“- oder gar im „U-“Format verlaufe.
Von Benedikt FehrRund um den Globus sind die Aktienkurse auch in der vergangenen Woche wieder kräftig gestiegen. Neuen Treibstoff erhielt die Hausse von einigen einigermaßen günstigen Konjunkturdaten sowie der allgemeinen Einschätzung, dass der Stresstest für 19 amerikanische Banken günstig ausgefallen sei. Indes unken Skeptiker, dass gerade die abrupte V-artige Erholung der Aktienkurse ein Hinweis auf eine Bärenmarktrally sei, also ein Kursfeuerwerk ohne Nachhaltigkeit. Diese Stimmen meinen deshalb, dass dem Kursaufschwung demnächst ein scharfer Abschwung folgen werde. Wie schon bei den meisten früheren großen Krisen, so diese These, dürften sich die Kurse letztlich nach dem Muster des Buchstaben „W“ entwickeln.
Zumindest in der vergangenen Woche hatten die Optimisten aber Oberwasser. Dabei stimulierte am deutschen Aktienmarkt, dass die Produktion im deutschen produzierenden Gewerbe im März erstmals seit sieben Monaten nicht weiter zurückging. Sie lag im März freilich immer noch gut 20 Prozent unter dem Niveau vor einem Jahr. Zudem hat der deutsche Export im März gegenüber Februar leicht zugenommen; auch die Ausfuhr liegt damit aber klar unter Vorjahresniveau.
Tiefpunkt im Buchstaben „U“
Solche und ähnliche Daten aus anderen Ländern wurden an den Börsen als Signale gewertet, dass sich zumindest die Geschwindigkeit der konjunkturellen Talfahrt abschwächt – sich die Wirtschaft sozusagen dem Tiefpunkt im Buchstaben „U“ nähert. Weiteren Aufschluss darüber erhoffen sich die Märkte vom Index des Verbrauchervertrauens der Universität Michigan am Freitag. Am gleichen Tag wird die erste Schätzung zur deutschen Wirtschaftsleistung im ersten Quartal veröffentlicht. Fachleute erwarten einen drastischen Rückgang von 3,0 Prozent gegenüber dem Vorquartal.
In der abgelaufenen Woche sorgte auch für Zuversicht, dass die amerikanische Regierung den zusätzlichen Kapitalbedarf der Großbanken mit knapp 75 Milliarden Dollar deutlich niedriger veranschlagt hat als befürchtet. Und geradezu begeistert wurde registriert, dass es den Großbanken Wells Fargo und Morgan Stanley schon am Freitag gelang, insgesamt 11,5 Milliarden Dollar an frischem Kapital aufzunehmen. Kaum Beachtung fand, dass der verstaatlichte Immobilienfinanzierer Fannie Mae im ersten Quartal einen haarsträubenden Verlust von 23,2 Milliarden Dollar gemacht hat und vermutlich weitere 19 Milliarden Dollar an staatlicher Hilfe benötigt.
Zwischenspurts wie in Zeiten der Großen Depression
Angeführt von den Finanztiteln stieg der Leitindex der Wall Street, der Dow Jones, im Wochenverlauf um 4,4 Prozent. In Europa legten die Aktienkurse im Durchschnitt um rund 4 Prozent zu, in Japan sogar um 8 Prozent. Seit dem Tiefpunkt am 9. März hat der Dow-Index 31 Prozent gewonnen, der Nikkei-Index 34 Prozent und der deutsche Leitindex Dax 44 Prozent. Der Index der europäischen Bankaktien hat sich sogar mehr als verdoppelt, der Marktwert der Commerzbank fast verdreifacht.
