30.11.2009 · Einst als margenschwach und riskant geschmäht, sind Impfstoffe gegen Krankheiten wie H1N1 inzwischen zu einem einträglichen Geschäft für Novartis und andere Pharmaunternehmen geworden. Allerdings bleibt es saisonal und unvorhersehbar.
Von Kerry CapellAm 24. November eröffnete der schweizerische Pharmariese Novartis in den Vereinigten Staaten das landesweit erste Werk für die Großproduktion von Zellkulturen und verlieh damit den amerikanischen Bemühungen um die Bekämpfung pandemischer Grippeerkrankungen einen gewaltigen Schub. Das in Holly Springs (North Carolina) mit staatlicher Finanzhilfe von 487 Millionen Dollar erbaute Novartis-Werk ist ein wichtiger Meilenstein beim Einsatz biotechnologischer Produktionsverfahren, die nun an die Stelle der 50 Jahre alten Technik treten, bei der Impfstoffe in Eiern gezüchtet werden. „Diese Technologie ist in der Lage, das herkömmliche, auf der Züchtung in Eiern basierende Verfahren zu verdrängen, weil es die Zuverlässigkeit und Produktivität der Impfstoffherstellung erhöht“, erklärt Novartis-Chef Daniel Vasella.
Novartis ist einer der beiden Impfstoffproduzenten, die mit dem neueren, auf Zellen basierenden Verfahren arbeiten. Das Novartis-Werk wird Grippeimpfstoffe nicht mehr in Hühnereiern, sondern in Hundenierenzellen produzieren und spart dadurch einen Monat der schätzungsweise drei bis sechs Monate, die für die Herstellung von Impfstoffen mit Hilfe von Eiern benötigt werden. Nach Aussage von Novartis wird das Werk in der Lage sein, innerhalb von sechs Monaten nach Ausrufung einer Pandemie 50 Millionen Dosen saisonalen Grippeimpfstoffs und 150 Millionen Dosen pandemischen Impfstoffs für die Vereinigten Staaten zu produzieren. Das Werk wird allerdings nicht vor 2011 mit der Herstellung von auf Zellen basierenden Impfstoffen beginnen können.
In den Vereinigten Staaten herrscht Knappheit an Impfstoffen
Trotzdem ist jeder weitere Kapazitätsausbau in Amerika eine willkommene Nachricht. Die derzeitig in den Vereinigten Staaten herrschende Knappheit an Impfstoffen gegen H1N1 (auch als Schweinegrippe bekannt) hat den Bedarf an neueren, zuverlässigeren Technologien der Impfstoffentwicklung deutlich gemacht. Bislang wurden zwar 50 Millionen Dosen des H1N1-Impfstoffs vertrieben, das reicht jedoch gerade einmal für ein Drittel der 160 Millionen Amerikaner, für die die amerikanische Seuchenschutzbehörde (CDC) eine Impfung vorsieht.
Ein wesentlicher Teil des Problems besteht darin, dass die amerikanische Gesundheitsbehörde (FDA) im Gegensatz zu ihren europäisches Pendants den Einsatz von Adjuvanzien erst noch genehmigen muss. Adjuvanzien sind Zusatzstoffe, die die Immunreaktion des Körpers verstärken und so die erforderlichen Impfmengen verringern. Novartis stellt bereits in seinem Werk im deutschen Marburg auf Zellen basierende saisonale und H1N1-Grippeimpfstoffe mit seinem eigenen lizenzierten Adjuvans her.
Der saisonale Impfstoff von Novartis ist in Europa und Japan zugelassen, der pandemische Impfstoff erhielt kürzlich in Deutschland und in der Schweiz die aufsichtsbehördliche Genehmigung. Vasella zufolge hätten die Versuchsreihen gezeigt, dass der Einsatz von Adjuvanzien die Impfstoffproduktion durchaus verdoppeln oder sogar vervierfachen könnte. „Etwa 45 Millionen Dosen des auf Zellen basierenden Impfstoffs mit Adjuvans sind bereits ohne Probleme verabreicht worden. In anderen Ländern haben sie sich also inzwischen bewährt“, berichtet Vasella. Er sei zuversichtlich, dass die auf Zellen basierende Technologie letztlich auch in den Vereinigten Staaten die Zulassung erhalten werde. Und sollte die Pandemie plötzlich ungeahnte Ausmaße annehmen, so würde die FDA vermutlich rasch reagieren und den Einsatz von Adjuvanzien genehmigen.
Die Renaissance der Impfstoffe
Noch vor nicht allzu langer Zeit galten Impfstoffe als das ungeliebte Kind der Pharmaindustrie. Die hohen Produktionskosten, ihre Komplexität, die relativ niedrigen Gewinnspannen und das Risiko jahrelanger Rechtsprozesse hatten dazu geführt, dass bis auf eine Handvoll Anbieter - darunter Novartis, GlaxoSmithKline aus Großbritannien, die französische Sanofi Aventis, Merck aus New Jersey und Wyeth, heute Teil von Pfizer - praktisch alle Unternehmen dieses Geschäft mieden.
Seit einigen Monaten erleben wir nun so etwas wie eine Renaissance der Impfstoffe. Das liegt zum Teil daran, dass die Branche derzeit in ihrem Kerngeschäft der verschreibungspflichtigen Medikamente schweren Herausforderungen gegenüber steht. In den kommenden fünf Jahren werden verschreibungspflichtige Medikamente im Verkaufsvolumen von etwa 135 Milliarden Dollar ihren Patentschutz verlieren. Und in der Pipeline der Pharmaunternehmen gebe es kaum etwas, das diesen Umsatz ersetzen könne, so Alan Sheppard, Berater der Marktforschungsgesellschaft IMS Health.
