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Osram-Börsengang Und es ward Licht

 ·  Es wird der größte Börsengang des Jahres mit einem geschätzten Volumen von bis zu zwei Milliarden Euro: Siemens spaltet seine Tochtergesellschaft Osram nach 35 Jahren ab. Anleger werden profitieren.

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© Simon Schwartz Vergrößern Losgelöst: Für Siemens passte die Lampensparte nicht mehr zum Kerngeschäft des Konzerns

Der Abschied dauerte gerade einmal viereinhalb Minuten, länger sprach Siemens-Chef Peter Löscher auf der Hauptversammlung am vergangenen Mittwoch über das Thema nicht: ein paar Sätze in jenem nüchternen Finanzdeutsch, hinter dem der Vorstandsvorsitzende so gerne abtaucht ( „Wir schaffen so ein schärferes Investment- und Risikoprofil“) - und Schluss.

Kein Wort darüber, dass Löscher gerade dabei war, einen tiefen Einschnitt in der Firmenhistorie zu vollziehen: Nach 35 Jahren trennt sich Siemens von seiner Lichtsparte Osram, einem Traditionshaus mit fast hundertjähriger Geschichte, und bringt die Tochtergesellschaft voraussichtlich im Frühsommer an die Börse. Nur mit einem Anteil von 19,5 Prozent wird Siemens noch beteiligt sein.

Wahrscheinlich wird sich Osram dann mit einem Superlativ schmücken können, auf den so manches Unternehmen stolz wäre: Es könnte der größte deutsche Börsengang des Jahres werden mit einem geschätzten Volumen von bis zu zwei Milliarden Euro - doch von Euphorie weit und breit keine Spur. Das hat nicht nur mit dem trockenen Vortrag des Siemens-Chefs zu tun, der nicht gerade Lust auf die neue Aktie machte. Sondern auch mit der Skepsis der Analysten. Die halten nämlich wenig von dem Verfahren, das Siemens für den Börsengang der Lichtsparte gewählt hat: Im Finanzjargon heißt es Spin-Off, zu Deutsch schlicht Abspaltung, doch viele Kritiker verbinden damit keine Superlative, sondern das Gegenteil: schlechte Startbedingungen für eine erfolgreiche Börsenstory.

„Spin-Offs sind besser als ihr Ruf“

Mit harten Fakten belegen lässt sich die Skepsis aber nicht: Abspaltungen lohnen sich durchaus für Aktionäre und Unternehmen. „Spin-Offs sind besser als ihr Ruf“, sagt Michael Grote, der an der Frankfurt School of Finance Feldforschung zu dem Thema betrieben hat.

Warum aber gilt ein Spin-Off nur als Börsengang zweiter Klasse? Weil die Abspaltung keinen Cent frisches Geld in die Siemens-Kasse spült. Die Chance darauf hat Siemens verspielt: Zwei Mal hatte Löscher Osram auf klassischem Wege aufs Parkett bringen wollen, zwei Mal musste er wegen schlechter Marktbedingungen absagen, so die offizielle Begründung. Böswillig könnte man auch sagen: Es waren schlicht nicht genügend Investoren an Osram interessiert.

Stattdessen läuft das Ganze nun so ab: Am Tag des Osram-Börsengangs, irgendwann zwischen April und Juli, bekommen alle Anteilseigner für zehn Siemens-Aktien jeweils eine Osram-Aktie ins Depot gebucht. Siemens wird seine Lichtsparte auf diese Weise los, verdient dabei aber nichts. Allerdings übersehen viele dabei eines: Selbst wenn die Kasse nicht klingelt, kann ein Spin-Off befreiend für Unternehmen und Kurse wirken. Zwar wird am Tag der Abspaltung der Wert der Siemens-Aktie zunächst einmal fallen, weil die Lichtsparte nicht mehr zum Konzern dazugehört - auf längere Sicht könnten Siemens und Osram zusammengenommen aber auf einen höheren Börsenwert kommen als die 72 Milliarden Euro, die Siemens heute auf die Waage bringt.

Es wäre der Idealfall für Anleger, und es gibt für ihn ein Vorbild: die Abspaltung der Spezialchemiefirma Lanxess vom Bayer-Konzern im Jahr 2005. Lange als Bayers Reste-Rampe verspottet, gelang Lanxess im vergangenen Jahr sogar der Aufstieg in den Dax.

Kann sich eine solche Erfolgsgeschichte bei Siemens und Osram wiederholen? Die Vorzeichen sind zumindest nicht schlecht. „Aus unserer Sicht ist die Trennung absolut richtig“, sagt Christoph Niesel von der Fondsgesellschaft Union Investment, die rund ein Prozent der Siemens-Aktien hält. Denn Siemens wollte die Lampensparte vor allem deswegen loswerden, weil sie nicht mehr zum Kerngeschäft des Konzerns passt. Zwar schwächelte man zuletzt in der einstigen Paradedisziplin „Großprojekte“ und musste Sonderlasten in Höhe von 400 Millionen Euro in der Bilanz verbuchen - trotzdem haben die wichtigen Bereiche Kraftwerksbau, Infrastruktur und Medizintechnik vor allem eines gemein: Sie hängen kaum von der Konjunkturentwicklung ab.

Anders ist dies bei Osram: Leuchten aller Art brauchen nämlich die Autohersteller und die Bauindustrie - und deren Geschäfte leiden stets stark, wenn die Wirtschaft kaum wächst. Dass Siemens sich um solche Abhängigkeiten in Zukunft weniger zu kümmern braucht, ist ein Vorteil. Große Chancen bietet die neue Freiheit aber besonders für Osram.

Mit fünf Milliarden Euro steht der Leuchtenhersteller gerade einmal für ein Sechzehntel des Siemens-Umsatzes - ein Randbereich. In Zukunft rückt der Osram-Vorstand um Wolfgang Dehen ins Zentrum. Er muss nicht mehr die Erlaubnis der Zentrale einholen, kann schneller entscheiden, mehr investieren und besonders eines tun: offensiv um das Vertrauen der Anleger werben. Denn mit dem Börsengang kommen neue Transparenzpflichten. Osram geht nicht mehr in der Siemens-Bilanz unter, sondern muss sein Geschäft detailliert aufschlüsseln. Gut für Anleger.

Zwar setzt die Konkurrenz aus Fernost dem einstigen Lampenprimus zu, zwar ist das Geschäft mit der traditionellen Glühbirne in Europa längst abgeschafft. Doch zwei Dinge stimmen positiv: Zum einen profitiert Osram von seiner enormen Zahl an Patenten, vor allem im Bereich der aussichtsreichen LED-Technologie. Zum anderen werden die komplexen Leuchten bald den Lampenmarkt dominieren - ein Vorteil für Qualitätshersteller wie Osram.

Natürlich lässt sich der glückliche Ausgang nicht garantieren: Aber anders als Siemens-Chef Peter Löscher sollten sich Aktionäre von Osram nicht verabschieden. Sie könnten an der Firma noch ihre Freude haben.

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