Nach Einschätzung von Pessimisten hat dies allerdings nicht viel zu sagen: Beispielsweise habe der Dow während der Großen Depression von 1929 bis 1932 nicht weniger als sechsmal Zwischenspurts erlebt, mit Kursgewinnen von durchschnittlich 47 Prozent, heißt es – nur um stets wieder zurückzufallen. Nach diesen Studien kommt es typischerweise erst nach einer Phase kompletter Ernüchterung mit sehr niedrigen Aktienbewertungen zu einer nachhaltigen Erholung. Aufgrund der jüngsten Kursentwicklung im „V“-Format sei es zu dieser Phase aber noch nicht gekommen, sie stehe noch an.
EZB überrascht positiv
Die zunehmende Zuversicht hinsichtlich der globalen Konjunktur hat auch den Ölpreis wieder steigen lassen. In London wurde das Barrel (159 Liter) Rohöl der Sorte Brent am Freitag in der Spitze mit 58,50 Dollar gehandelt. Das war der höchste Preis seit sechs Monaten. Ganz allgemein ist der Risikoappetit wieder größer. Davon profitiert hat nicht zuletzt der Euro: Er stieg am Freitag um mehr als 2 Cent auf gut 1,36 Dollar, den höchsten Stand seit Ende März. Am Devisenmarkt gilt der Euro-Raum als ein politisches brüchiges Gebilde. Deshalb gerät der Euro unter Druck, wenn die Krisenstimmung zunimmt – und er wertet auf, sobald die Zuversicht wieder Oberhand gewinnt.
Den Euro gestärkt haben auch die Beschlüsse des Rats der Europäischen Zentralbank (EZB) vom vergangenen Donnerstag. Zwar war die Senkung des Leitzinses von 1,25 auf 1,00 Prozent erwartet worden. Positiv überrascht hat aber die Ankündigung, demnächst für 60 Milliarden Euro Pfandbriefe und ähnliche Wertpapiere anzukaufen. Das signalisiere, dass auch der EZB-Rat nicht scheue, unkonventionelle Maßnahmen zu ergreifen, um die Krise zu bewältigen, lautete der Tenor in Kommentaren. Das stimme optimistisch.
Ein „Tsunami“ an staatlichen Emissionen
Trotz der Senkung des Euro-Leitzinses und der anderen EZB-Maßnahmen ist die Rendite zehnjähriger Bundesanleihen am Donnerstag und Freitag kräftig gestiegen. Mit 3,45 Prozent liegt sie inzwischen 0,7 Prozentpunkte über dem Tief Mitte Januar. Die entsprechende Rendite amerikanischer Staatsanleihen ist seit ihrem Tief sogar schon um rund 125 Basispunkte auf zuletzt 3,29 Prozent gestiegen. Zum Teil erklärt sich dies damit, dass die Anleger von Anleihen in Aktien umgeschichtet haben. Zum Teil spielt auch eine Rolle, dass ein „Tsunami“ an staatlichen Emissionen über die Märkte rollt: Das große Angebot an Staatsanleihen drückt deren Kurse und treibt so die Renditen nach oben. Hinzu kommen Sorgen, dass die staatliche „Schuldenorgie“ in einiger Zeit zu einem Anstieg der Inflation führt. Manche Fachleute gehen deshalb davon aus, dass der Tiefpunkt der langfristigen Renditen inzwischen schon durchschritten ist – auch wenn die Leitzinsen in den meisten großen Industrieländern rekordniedrig liegen und die Zentralbanken obendrein mit dem Ankauf von Anleihen auch das Niveau der langfristigen Zinsen zu drücken versuchen.
Die Anleger in Staatsanleihen haben dies bereits zu spüren bekommen: Während Staatsanleihen im vergangenen Jahr aus Zinseinnahmen und Kursgewinnen satte Gesamtrenditen abwarfen, haben sie den Anlegern in diesem Jahr bislang im Durchschnitt Verluste bereitet.
Man kann analysieren soviel man will. Es bleibt aber eine Tatsache,
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 10.05.2009, 20:42 Uhr
zu Rolf-Dieter Maehler und ein möglicher Kurssturz
Dietrich Reimold (Reimold)
- 11.05.2009, 02:31 Uhr
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |