Die Korrektur am deutschen Aktienmarkt ist vorerst beendet. Am 6. Juni fand der die 100 größten deutschen Aktiengesellschaften umfassende F.A.Z.-Aktienindex Halt auf 1389 Punkten. Damit waren seine gesamten Jahresgewinne aufgezehrt. Doch nach vier aufeinanderfolgenden Wochen mit Zuwächsen beendete der F.A.Z.-Index den Monat Juni noch mit einem Plus von 1,9 Prozent auf 1389 Punkten. Seither legte der Index weiter auf 1425 Punkte zu. Nach den drei positiven Jahresanfangsmonaten ist der Juni nun der vierte Monat in diesem Jahr, in dem der F.A.Z.-Aktienindex mit Gewinnen abschließt. Die deutlichen Kursverluste im April und Mai führen jedoch zu einem Rückgang des Index im zweiten Quartal von insgesamt 10 Prozent.
Andreas Hürkamp, Aktienstratege der Commerzbank, nennt den drohenden Austritt Griechenlands aus dem Euroraum, Sorgen um den spanischen Bankensektor, enttäuschende Konjunkturdaten im Euroraum und das sich abschwächende Wachstum in den Vereinigten Staaten und in China als Gründe, die im zweiten Quartal eine deutliche Korrektur an den Aktienmärkten ausgelöst haben. „Der EU-Gipfel Ende Juni, die Ausweitung der ,Operation Twist’ durch die Fed und Chinas Leitzinssenkung unterstützten dagegen die Aktienmärkte“, stellt Hürkamp fest. Tatsächlich waren es vor allem die Ergebnisse des jüngsten EU-Gipfels, auf dem Bundeskanzlerin Angela Merkel deutliche Zugeständnisse zu einer Bankenunion machte, die den Applaus der Aktienanleger fanden und den F.A.Z.-Aktienindex seither in die Höhe treiben.
Anleger fordern höhere Renditen vom Bund
Der Aufschwung am deutschen Aktienmarkt im Juni wird nicht von besseren deutschen Konjunkturindikatoren gestützt, im Gegenteil. Der Ifo-Index fiel auf das Zweijahrestief von 105,4. Der ZEW-Index brach im Juni von 10,8 auf minus 16,9 ein, das ist der stärkste Einbruch seit 1998. Während der Einkaufsmanagerindex für den Euroraum auf 44,8 fiel, sank der Indikator für Deutschland sogar stärker auf 44,7.
Am Anleihemarkt vollzog sich gleichwohl im Juni eine noch markantere Wende als am Aktienmarkt. Am 23. Mai hatte sich Deutschland auf dem Höhepunkt der sich für die europäischen Peripherie-Länder abermals zuspitzenden Staatsschuldenkrise für zwei Jahre Geld zu null Prozent leihen können. Am 1. Juni warfen Bundesanleihen mit zehn Jahren Laufzeit nur noch 1,13 Prozent ab. Der Bund-Future, wichtigster Zinskontrakt auf Bundesanleihen mit längeren Laufzeiten, beendete die darauf folgenden vier Wochen dann aber mit Kursrückgängen. Marktteilnehmer befürchten, Deutschlands Bonität werde durch die ausgeweitete grenzüberschreitende Haftung für die Schulden von EU-Staaten und deren Banken leiden. Deshalb fordern die Anleger wieder höhere Renditen vom Bund. Die Rendite der Bundesanleihe mit zehn Jahren Laufzeit kletterte von 1,13 Prozent am 1. Juni bis auf 1,6 Prozent.
Nur von wenigen Branchen getragen
Für Michael Riesner, technischer Analyst der UBS, ist nach den vergangenen vier Wochen mit kontinuierlichen Renditezuwächsen die Zinswende in Deutschland vollzogen. Zwar rechnet Riesner auf kurze Sicht mit einer leichten Korrektur des vorangegangenen Zinsanstiegs. Aber er erwartet nicht, dass der Zehn-Jahres-Zins von 1,13 Prozent am 1. Juni noch einmal unterboten wird. Behielte Riesner recht, würde der 1. Juni als der Tag in die Geschichte eingehen, an dem die deutschen Zinsen einmalig niedrig waren. Dieser Tag hätte dann vermutlich auch für die Aktienmärkte Bedeutung. Zumindest drehten die Zinsen im März 2003 und im März 2009 zur gleichen Zeit, als auch die deutschen Aktienindizes langjährige Tiefstkurse erreichten und anschließend über mehrere Monate hinweg haussierten.
Wie für einen noch zögerlichen Aufschwung nach einer heftigen Korrekturphase nicht untypisch, wird der Anstieg des F.A.Z-Aktienindex im Juni nur von wenigen Branchen getragen. An der Spitze mit einem Indexplus von 10 Prozent stehen die von den Anlegern für wenig konjunkturabhängig gehaltenen Versorger- und Telekomwerte. Der größte deutsche Energieversorger Eon und der Düngemittelhersteller K+S sind zudem die einzigen Werte aus dem die 30 größten deutschen Aktiengesellschaften umfassenden Dax, die es unter die besten neun Aktien des F.A.Z.-Index geschafft haben. QSC, ein Mobilfunkdienstleister für Geschäftskunden, stellt die einzige Monatsgewinner-Aktie aus dem Tec-Dax.
Rheinmetall-Aktie reagiert mit Kursgewinnen
Ein Übergewicht unter den besten Juni-Aktien im F.A.Z.-Aktienindex haben damit Unternehmen aus dem M-Dax. Der Spitzenreiter Rheinmetall hatte zunächst den geplanten Börsengang seiner Automobilzuliefersparte KSPG Ende Mai ausgesetzt. Als dann das Spezialchemieunternehmen Evonik Anfang Juni rund um die Wahlen in Griechenland auch im dritten Anlauf mangels Kaufinteresses mit seinem Börsengang scheiterte, brach dann auch Rheinmetall den Börsengang von KSPG Ende Juni endgültig ab. Die Rheinmetall-Aktie reagierte mit Kursgewinnen. Offensichtlich hatte die Anleger nicht überzeugt, dass sich Rheinmetall fortan auf das Rüstungsgeschäft konzentrieren wollte. Gleichwohl bleibt Phantasie über strategische Veränderungen bei Rheinmetall im Markt. So zeigte sich Konkurrent Krauss-Maffei, um den Rheinmetall schon oft geworben hat, zuletzt offener für einen Zusammenschluss.
Die Phantasie der Anleger regt auch Deutsche Wohnen an. Nach einer Kapitalerhöhung um 460 Millionen Euro, die ausgerechnet zu dem Zeitpunkt gelang, als Evonik seine Börsenpläne beenden musste, steigt die früher zum Konzern der Deutschen Bank gehörende Deutsche Wohnen zur deutschen Wohnungsgesellschaft mit dem höchsten Börsenwert auf. Üblicherweise reagieren Anleger auf Kapitalerhöhungen mit Aktienverkäufen, weil sich der Unternehmensgewinn auf mehr Aktien verteilt. Doch offenbar überzeugt viele Börsianer das Vorgehen von Deutsche Wohnen. Die Aktie gehörte im Juni zu den größten Gewinnern im F.A.Z.-Index.
Dabei ist die Kapitalerhöhung von Deutsche Wohnen die bisher zweitgrößte eines deutschen Unternehmens in diesem Jahr. Mit den Einnahmen will Deutsche Wohnen die im Mai erfolgte Übernahme von Baubecon finanzieren. Für die aus dem Besitz von Barclays stammende Baubecon und ihre 23.500 Wohnungen zahlt Deutsche Wohnen 1,23 Milliarden Euro. Doch nur drei Viertel der Kapitalerhöhung benötigt Deutsche Wohnen, um den Kauf von Baubecon zu finanzieren. Der Rest sei für weitere Zukäufe vorgesehen, heißt es. Derzeit werde in fortgeschrittenen Verhandlungen über den Erwerb von 6500 Einheiten gesprochen, weitere 5000 Einheiten würden geprüft. Das heißen viele Börsianer gut. Auch als Privatanleger stecken viele von ihnen ihr Geld derzeit in deutsche Immobilien.
Die bisher größte Kapitalerhöhung in diesem Jahr am deutschen Aktienmarkt vollzog im Mai Fresenius. Der Gesundheitskonzern verkaufte neue Aktien und erlöste 1 Milliarde Euro. Dieses Geld wollte Fresenius auch verwenden, um Rhön-Klinikum zu erwerben. Doch diese im Juni bekanntgegebene Übernahme ist vorerst gescheitert. Zwar nahmen 84 Prozent der Aktionäre das Angebot von Fresenius an. 90 Prozent aber wären wegen einer speziellen Klausel der Satzung nötig gewesen. Die Rhön-Klinikum-Aktie ist nach der gescheiterten Übernahme die zweitschlechteste Aktie im F.A.Z.-Index im Juni.
Solarbranche knüpft an schwache Kursentwicklung an
Die Kursverluste der Rhön-Klinikum-Aktie werden nur noch übertroffen von denen des Solarmaschinenunternehmens Centrotherm. In einer Mitteilung hieß es, dass Warenlieferungen an das Unternehmen künftig nicht weiter versichert werden. Der Grund sei die andauernd schlechte Marktlage und die daraus folgende angespannte Finanzierungssituation. Der Vorstand erwarte auf der Basis dieser Information von Mitte Juni Belastungen im niedrigen zweistelligen Millionen-Euro-Bereich. Mit Solarworld findet sich ein weiteres Unternehmen aus der Solarbranche unter den schlechtesten Werten des F.A.Z.-Aktienindex im Juni.
Während die Solarbranche also im Juni an ihre schwache Kursentwicklung der Vormonate anknüpfte, hat der gesamte deutsche Aktienmarkt trotz schwacher Konjunkturdaten und trotz Zweifeln an einer dauerhaften Lösung der Staatsschuldenkrise wieder Tritt gefasst.
FAZ-Index
Michael Schumann (MichaelSchumann)
- 06.07.2012, 13:17 Uhr