Die wachsende Risikobereitschaft der Anleger führt zu steigenden Aktienkursen in Europa, gefragt sind Aktien in den krisengeplagten Ländern wie Spanien und Italien. Zwar klettern schon seit einigen Wochen die Aktienkurse in Europa. Doch dieser Trend verstärkt sich, nachdem die Europäische Zentralbank (EZB) am Donnerstag verkündet hat, unbegrenzt Staatsanleihen von europäischen Ländern zu kaufen, die in Not geraten sind. „Die Entspannung an den europäischen Rentenmärkten nach der EZB-Entscheidung lässt Investoren jetzt wieder verstärkt zu europäischen Aktien greifen“, sagt Britta Weidenbach von der Fondsgesellschaft DWS. Weidenbach verwaltet für die DWS ein Aktienvermögen in Höhe von 1 Milliarde Euro.
In Madrid stieg der Ibex am Freitag im Handelsverlauf über die Marke von 8000 Punkten. Auch der FTSE MIB in Mailand legte zu und schloss mit 2 Prozent im Plus. Der Euro Stoxx 50 gewann 0,5 Prozent. Seit den Börsen-Tiefständen im Juli dieses Jahres hat der spanische Aktienmarkt um 30 Prozent gewonnen, auf Jahressicht liegt Spanien allerdings noch mit einem Minus von 7 Prozent zurück. Italienische Aktien können seit Jahresanfang ein Plus von 7 Prozent verbuchen. „Das zeigt, dass die Lage in Spanien immer noch angespannter als in Italien ist“, sagt DWS-Fondsmanagerin Weidenbach.
Auch in Deutschland wächst das Interesse
In den Aktienindizes von Spanien und Italien haben Aktien von Banken, Versorgern und Telekommunikationsunternehmen ein hohes Gewicht. Daher können diese Branchen von dem wachsenden Anlegerinteresse besonders profitieren. „Die Bankaktien gewinnen, weil diese Titel zuvor stark abgestraft wurden und hoch korreliert zur Zinsentwicklung in der Peripherie sind“, sagt Weidenbach.
Die Verschärfung der europäischen Schuldenkrise hatte zuletzt die Bereitschaft von internationalen Großinvestoren geschmälert, in europäische Aktien zu investieren. Zwar konnte auch der deutsche Aktienmarkt deutliche Gewinne seit dem Sommer verbuchen, doch blieben die Umsätze an den Börsen sehr niedrig. „Großinvestoren außerhalb des Euroraums waren noch nie so stark untergewichtet in europäische Aktien wie in den vergangenen Wochen“, sagt Weidenbach. „Diese Anleger kehren nun zurück.“
Auch in Deutschland wächst derweil das Interesse an Aktien. Im ersten Halbjahr besaßen 10,2 Millionen Privatanleger direkt oder indirekt über Fonds Aktien. Das ist der höchste Wert seit dem Jahr 2007.
Marktteilnehmer sorgen sich um Inflation
„Die Geldanlage in Aktien rückte in jüngster Zeit wieder verstärkt in den Fokus der Anleger“, sagt Helaba-Analyst Christian Schmidt. Viele Marktteilnehmer machen sich zunehmend Sorgen über höhere Inflationsraten, wovon nicht zuletzt Sachwerte wie Aktien profitieren. „Das gilt umso mehr, als Alternativen zur Geldanlage fehlen, denn am Anleihenmarkt bieten sich nur geringe Renditen.“ Hinzu komme, dass „Aktien zum Beispiel in Deutschland derzeit mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 14 historisch betrachtet relativ niedrig bewertet sind“, sagt Schmidt. Und DWS-Managerin Weidenbach rechnet vor: „Die Dividendenrendite für Eurozonen-Aktien liegt 2,5 Mal höher als die Rendite deutscher Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren.“
Mit Blick auf die Kursgewinne an den Börsen in Ländern wie Spanien und Italien ist Analyst Schmidt zuversichtlich, dass der Aufwärtsimpuls grundsätzlich weiter anhalten werde, „wenngleich durch den in den vergangenen Tagen vollzogenen, steilen Anstieg eine Korrektur wahrscheinlicher geworden ist“.
Warnung vor zu viel Optimismus
DWS-Fondsmanagerin Weidenbach sagt, dass die börsennotierten Unternehmen in Spanien und Italien vorrangig auf das inländische Geschäft ausgerichtet seien. Doch die Konjunktur ist dort in einem schlechten Zustand. „Möglicherweise sind mit Blick auf das kommende Jahr die Wachstumsaussichten für solche Unternehmen zu optimistisch.“ Das habe für den Aktienmarkt zur Folge, das die Gewinnaussichten ebenfalls zu optimistisch seien. „Es könnte durchaus sein, dass Spanien im Oktober finanzielle Hilfen beantragt - damit könnte die Europäische Zentralbank dann auch mit ihrem angekündigten Anleihenkaufprogramm beginnen.“
Spanien kämpft nicht nur mit einer hohen Verschuldung im Privatsektor, sondern auch bei den Unternehmen. Hinzu kommt die hohe Arbeitslosigkeit. „Italien muss ebenfalls noch zeigen, dass es zu den nötigen Anpassungsprozessen in der Wirtschaft kommt, wie der Flexibilisierung des Arbeitsmarktes“, sagt Fondsmanagerin Weidenbach.