Wer in die Biotechnologie investiert, braucht Geduld und Risikobereitschaft. Denn zum einen dauert die Entwicklung neuer Wirkstoffe für Arzneimittel mehrere Jahre, zum anderen scheitert die Mehrzahl der Kandidaten auf dem Weg zur Zulassung. Und je später in der Entwicklung sich ein solcher Fehlschlag einstellt, desto schärfer wirkt er sich auf den Aktienkurs aus.
Der Börsenwert des Anbieters Agennix aus Planegg bei München etwa brach binnen eines Tages um 30 Prozent ein, als sich in einer klinischen Studie herausstellte, dass die Sterblichkeit unter den mit dem Hoffnungsträger Talactoferrin behandelten Sepsis-Patienten höher war als in der Vergleichsgruppe, die ein Placebo erhielt. Der Schwarze Donnerstag liegt für Agennix zwar schon ein halbes Jahr zurück - der Abbruch der Studie wurde am 2. Februar mitgeteilt, doch der Börsenkurs hat sich davon noch nicht erholt: Zuletzt notierte die Aktie um 1,80 Euro, im Winter waren es noch 2,80 Euro.
„Jetzt ist die richtige Zeit, um sich zu entscheiden“
Die in dieser Woche vorgelegten Halbjahreszahlen gaben wenig Anlass, die Bewertung zu ändern. Das dürfte sich jedoch bald entscheidend ändern, zum Guten oder zum Schlechten. Denn Agennix hat zwar - wie viele andere Biotechunternehmen - noch kein Produkt zur Marktreife gebracht und erzielt daher auch keinen Umsatz, die Ausgaben für Forschung und Verwaltung summierten sich zu einem Fehlbetrag von 23,3 Millionen Euro. Doch bald sollen die Ergebnisse einer Studie der entscheidenden dritten Testphase vorgelegt werden, in der derselbe Wirkstoff Talactoferrin nicht gegen Blutvergiftung, sondern gegen Lungenkrebs getestet worden ist.
Seit April werden die Daten analysiert, berichtet der Vorstandsvorsitzende Thorsten Hombeck, noch in diesem Monat soll das Resultat feststehen. „Spannender als zurzeit kann es kaum sein“, sagt er. „Das Unternehmen hat im Grunde nur noch diese Chance“, pflichtet ihm der Aktienanalyst Edouard Aubery von der Equinet-Bank in Frankfurt bei. Die Erfolgswahrscheinlichkeit schätzt er auf etwas höher als 50 Prozent - und im Erfolgsfall sei das Präparat für jährliche Erlöse von rund 320 Millionen Euro gut. Deshalb halte er auch an seinem Zielkurs von 2,40 Euro fest, sagt Aubery. „Jetzt ist die richtige Zeit, um sich zu entscheiden.“
Dass Aubery mit seinem Kursziel deutlich über dem derzeitigen Kurs liegt, ist in der Biotechbranche nicht die Regel, sondern die Ausnahme. Die Hamburger Beratungsgesellschaft Kirchhoff-Consult hat ermittelt, dass die Branchen-Analysten mit ihren Einschätzungen der sieben nach dem Börsenwert größten deutschen Biotechunternehmen im Durchschnitt 79 Prozent über deren tatsächlichem Aktienkurs liegen. Für Agennix, mit einer Marktkapitalisierung von rund 85 Millionen Euro das sechstgrößte Unternehmen, liegen die Empfehlungen im Durchschnitt um 33 Prozent über dem Kurs. Aus der Vergangenheit kann sich die Zuversicht der Branchenfachleute nachweislich nicht speisen: Nur zwei der untersuchten Unternehmen haben in den fünf vergangenen Jahren besser abgeschnitten als der Tec-Dax. Es sind zugleich die beiden einzigen, für die sich für diesen Zeitraum überhaupt eine positive Kursentwicklung feststellen lässt: Für Morphosys aus Martinsried liegt das Plus bei 3 Prozent, für Mologen aus Berlin bei 41 Prozent.
Morphosys zeigt überdies traditionell, wie sich das Risiko von Investitionen in die Biotechnologie verringern lässt. Das Unternehmen, das in dieser Woche ebenfalls seinen Halbjahresbericht vorgelegt hat, verlässt sich nicht auf Wagniskapitalgeber, um seine eigenen Entwicklungsprojekte voranzutreiben, sondern erwirtschaftet die dafür nötigen Mittel mit der Auftragsforschung für Pharmakonzerne.
Aufträge aus staatlich geförderter Wissenschaft bleiben aus
Im vergangenen Jahr war ein Gewinn von 15 Millionen Euro zu verbuchen, in diesem Jahr werden es nach der Prognose des Vorstandsvorsitzenden Simon Moroney höchstens 5 Millionen Euro sein. Wegen der Schuldenkrise blieben die Aufträge aus der staatlich geförderten Wissenschaft aus, erklärt er, und für die am weitesten fortgeschrittene selbstentwickelte Substanz, einen Wirkstoff gegen Arthritis, sei erst im kommenden Jahr mit dem Abschluss eines Lizenzvertrags mit einem Partner aus der Pharmabranche zu rechnen, der Morphosys einen Vorschuss und dem Partner die Vermarktungsrechte bringen könnte.
Edouard Aubery von Equinet hält eine Dosis Zuversicht auch den Unternehmen gegenüber, die sich ganz auf die riskante Entwicklung eigener Wirkstoffe konzentrieren, nicht für übertrieben. „Wir zeigen, wohin sich die Kurse entwickeln könnten, wenn die Unternehmen positive Daten vorlegen“, erläutert er. Im Markt werde diese Wahrscheinlichkeit gering eingeschätzt, weil bislang noch kein deutsches Biotechunternehmen einen Wirkstoff mit nennenswertem Umsatzpotential bis zur Zulassung entwickelt habe. Tatsächlich entfallen nach Berechnungen des Branchendienstes IMS Health aber schon jetzt knapp 20 Prozent des Arzneimittelmarkts in Deutschland auf biotechnologisch hergestellte Medikamente. „Und die jüngsten Übernahmen haben gezeigt, welchen Wert Pharmakonzerne der Biotechnologie beimessen. Aufschläge von 50 Prozent und mehr auf den Aktienkurs sind keine Seltenheit.“
Das traf zuletzt sogar auch auf zwei Anbieter aus Deutschland zu: Für die in Amerika an der Börse notierte, aber in München beheimatete Micromet AG hat der amerikanische Konzern Amgen 1,2 Milliarden Dollar und damit einen Aufschlag von 33 Prozent bezahlt, obwohl für deren vielversprechendes Blutkrebsmittel noch nicht einmal die zweite Studienphase abgeschlossen ist. Ähnlich weit ist der Weg zum Markt auch noch für das Präparat gegen Herzmuskelschwäche, das die ebenfalls in der Nähe von München ansässige Corimmun GmbH entwickelt hat. Schon jetzt hat der Arzneimittelhersteller Janssen-Cilag dafür rund 100 Millionen Dollar und damit den Gesellschaftern das Vier- bis Fünffache ihrer Einlagen gezahlt. Für sie hat sich das Risiko gelohnt.
Noch keinen Wirkstoff bis zur Zulassung entwickelt?
Thomas Berger (tberger)
- 05.08.2012, 12:46 Uhr