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Mittwoch, 19. Juni 2013
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Nigel Bolton, Experte für europäische Aktien „Die Anleger kehren zurück“

 ·  Blackrock-Manager Bolton ist optimistisch, was europäische Aktien angeht. Er sagt, warum er besonders italienische Titel bevorzugt.

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F.A.Z.: Herr Bolton, sind Zentralbanker mit ihrer lockeren Geldpolitik derzeit die besten Freunde der Aktienkäufer?

Bolton: So scheint es. Sowohl in Amerika, aber auch in Großbritannien und vielleicht auch in Europa gibt es geldpolitische Lockerungen der Notenbanken, die den Anstieg an den Börsen stützen. Die Aktionen senken nicht nur die Kapitalkosten, das billige Geld hat in den vergangenen zwei Jahren auch die Aktienkurse getrieben. Die Frage ist nur, ob der Anstieg nachhaltig ist.

F.A.Z.: Wie lautet Ihre Antwort?

Bolton: Die Aktionen der Notenbanken nehmen den Anlegern die Deflationsangst, also die Furcht vor sinkenden Preisen. Seit Beginn der Finanzkrise waren die Investoren sehr besorgt darüber, dass die Welt in eine Deflation und eine Depression rutscht. Dies würde sich negativ auf die Gewinnaussichten der Unternehmen auswirken und die Bewertung der Aktien drücken. Nun fürchten allerdings viele die Risiken der Inflation, also steigende Preise und damit Geldentwertung. Die Hoffnung ist, dass es sich irgendwo in der Mitte einpendelt.

F.A.Z.: Seit Juni haben europäische Aktienindizes stark zugelegt. Ist die Angst der Anleger verschwunden?

Bolton: Die Furcht der Anleger ist nicht weg. Sie meiden es immer noch, höhere Risiken einzugehen. Viel Kapital wird gehortet. Dass die europäischen Aktienmärkte seit Anfang dieses Jahres trotzdem zweistellige Gewinne verzeichnet haben, ist eine große Überraschung.

F.A.Z.: Und wie tragfähig kann dieser Anstieg sein?

Bolton: Wenn die europäischen Politiker und die Europäische Zentralbank die richtigen Entscheidungen treffen, sollte der Kursanstieg andauern. Im Juni hatte sich die Krise abermals zugespitzt, viele Aktienanleger in Europa waren in großer Sorge um den Euro. Dann gab es die Hilfen für spanische Banken. Und EZB-Präsident Draghi versicherte, es werde alles unternommen, um den Euro zu retten. Kanzlerin Merkel unterstützt diese Linie. Das hat für Vertrauen gesorgt und den Aktienmärkten geholfen.

F.A.Z.: Kein Wunder, dass Großanleger wie Sie die Aktionen der Notenbanken und Politiker gutheißen, Sie profitieren schließlich davon.

Bolton: Wir verwalten das Geld von Anlegern mit einem längerfristigen Anlagehorizont. Mich interessiert daher weniger, ob der Aktienmarkt in Europa für ein halbes Jahr steigt, oder nicht. Viel wichtiger für Europa ist langfristig ein monetärer Rahmen, der die Wettbewerbsfähigkeit der Länder steigert. Das gilt besonders für die Länder in der Peripherie Europas. Sie müssen Reformen durchführen, wie es Deutschland vor einem Jahrzehnt erfolgreich gemacht hat. Die Peripherieländer sind im vergangenen Jahrzehnt wegen der niedrigen Zinsen passiver geworden, die nötigen Reformen wurden nicht durchgeführt. Jetzt ist es ein schmerzhafter Prozess für Länder wie Italien und Spanien.

F.A.Z.: Was ist mit Griechenland? Wird das Land den Euroraum verlassen müssen?

Bolton: Ich gehe davon aus, dass der Euroraum erhalten bleibt und Europa sich erholen kann. Es wäre für den Euro allerdings nicht zu verkraften, wenn Länder wie Italien und Spanien austreten. Bei Griechenland sieht die Sache anders aus: Die ökonomische Struktur des Landes scheint einfach nicht zum Rest des Euroraums zu passen, um wettbewerbsfähig zu sein.

F.A.Z.: Was passiert, wenn Griechenland den Euroraum verlässt?

Bolton: Wir würden wahrscheinlich Unruhe an den Finanzmärkten erleben, der Rest des Euroraums sollte aber gut abgeschirmt und die Situation zu verkraften sein.

F.A.Z.: Der Handel mit europäischen Aktien ist so niedrig wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Wie geht es weiter?

Bolton: Wir erleben eine Situation, die typisch für den Beginn von Bullen-Märkten ist, wenn also mit steigenden Kursen zu rechnen ist. Noch im Juni waren die Anleger besonders pessimistisch. Alle redeten davon, wie schlecht die Lage in Europa sei. Doch nun sehen wir, dass zum ersten Mal innerhalb von zwei Jahren die Anleger zurückkehren und verstärkt europäische Aktien kaufen. Dieser Trend beschleunigt sich und wird weitere Investoren anziehen.

F.A.Z.: Was macht Sie so zuversichtlich? Die Bilanzsaison war nicht gut, die Konjunktur lahmt.

Bolton: Sicherlich ist der Ausblick für das Gewinnwachstum der börsennotierten Unternehmen nicht so positiv, wie wir uns das wünschen würden. Dies wird auch noch eine Weile so bleiben. Allerdings gibt es weniger Herabstufungen bezüglich der Gewinnaussichten. Das zeigt, dass sich die Erwartungen verbessern. Historisch betrachtet, sind europäische Aktien sehr niedrig bewertet. Die Großinvestoren haben europäische Aktien immer noch stark untergewichtet, es gibt also viel Nachholpotential.

F.A.Z.: Auf welche Länder setzen Sie in Europa?

Bolton: Derzeit schätze ich besonders Italien. Das Land ist auf einem guten Weg. Mir scheint, dass die Politiker, Unternehmen und Gewerkschafen dort an einem Strang ziehen. Ich bevorzuge italienische Unternehmen, die ein starkes internationales Geschäft haben, wie der Ölkonzern Eni. Ich mag aber auch inländische Anbieter wie den italienischen Autobahnbetreiber Atlantia. Dies ist eine unterbewertete Aktie mit einer attraktiven Dividendenrendite, die von nachlassenden Renditen italienischer Anleihen profitiert.

F.A.Z.: Und Deutschland?

Bolton: Die Exportstärke des Landes gefällt mir. Wir halten zum Beispiel Aktien von Unternehmen wie Continental. Besonders die Nebenwerte aus dem Industriesektor sind interessant, zumal der weiterhin schwächere Euro-Kurs diesen Exportunternehmen zugute kommen sollte. Wir setzen aber auch auf Finanzwerte wie die Deutsche Bank.

F.A.Z.: Welche Branchen bevorzugen Sie?

Bolton: Wir sind übergewichtet in Industrieaktien, Titeln aus dem Bereich der Nicht-Basiskonsumgüter und halten aber auch Aktien aus der Telekombranche - davon aber nur wenige. Konsumgüteraktien haben es derzeit eher schwer. Es gibt aber auch einige Luxusgüterhersteller und Pharmahersteller in Europa, die auf der ganzen Welt sehr erfolgreich sind.

F.A.Z.: Was sind die größten Risiken für Aktienanleger?

Bolton: Die politischen Unsicherheiten in Europa sind groß. Die Politik macht es Investoren sehr schwer, Prognosen zu erstellen. Im September gibt es zudem einige Termine, die noch für Wirbel sorgen könnten: Denken Sie nur an die nächste EZB-Ratssitzung. Zudem entscheiden die Niederländer über eine neue Regierung - wird sie eurofreundlich oder nicht? Außerdem stimmt das Bundesverfassungsgericht in Deutschland über den Euro-Krisenfonds ESM ab. Und die Troika aus EZB, IWF und der EU wird Griechenland prüfen. Da kommt noch einiges auf die Anleger zu.

Das Gespräch führte Tim Höfinghoff.

Quelle: F.A.Z.
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