Home
http://www.faz.net/-gv7-nuxk
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Ölaktien Europäer unter Druck

04.06.2008 ·  Vom scharfen Anstieg des Rohölpreises haben die Aktien der großen Ölgesellschaften weniger profitiert, als es viele Anleger intuitiv erwartet hätten. Jetzt, da die Notierungen am Rohölmarkt kräftig zurückkommen, stehen sie unter Druck. Vorteile sehen die Analysten bei Total.

Artikel Bilder (4) Lesermeinungen (0)

Die Aktien der großen Ölgesellschaften zählten am Mittwoch zu den Tagesverlierern an den europäischen Aktienmärkten. Shell verloren zeitweise 3 Prozent und notierten bei 2063 britischen Pence. Europas zweitgrößter Ölförderer, BP, notierten sogar 3,8 Prozent schwächer bei 582 Pence. Zusammen mit den Minengesellschaften drückten die Öltitel somit Londoner Aktien auf ihren niedrigsten Stand seit mehr als sechs Wochen. In Paris verloren Total zeitweise 2,8 Prozent.

Auslöser für den Kursverfall war der sinkende Ölpreis. Die amerikanische Leitsorte West Texas Intermediate (WTI) fiel wieder unter 124 Dollar je Fass (159 Liter), nachdem der Rohölpreis vor wenigen Tagen noch die Marke von 130 Dollar überstiegen hatte.

Ölpreis löst Kursverfall aus

„Die Tatsache, dass der Ölpreis kürzlich fast 10 Prozent fiel, ist definitiv der Auslöser für den Ausverkauf“, sagte Analyst Alexandre Weinberg von Petercam. „Wir haben in den vergangenen zwei Wochen eine ganze Reihe von Kommentaren gesehen, in denen von einer Ölpreis-Blase die Rede war. Nun versuchen einige Leute aus dem herauszukommen, was ein Zusammenbruch werden könne. Aber das Angebot bleibt sehr knapp, so dass ein plötzlicher Crash nicht droht.“

Bei BP belastete zusätzlich ein Konflikt innerhalb von TNK-BP, dem Gemeinschaftsunternehmen, das der britische Ölkonzern in Russland mit einem dortigen Investor betreibt. Der Vorstand von TNK-BP hatte empfohlen die Gewinnausschützung von 5 Milliarden Dollar für 2006 auf 2,6 Milliarden Dollar zu senken und begründete dies mit hohen Investitionen, die vorgenommen werden müssten, beispielsweise in Raffinerien, um die Qualität des geförderten Öls zu verbessern. Gleichzeitig fiel der Gewinn im vergangenen Jahr um 21 Prozent.

Die unterschiedlichen Interessen kollidieren

„Dies ist ein Thema, wo die Prioritäten der lokalen Finanzinvestoren und die einer internationalen Ölgesellschaften kollidieren“, sagte Chris Weafer, Chefstratege von Ural-Sib Financial Corp., der Nachrichtenagentur Bloomberg. „Eine Dividendenkürzung ist aus Sicht von BP höchst sensibel, da BP die künftige Produktion steigern will, während TNK-BP für die Partner vor Ort eine Melkmaschine ist.“ TNK-BP ist das größte Ölförderunternehmen Russlands.

Unterdessen drücken die hohen Preise auf den Rohstoffmärkten nach Einschätzung der OECD weiter auf die Weltkonjunktur. Auch die Turbulenzen auf den Finanzmärkten und die Schwäche am Wohnungsbau machen besonders der amerikanischen Wirtschaft zu schaffen, prognostizierte die Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) am Mittwoch in ihrem Wirtschaftsausblick.

Die größte Volkswirtschaft der Welt wird demnach im laufenden Jahr weitgehend stagnieren. Dank des brummenden Exportmotors kommt Deutschland zwar mit einem blauen Auge davon. Aber auch in der Bundesrepublik kühlt die Konjunktur in der zweiten Jahreshälfte ab.

Ölaktien profitieren kaum vom steigenden Ölpreis

Trotz des scharfen Preisanstiegs von Rohöl wurden die Aktien von BP und Royal Dutch Shell im Verlauf der vergangenen Jahre doch in einer relativ engen Spanne gehandelt. Das mag überraschen, werden die Ölgesellschaften in der öffentlichen Meinung doch intuitiv zu den Gewinnern der internationalen Ölknappheit gezählt.

Fakt jedoch ist, dass die europäischen Ölgesellschaften nicht dauerhaft von der Hausse am Rohölmarkt profitieren konnten. In den vergangenen Tagen kam beispielsweise die Shell-Aktie von ihrem Rekordhoch von 2245 Pence wieder auf 2028 Pence zurück. Dies ist ein Kursverlust von knapp 10 Prozent in wenigen Tagen.
Die Kursentwicklung belastet nach Meinung von Analysten, dass auf die Ölgesellschaften in den kommenden Jahren hohe Investitionen zur Förderung von Rohöl und zur Erschließung neuer Ölfelder zukommen.

Total-Aktie läuft etwas besser als die von BP und Shell

Etwas besser hat sich in den vergangenen Wochen die Aktie der französischen Ölgesellschaft Total entwickelt - der Kurs ist seit Anfang März von einem 52-Wochen-Tief von 45,45 Euro auf zuletzt 54 Euro gestiegen. Vor allem ist der Titel mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 9,1 noch relativ günstig bewertet. Damit liegt die Bewertung sogar noch über der von Shell, deren Aktie mit dem 8,8-fachen Jahresgewinn bewertet ist. Das KGV von BP beträgt derzeit 9,2 und liegt damit auf dem Niveau von Total.

Total wird denn auch die schweizerische Privatbank Sarasin zum Kauf empfohlen, nachdem die Konzernführung öffentliche Überlegungen darüber angestellt hatte, sich künftig auch in der Erzeugung von Atomstrom zu engagieren. Aufgrund der langjährig guten Beziehungen in Energie produzierenden Ländern bringe Total Expertise für solche Projekte mit. Auch kurzfristig biete die Total-Aktie Anlegern gute Chancen, da das Unternehmen seine Position im höherwertigen Bereich im Ölmarkt ausbauen wolle.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: hlr.
Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
25.05.2012 17:45 Uhr
  Vortag
Dax 6.339,94 +0,38%
 OK
25.05.2012
Name Kurs Prozent
DAX 6.339,94 +0,38%
FAZ-INDEX 1.377,69 −0,11%
TecDAX 752,47 +0,08%
MDAX 10.196,40 −0,34%
SDAX 4.817,28 +0,29%
REX 434,70 −0,15%
Eurostoxx 50 2.161,87 +0,25%
F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
Dow Jones 12.454,80 −0,60%
Nasdaq 100 2.527,05 −0,17%
S&P500 1.317,82 −0,22%
Nikkei225 8.580,39 +0,20%
EUR/USD 1,2515 −0,14%
Rohöl Brent Crude 106,90 $ +0,14%
Gold 1.569,50 $ +0,06%
Bund Future 144,35 € +0,25%