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Pharma & Spezialchemie Merck-Aktie leidet unter Ablösung des Chefs - aber wie lange?

23.11.2005 ·  Wie aus heiterem Himmel hat der Pharma- und Spezialchemiekonzern Merck seinen Vorstandschef abgelöst - ohne diesen Schrittt näher zu erläutern. Darunter leidet die Aktie, da die Börse solche Unsicherheit nicht mag.

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„Dr. Michael Römer (59) wurde am 22. November 2005 mit sofortiger Wirkung zum Vorsitzenden der Geschäftsleitung der Merck KGaA ernannt. Der bisherige Vorsitzende der Geschäftsleitung, Prof. Dr. Bernhard Scheuble (52), scheidet aus dem Unternehmen aus. Elmar Schnee (46) wurde mit sofortiger Wirkung zum stellvertretenden Mitglied der Geschäftsleitung und Leiter des Unternehmensbereichs Pharma bestellt“ - mit diesen dürren Worten hat das Darmstädter Pharma- und Spezialchemieunternehmen am späten Dienstag nachmittag nach Xetra-Handelsschluß die Anleger kalt erwischt.

Was Investoren von der Nachricht der Ablösung des erfolgreichen Konzernchefs halten, ist am Aktienkurs abzulesen. Die Notiz verliert 5,2 Prozent auf 69,79 Euro, nachdem sie im frühen Handel schon gut 6,8 Prozent abgegeben hatte. Analysten haben sich kritisch zu der Personalie geäußert.

LRP: Ein sehr schlechtes Signal

Das Brokerhaus Equinet hat die Aktie des Darmstädter Konzerns nach der völlig überraschenden Ablösung von Firmenchef Bernhard Scheuble auf „Hold“ von „Accumulate“ zurückgestuft. Obgleich es keine Anzeichen gebe, daß etwas bei Merck falsch laufe, führe die Ablösung des Firmenchefs zu Unsicherheiten, hieß es in einer Mitteilung von Equinet vom Mittwoch. Zudem liege der Kurs der Merck-Aktie nur noch zwei Prozent unter dem Kursziel von 75 Euro, das beibehalten werde.

Das Ausscheiden des Vorsitzenden der Geschäftsführung der Merck KGaA, Bernhard Scheuble, ist aus Sicht von UBS-Analystin Rachel Sledge eine „große Überraschung“. Die internationale Erfahrung des Nachfolgers ist der Analystin zufolge begrenzt. Zudem geht sie davon aus, daß dieser nur eine Interimslösung ist. Sledge bestätigt die Einstufung „neutral“ für Merck.

Die Analysten von Goldman Sachs haben die Aktie des Pharmakonzerns Merck auf „in-line“ von „outperform“ heruntergestuft. Man könne den Investoren eine Anlage in Merck nicht weiterhin empfehlen, so Dani Saurymper von Goldman Sachs laut Dow Jones-vwd. Die Entscheidung des Führungswechsels bei Merck KGaA sei unvorhersehbar gewesen. Dieser Schritt könne bei vielen Anlegern die Bedenken über die Unternehmensführung verstärken.

Die Landesbank Rheinland-Pfalz (LRP) bewertet Merck weiter als „marketperformer“, Analyst Alexander Groschke merkt aber kritisch an: „Nach unserer Ansicht ist der Weggang von Prof. Scheuble ein sehr negatives Signal. Sein Nachfolger muß sich das Vertrauen des Kapitalmarktes erst noch erarbeiten.“

Der Grund für die Trennung könne nur in strategischen Differenzen zwischen Scheuble und den Vertretern der hinter Merck stehenden Familie liegen. Mittlerweile gibt es auch „Informationen aus Unternehmenskreisen“, nach denen sich der ausscheidende Vorstandschef mit den Famlieneigentümern überworfen haben soll. Dabei sei es weniger um unterschiedliche Auffassungen über die strategische Ausrichtung des Unternehmen gegangen, sondern eher um den Führungsstil von Scheuble, sagten zwei dem Unternehmen nahe stehende Personen zu Dow Jones Newswires.

Daß Scheuble gute Arbeit für Merck geleistet habe sei auch von der Familie anerkannt worden. Nach der erfolgreichen Sanierung der Bilanz hatte Merck nun wieder verstärkt auf Einkaufstour gehen wollen. Dabei hätten die Segmente Generika (Nachahmermittel), Spezialchemie und patentgeschützte Medikamente im Vordergrund gestanden. Merck hat sich in der Krebsmedizin positioniert und mit „Erbitux“ ein erfolgreiches Darmkrebsmittel, mit dem der Konzern dieses Jahr rund 200 Millionen Euro erlösen will.

Aktie kein Schnäppchen

Merck selbst schiebt auch am Mittwoch keine weiteren Erklärungen nach. „Über das hinaus, was wir mitgeteilt haben, gibt es nichts zu kommunizieren“, sagte ein Sprecher zu FAZ.NET. Der Gesellschafterrat und Scheuble hätten eine entsprechende Übereinkunft geschlossen. „Das eröffnet gewissen Spekulationen die Pforten“, gestand der Sprecher zu. Vergleiche mit dem Fall Altana wies er aber von sich. Im Sommer hatte sich der amerikanische Pharmakonzern Pfizer als Partner aus der Entwicklung des Atemwegsmittels „Daxas“ von Altana verabschiedet - Gründe blieben seinerzeit offen. Vor wenigen Tagen meldete Altana, den Zulassungsantrag für „Daxas“ in Europa zurückzuziehen. Bei Merck gebe es keine schlechten Nachrichten in der Pipeline. „Wenn es wirtschaftliche Gründe gäbe, hätten wir dies mitgeteilt“, versicherte der Merck-Sprecher.

Den Kurstaucher hält er nach eigenen Worten für eine „Delle“, die bald ausgebeult werden dürfte, indem Anleger die Merck-Aktie wieder verstärkt kaufen statt sie abzustoßen. Das kann so kommen. Es spricht aber auch einiges dafür, daß sich Investoren bedeckt halten, solange die Gründe für die Ablösung von Scheuble unklar bleiben. Dies scheint ratsam zu sein.

Denn ungeachtet der Unsicherheit ist Merck mit Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 23,7 für dieses Jahr und 21,8 für 2006 kein Schnäppchen und die erwartete Dividendenrendite von 1,4 Prozent nicht mehr als ein nettes Zubrot. Das charttechnische Bild ist gespalten. Einem intakten übergeordneten Aufwärtstrend steht gegenüber, daß sich die Notiz mitten in die seit Mai ausgebildete Handelsspanne zurückgefallen ist. Breit unterstützt ist der Titel bei 66 Euro. Nach einem Fall darunter wäre bei 64 Euro der nächste Haltepunkt.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @thwi
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