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Ölgesellschaft Petrobras Größte Kapitalerhöhung der Welt geplant

Die brasilianische Ölgesellschaft Petrobras startet eine gigantische Kapitalerhöhung im Volumen von umgerechnet 58 Milliarden Euro. Privatanleger müssen diese mitfinanzieren oder eine Verwässerung ihrer Aktien in Kauf nehmen.

© dpa Vergrößern Herr des Öls:Brasiliens Präsident Lula

Die voraussichtlich größte Aktienplazierung aller Zeiten tritt in ihre entscheidende Phase. Am Montag beginnt die Zeichnungsfrist für die neuen Aktien der brasilianischen Ölgesellschaft Petroleo Brasileiro (Petrobras). Das staatlich kontrollierte Unternehmen will neue Papiere für bis zu 128 Milliarden Real (gut 58 Milliarden Euro) ausgeben.

Damit würde sowohl der etwa 17 Milliarden Euro schweren Börsengang der Agricultural Bank of China in diesem Jahr als auch die 29 Milliarden Euro schwere Aktienemission des japanischen Telekommunikationsunternehmens NTT aus dem Jahr 1987 übertroffen. Am Börsenwert gemessen dürfte Petrobras nach der Neuemission mit dem Computerhersteller Apple um Rang zwei unter den größten Aktiengesellschaften des amerikanischen Kontinents hinter dem Ölkonzern ExxonMobil ringen.

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Staat wird Dominanz über das Unternehmen stärken

Petrobras will mit der Mega-Kapitalerhöhung einen Teil der Investitionen zur Erschließung von großen Ölreserven mit einem Gesamtvolumen von 224 Milliarden Dollar bis 2014 finanzieren. 80 Prozent der Aktienemission sind für die gegenwärtigen Aktionäre reserviert. Für jede alte Aktie können sie 0,343 neue Papiere erwerben. Die übrigen 20 Prozent werden zwischen Privatanlegern und institutionellen Investoren aufgeteilt. Die Altaktionäre haben bis zum 17., die Neuanleger bis zum 22. September Zeit, Anteile zu zeichnen.

Infografik / Die größten Aktienplazierungen © F.A.Z. Vergrößern

Eines steht bereits fest: Der brasilianische Staat wird seine Dominanz über den Ölkonzern weiter festigen. Denn allein die Regierung und andere staatliche Institutionen wollen für bis zu 75 Milliarden Real (34 Milliarden Euro) neue Aktien erwerben. Bisher hält der Staat bereits knapp 40 Prozent des Gesamtkapitals und eine Mehrheit von 55,6 Prozent der stimmberechtigten Aktien. Bezahlen will die Regierung ihre neuen Anteile mit der Übertragung von 5 Milliarden Barrel Ölreserven aus den Pré-Sal-Lagerstätten. Diese Tiefsee-Gebiete vor der brasilianischen Atlantikküste sollen Ölvorkommen beherbergen, die das Volumen der bisher bekannten Petrobras-Ölreserven von 12 Milliarden Barrel um ein Vielfaches übertreffen. In der vergangenen Woche hatten sich Petrobras und die Regierung auf einen Preis für die an Petrobras zu übertragenden Ölreserven geeinigt, der mit 8,51 Dollar je Barrel (159 Liter) um einiges über dem ursprünglich am Markt erwarteten Niveau von 5 bis 7 Dollar liegt. Ein gefördertes Barrel amerikanischen Leichtöls der Sorte WTI kostete am Freitag 75 Dollar.

Trotz Vorbehalte mit großer Beteiligung gerechnet

Frisches Geld kommt durch die Staatsbeteiligung nicht in die Kasse. Das sollen vielmehr die privaten Aktionäre beisteuern. Wer nicht mitzieht, muss eine Verwässerung seiner Anteile in Kauf nehmen. Wie groß das Interesse an zusätzlichen Aktien ausfällt, bleibt dennoch abzuwarten. Viele Privataktionäre fühlen sich durch den Ölreserven-gegen-Aktien-Deal zwischen Regierung und Petrobras übervorteilt. Denn für die neuen Reserven zahlt Petrobras einen überraschend hohen Preis, der auf Basis von dürftigen Informationen und in einem wenig transparenten Verfahren vereinbart wurde. Zudem ist die Erschließung und Ausbeutung der Tiefseevorkommen mit besonders hohen Risiken behaftet, die durch das Desaster der BP-Ölplattform im Golf von Mexiko nur noch stärker ins Bewusstsein der Anleger gerückt sind.

Dennoch rechnen viele Analysten mit einer großen Beteiligung an der Kapitalerhöhung auch von seiten privater Investoren. Kaum ein anderes Ölunternehmen des Globus kann ähnlich hohe Zuwachsraten von Produktion und Reserven erwarten wie Petrobras. Bis 2020 plant der Konzern eine Verdoppelung der inländischen Tagesförderung auf fast 4 Milliarden Barrel. An den Pré-Sal-Projekten, durch die Brasilien zu einem der führenden Ölförderländer des Globus werden könnte, soll Petrobras nach staatlicher Vorgabe in jedem Fall die operative Führung und einen Mindestanteil von 30 Prozent des Kapitals übernehmen. Der Kurs der Petrobras-Aktie ist seit Jahresbeginn dennoch um rund 24 Prozent gefallen. Außer BP hat keine andere Ölaktie so stark verloren. Die Risiken des starken Tiefsee-Engagements und die Unklarheiten über den Kapitalisierungsprozess belasteten die Aktie.

Kaum ein Analyst darf Petrobras noch kommentieren

Nur wenige Analysten dürfen sich zur größten Kapitalerhöhung der Welt äußern. Fast alle Banken von Rang sind im Konsortium eingebunden: Merrill Lynch, Citi, Morgan Stanley, Santander, Crédit Agricole, Credit Suisse, Goldman Sachs, HSBC, ICBC, JP Morgan, Société Générale, Deutsche Bank, BBVA, Mitsubishi UFJ, Nomura, SEB und Standard Chartered. Von den großen Banken fehlt nur die UBS, deren Analyst sich zuletzt immer wieder kritisch zu Petrobas geäußert hatte. „Es ist schwer zu sagen, wie Petrobras mit solch einem riesigen Ereignis zurecht kommen will“, sagt Felipe Casotti, Fondsmanager bei Maxima Asset Management in Rio de Janeiro. „Die neuen Aktien erscheinen günstig, aber der Verwässerungseffekt ist enorm.“

Damit meint er folgendes Phänomen: Notiert eine Aktie bei 100 Euro und begibt ein Unternehmen neue Aktien zu 10 Euro, sinkt der Kurs der 100-Euro-Aktien. Der Kurs nähert sich dann dem gewichteten Durchschnittskurs aller Aktien an. Dennoch hält das brasilianische Wertpapierhaus Sociedade Corretora die Aussichten der Aktie für überdurchschnittlich und erwartet, dass der Kurs von aktuell 28 Real auf 46 Real steigt. Allein wegen der Bedeutung von Petrobras für die lateinamerikanischen Aktienmärkte kommen Fondsmanager kaum umhin, zu kaufen. So macht Petrobras im gut 2 Milliarden Euro schweren Fonds Amundi Funds Latin America Equities knapp 5 Prozent des Vermögens aus. Auch Aktienfonds, die in die Rohstoffbranche oder in die Bric-Länder Brasilien, Russland, Indien und China investieren, müssen fast zwangsläufig an der Transaktion zeichnen. (hlr.)

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 10.09.2010, 20:15 Uhr


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