Impfstoffe gehören zur Kategorie der Biologika, die in der Herstellung teuer und kompliziert sind. Aber gerade dadurch sind sie auch weniger anfällig für die Generika-Konkurrenz schwächerer Hersteller. Darüber hinaus sind Blockbuster-Medikamente immer schwieriger zu entwickeln, so dass - wie Wyeths Pneumokokken-Impfstoff für Kinder, Prevnar, beweist - erfolgreiche Impfstoffe durchaus einen ordentlichen Gewinn abwerfen können: Prevnar beschert dem Unternehmen heute einen zusätzlichen Jahresumsatz von drei Milliarden Dollar.
Der 780 Milliarden Dollar schwere internationale Markt der verschreibungspflichtigen Medikamente dümpelt mit fünf Prozent Jahreswachstum vor sich hin. Deshalb rechnen Analysten damit, dass die Impfstoffbranche, die Prognosen zufolge bis 2012 jährlich um 13 Prozent zulegen soll, das größte Gewinnpotenzial besitzt. „Immer mehr Unternehmen investieren in Impfstoffe, um neben den verschreibungspflichtigen Medikamenten eine weitere Produktgruppe aufzubauen. Und neue Technologien wie die Zellkultur ermöglichen es ihnen, immer fortschrittlichere Impfstoffe zu entwickeln“, sagt Michael Boyd, Hauptgeschäftsführer des Weltpharmaverbands (IFPMA).
Grippeimpfstoff bringt Bewegung in die Branche
Auch die Akquisitionstätigkeit im Bereich Impfstoffe ist zuletzt gestiegen. Durch seine 68 Milliarden Dollar teure Übernahme von Wyeth ist Pfizer nun im Impfstoffgeschäft tätig. Am 28. September legte Abbott Laboratories 6,6 Milliarden Dollar für die Pharmasparte der belgischen Solvay Group auf den Tisch, während Johnson & Johnson 18 Prozent am niederländischen Impfstoffhersteller Crucell übernahm. Der Pharmariese GlaxoSmithKline, der sich auf unverhoffte Zusatzeinnahmen durch Schweinegrippeimpfstoffe freuen darf, unterzeichnete vor kurzem zudem einen 2,2 Milliarden Dollar schweren Zehnjahresvertrag zur Lieferung seines Pneumokokken-Impfstoffs nach Brasilien.
Im dem Maße, wie die Volkswirtschaften der Schwellenländer erstarken und die dortigen Gesundheitsausgaben steigen, eröffnen Impfstoffe den Pharmaunternehmen auch attraktive neue Märkte. Im Juni gründete GlaxoSmithKline mit der in China ansässigen Shenzhen Neptunus Interlong Bio-Technique ein Joint-Venture im Wert von 78 Millionen Dollar zur Entwicklung von Grippeimpfstoffen. Einen Monat später erwarb Sanofi einen Mehrheitsanteil am indischen Impfstoffhersteller Shantha Biotechnics; das Unternehmen wird mit 824 Millionen Dollar bewertet. Und am 4. November investierte Novartis 125 Millionen Dollar in einen 85-prozentigen-Anteil am chinesischen Impfstoffanbieter Zhejiang Tianyuan.
Ein saisonaler Schuss in den Arm
Wenigstens kurzfristig wird der Absatz des H1N1-Impfstoffs die Umsätze der drei großen europäischen Impfstoffhersteller kräftig ankurbeln. Laut GlaxoSmithKline seien die Prognosen der Analysten, die den Umsatz durch H1N1-Impfstoff für das vierte Quartal auf 1,7 Milliarden Dollar beziffert hatten, im Großen und Ganzen korrekt; ähnliche Zahlen erwartet man auch für das erste Quartal 2010. Novartis rechnet nach eigenen Angaben allein im vierten Quartal mit einem Umsatz von 700 Millionen Dollar durch seinen pandemischen H1N1-Impfstoff. Sanofi-Aventis verspricht sich für denselben Zeitraum einen H1N1-Umsatz von voraussichtlich 500 Millionen Dollar.
Vasella zufolge sei das Geschäft mit dem Grippeimpfstoff allerdings saisonal und unvorhersehbar. Langfristig böten andere Bereiche größere Chancen, beispielsweise Krebs oder Meningitis. Laut Analysten haben die beiden Meningitis-Impfstoffe von Novartis ein Marktpotenzial von mehreren Milliarden Dollar. Für Novartis hängt viel von deren Erfolg ab, denn nach Schätzungen von Analysten bei Sanford C. Bernstein werde das Impfstoff- und Diagnosemittelgeschäft von Novartis für 2009 zwar einen Umsatz von 1,5 Milliarden Dollar erwirtschaften, unter dem Strich allerdings einen Verlust von 257 Millionen Dollar ausweisen.
Laut Vasella gehen diese Verluste auf verstärkte Investitionen in die Impfstoffforschung und -entwicklung, in klinische Versuchsreihen und in die Produktion zurück. So gab das Unternehmen zum Beispiel in den zurückliegenden drei Jahren 200 Millionen Dollar für den Aufbau einer zweiten Produktionsstätte in Liverpool aus, die allein der Herstellung des H1N1-Impfstoffs für die Vereinigten Staaten dient. „Solche Investitionen sind nur als Teil einer langfristigen Gesamtstrategie gerechtfertigt“, erklärt Vasella. „Wir denken, dass sich unsere Investition auszahlen wird.“
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |