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Nebenwerte : Marseille-Kliniken: Aktie ringt um Aufwärtstrend

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Der Chart zeigt den Kursverlauf der Aktie der Marseille-Kliniken. Bild:

Die Aktie der Marseille-Kliniken hat sich dieses Jahr schön entwickelt - bis staatsanwaltliche Untersuchungen bekannt wurden. Seitdem steht der Titel unter Druck und muß um den Aufwärtstrend ringen.

          Solche Nachrichten kann ein börsennotiertes Unternehmen gebrauchen wie ein Mensch Zahnschmerzen: Wegen des Verdachts der Bilanzfälschung hat die Polizei beim Klinik-Großunternehmer Ulrich Marseille vergangene Woche eine Großrazzia veranlaßt. Schon in der zweiten April-Hälfte war bekannt geworden, daß die Berliner Staatsanwaltschaft in dieser Sache ermittele. Am 20. April teilte das Unternehmen mit, es handele sich um falsche Vorwürfe eines ehemaligen Mitarbeiters, mit dem die Marseille-Kliniken einen Rechtsstreit austrügen.

          Zu Wochenbeginn sind Analysten dem Unternehmen beigesprungen. Es handele sich um „ärgerliche Schlagzeilen“, die die Substanz des Unternehmens „unberührt“ ließen, urteilt SES Research. Und Independent Research hält den Vorwurf unter Verweis auf die Testate zweier Wirtschaftsprüfungs-Gesellschaften für ungerechtfertigt. Beide Analysehäuser sind für Marseille-Kliniken positiv gestimmt und sehen die Aktie als klar unterbewertet an.

          Die durch die unliebsamen Nachrichten in Mitleidenschaft gezogene Aktie scheint sich zu fangen. Am Dienstag hat sie auf dem Frankfurter Parkett um 3,3 Prozent auf 9,97 Euro zugelegt, am Mittoch gibt sie in einem schwächer tendierenden Umfeld ein Prozent wieder ab. Der Titel ringt darum, nicht aus dem Aufwärtstrend zu rutschen und technische Verkaufsignale zu senden.

          Wechselseitig Anzeige erstattet

          Wie das Nachrichtenmagazin „Der Spiegel“ in seiner aktuellen Ausgabe berichtet, durchsuchten Fahnder bereits am Mittwoch vier Privatwohnungen des Ehepaars Marseille, die Zentralen der Marseille-Kliniken AG in Berlin und Hamburg sowie zwei Wirtschaftsprüfungsgesellschaften. Es geht um den Vorwurf, die Marseille-Kliniken AG habe im Jahresabschluß 2000/2001 ein Tochterunternehmen, die Beteiligung TD Trump Deutschland, falsch bilanziert.

          Die Marseille-Kliniken nannten die Ermittlungen „ebenso untauglich wie unangebracht“. In einer am Sonntag veröffentlichten Erklärung wurden die Vorwürfe energisch zurückgewiesen. „Nur durch die Angabe objektiv falscher Fakten hat die Staatsanwaltschaft den Durchsuchungsbeschluß erwirken können“, heißt es. Zum fraglichen Zeitraum sei nicht Ulrich Marseille Vorstandsvorsitzender und somit verantwortlich gewesen, sondern ein im September 2002 fristlos gekündigter Mitarbeiter. Dieser habe auch die Strafanzeige gestellt. Die Marseille-Kliniken hätten ihrerseits bereits mehrere Strafanzeigen gegen den ehemaligen Mitarbeiter gestellt und Zivilverfahren wegen „korruptiven Verhaltens“ angestrengt.

          Gescheiterte Beteiligung im Blickpunkt

          Inhaltlich bezieht sich die Untersuchung auf 2000/01 angefallene Verluste der TD, ein gescheitertes Engagement der Marseille-Kliniken. Diese Verluste seien dem Unternehmen zu Unrecht in voller Höhe zugeordnet worden. TD war, so SES-Analyst Oliver Drebing, seinerzeit als hundertprozentige Tochter ausgewiesen, obwohl schon im August 2000 die Rückübertragung der Hälfte der Anteile an TD an die Trump Organization erfolgt sei. Bis auf eine gerichtlich anhängige Forderung an die Marseille-Kliniken in Höhe von zwei Millionen Euro und einen Beteiligungsansatz von 100.000 Euro seien die Lasten aus dem Engagement bereinigt.

          Da kein Gewinnabführungsvertrag bestanden habe, bleibe die Substanz der Marseille-Kliniken unberührt. Auch die „ausgezeichnete Unternehmensperspektive im Wachstumssegment der stationären Altenpflege“ sei nich betroffen. Die Ratingagentur Standard&Poor´s habe auch schon mitgeteilt, daß sie keinen Zusammenhang zwischen dem Rating der Marseille-Kliniken (BB-/Ausblick negativ) und den Ermittlungen sehe.

          Angesichts dessen hat Drebing seine Einstufung „Outperformer“ und den fairen Wert von 15 Euro bestätigt. Mithin sieht er die Aktie als zu 50 Prozent unterbewertet an. GSC Research hält den Titel für eine attarktive Langfristanlage und kann sich auf Sicht von zwei Jahren einen Kurswert von 16 Euro vorstellen. Independent Research ist nicht ganz so „bullish“, sieht das Papier aber als Kauf an und nennt ein Kursziel von 12,80 Euro.

          Aktie günstig bewertet

          Gemessen an der Bewertung wirkt der Titel jedenfalls attraktiv. Nach den Gewinnschätzungen der Analysten kommt er auf Kurs-Gewinn-Verhältnisse von 11,6 für dieses Jahr und knapp neun für 2006. Damit ist er günstig bewertet, zumal der Gewinn stärker steigt als der Umsatz.

          Aus charttechnischer Sicht kommt es darauf an, die Unterstützungszone bei 9,65 Euro nicht zu unterbieten; dort verläuft aktuell auch der Aufwärtstrend. Ein Fall darunter dürfte Anschlußverkäufe nach sich ziehen. Insofern sollten Anleger, die den Titel im Depot haben, aufpassen. Solange die Unterstützung hält, ist der Titel eine Halte-Position. Wer angesichts der günstigen Bewertung mit einem Einstieg liebäugelt, sollte besser abwarten und außer dem Kursverlauf auch den Fortgang der Ermittlungen im Auge behalten.

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