Das bislang enttäuschende Börsendebüt des Internetunternehmens Facebook wird zu einem Fall für die Aufsichtsbehörden und hat erste juristische Konsequenzen: Gegen Facebook und die Technologiebörse Nasdaq wurden mehrere Klagen von Investoren eingereicht. Zudem wollen sich die Börsenaufsicht SEC und die nichtstaatliche Aufsichtsorganisation Finra mit den Umständen des Facebook-Börsengangs beschäftigen.
Die beim Börsengang führende Konsortialbank Morgan Stanley ist derweil ins Visier des Generalstaatsanwalts des Bundesstaates Massachusetts geraten und hat von ihm eine Anordnung zur Vorlage von Informationen zugestellt bekommen. Dabei geht es um die Frage, ob die Bank nach unten korrigierte Facebook-Prognosen eines ihrer Analysten vor dem Börsengang nur einem begrenzten Kreis von Kunden zugänglich gemacht hat. Morgan Stanley wies in einer Stellungnahme zurück, gegen Vorschriften verstoßen zu haben.
Erhofftes Kursfeuerwerk blieb aus
Die Vorgänge unterstreichen, wie viel Ernüchterung nach dem Börsengang von Facebook eingekehrt ist. Facebook wurde an den Finanzmärkten als die Wall-Street-Premiere des Jahres hochgejubelt, viele Beobachter trauten dem Sozialen Netzwerk zu, zum Überflieger an der Börse zu werden. Stattdessen verlief das Debüt am Freitag ohne das erhoffte Kursfeuerwerk und wurde von technischen Pannen an der Nasdaq behindert. Die Konsortialbanken mussten mit Stützungskäufen am Freitag ein Abrutschen des Kurses unter den Ausgabepreis von 38 Dollar verhindern, am Montag und Dienstag erlebte die Aktie dann drastische Kursverluste. Am Mittwoch stabilisierte sich die Aktie etwas und notierte zur Handelsmitte 2,5 Prozent im Plus auf rund 32 Dollar.
Der Fehlstart lässt nun viele der am Börsengang Beteiligten schlecht aussehen: die Nasdaq, die Konsortialbanken und auch Facebook selbst. Nasdaq-Chef Robert Greifeld gab Pannen im Handelssystem seiner Börse zu und sagte, das sei „nicht unsere beste Stunde“ gewesen.
Der Handel mit den Facebook-Aktien begann zunächst mit Verzögerung, und dann erhielten viele Anleger stundenlang keine Bestätigung ihrer Aufträge. Diese Verwirrung führte zum Rückzug vieler Großanleger. Morgan Stanley wiederum musste sich vorwerfen lassen, das Interesse an den Facebook-Aktien falsch eingeschätzt zu haben, sowohl mit der Festlegung des Ausgabepreises bei 38 Dollar als auch mit der Entscheidung, kurz vor dem Börsengang die Zahl der angebotenen Aktien noch einmal deutlich aufstocken.
Dies führte dazu, dass viele Investoren mehr Aktien zugeteilt bekamen, als sie erwartet hatten. Ein Investor erzählte der „New York Times“, die hohe Zahl der zugeteilten Aktien habe ihn nervös gemacht und dazu bewegt, alle Papiere noch am Freitag wieder abzustoßen. „Wenn es ein wirklich heißer Deal gewesen wäre, hätten wir weniger Aktien bekommen“, sagte er der Zeitung. Auch Facebook-Finanzvorstand David Ebersman, der auf der Unternehmensseite als Architekt des Börsengangs galt und die wesentlichen Entscheidungen zum Preis und Emissionsvolumen mit Morgan Stanley getroffen hat, macht nun im Nachhinein eine schlechte Figur, nachdem er zuvor noch gute Kritiken bekommen hatte.
Weniger rosig als vorher
Für neue Turbulenzen sorgten Medienberichte, wonach Analysten von Morgan Stanley und anderer Konsortialbanken vor dem Börsengang ihre Prognosen für die Geschäftsentwicklung von Facebook zurückgenommen haben, dies aber nur einem begrenzten Kreis ihrer Kunden mitteilten. Die Korrektur folgte auf einen von Facebook veröffentlichten aktualisierten Börsenprospekt, in dem das Unternehmen seine Schwäche auf mobilen Plattformen wie Handys und Tablets hervorhob. Die Analysten sahen die Aussichten von Facebook also als weniger rosig als vorher an, was die Banken aber nicht davon abhielt, einen Ausgabepreis zu bestimmen, der im Nachhinein als sehr ambitioniert erscheint.
Inwiefern die Banken mit ihrem Informationsverhalten gegen Börsenvorschriften verstoßen haben, wird von Beobachtern unterschiedlich beurteilt. Gleichwohl hat der Generalstaatsanwalt von Massachusetts Ermittlungen eingeleitet, und der Finra-Chef Rick Ketchum sagte, die Angelegenheit werfe „regulatorische Bedenken für die Finra und die SEC“ auf. SEC-Chefin Mary Schapiro sagte, ihre Behörde werde sich mit den Umständen des Börsengangs beschäftigen, ohne aber konkreter zu werden.
Unterdessen kamen die ersten Klagen: Ein Investor reichte in New York eine Klage gegen die Nasdaq wegen der technischen Schwierigkeiten beim Börsengang ein. In Kalifornien verklagte ein Investor Facebook selbst und beschuldigte das Unternehmen, Informationen vorenthalten zu haben.
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