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Mut zum Risiko Anleger, macht so weiter!

21.09.2009 ·  Viele sagen, die Krise lehrt: Bloß keine Risiken eingehen. Diese Lehre ist falsch. Ängstliche Anleger verpassen alle Chancen.

Von Dyrk Scherff
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Die Welt war plötzlich eine andere, damals, im Herbst vor einem Jahr, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise. Als das Bankensystem kurz vor dem Kollaps stand, die Aktienkurse zehn Prozent am Tag verloren. Als viele Anleger in Panik ihre letzten Wertpapiere verkauften und das wenige verbliebene Geld auf ein Tagesgeldkonto legten oder gleich mit nach Hause nahmen.

Damals schworen sie sich: So was passiert uns nicht noch einmal. Die Gier, die uns die Krise erst eingebrockt hat, wird aus unserem Leben verbannt. Wir legen nur noch sicher an.

Die falschen Lehren?

Doch jetzt hat der Dax seit März um 60 Prozent zugelegt, er steht auf einem neuen Jahreshoch, und die Anleger ärgern sich schon wieder. Viele haben die Rally verpasst und ihr Geld auf dem Tagesgeldkonto gelassen, wo es nicht einmal mehr zwei Prozent abwirft. Haben sie also aus der Krise die falschen Lehren für ihre Geldanlage gezogen? Hätten sie nicht lieber doch die alten Regeln beachten sollen - und auf mehrere Pferde setzen, auch auf Aktien?

Damals fiel das schwer. Der Dax hatte bis zum Oktober in eineinhalb Jahren 50 Prozent von seinem Höchststand verloren. Die Anleger verkauften alles, was sie besaßen. Die ersten plünderten die Geldautomaten, weil sie Angst um ihre Ersparnisse hatten. Schließlich stand nicht nur das Bankensystem auf der Kippe, ganze Staaten drohten pleitezugehen, weil die Milliarden für die Bankenrettungsprogramme sie überforderten. Island, Irland und viele osteuropäische Länder konnten nur mit ausländischen Krediten vor dem Zusammenbruch bewahrt werden. Auch den Euro, die europäische Währungsgemeinschaft wähnten die Ersten schon am Ende.

Apokalyptische Visionen

Anleger zogen daraus den Schluss, dass sich ihre Geldanlage auf die neuen, dramatischen Zeiten einstellen muss. Die alten Regeln würden nun nicht mehr gelten, neue sollten her. Das oberste Postulat lautete nun: sicher, sicher, sicher. Auch wenn die Rendite mickrig ist. Die Streuung des Geldes auf Aktien, Anleihen, Rohstoffe, Immobilien, die einstmals der Ökonom Henry Markowitz empfohlen hatte, sei Unsinn, weil in der Krise alle Anlageklassen verloren hätten.

Daher lautet das Motto nun: Null Aktien, denn die sind einfach zu riskant. Null Rohstoffe, denn die schwanken viel zu stark. Stattdessen wurden Bundesanleihen der große Renner. Und Gold. Die Bürger rannten den Münzhändlern die Läden ein, der Krügerrand war ausverkauft. Schließlich übersteht das Edelmetall jede Krise. Andere setzten auf Immobilien und den Kauf von Land. Auch die sind stabil im Wert, wenn alles andere kollabiert.

Manch einer sah alles noch dramatischer, die totale Apokalypse: Er fürchtete den Zusammenbruch des Währungssystems und den Übergang zur Tauschwirtschaft wie kurz nach dem Zweiten Weltkrieg. Solche Leute kauften sich schon Ackerland, um Kartoffeln anzubauen. Sie wollten sich an Metzgereien und Bäckereien beteiligen, um die eigene Ernährung im Krisenfall sicherzustellen.

Mut zum Risiko lohnt weiter

Wenige Monate später ist alles ganz anders. Der Zusammenbruch ist ausgeblieben. Den Euro gibt es noch, und er wird ohne Zweifel als Währung akzeptiert. Die Staaten sind nicht pleitegegangen, viele Banken verdienen schon wieder prächtig. Und seit März, nur fünf Monate nach dem schlimmen Krisenoktober, beginnen die Aktienkurse wieder zu steigen. Sie tun es heute noch. Immer mehr Konjunkturdaten deuten darauf hin, dass die Rezession vorbei ist und die Wirtschaft wieder leicht wächst. Die Ökonomen setzen die Wachstumsprognosen für das nächste Jahr hoch und die erwartete Arbeitslosigkeit nach unten.

Noch ist nicht sicher, dass alles so positiv bleibt. Aber eines scheint klar: Die Apokalypse kommt nicht. Und unsere neuen Regeln der Geldanlage, haben sie sich bewährt? Es sind Zweifel angebracht. Die alten Grundsätze scheinen doch meist die besseren zu sein. Man muss sich wohl zurufen: Die bisherigen Regeln gelten noch! Anleger, legt so an wie bisher - oder zumindest so, wie es schon früher empfohlen wurde.

Das bedeutet: Gier ist nicht nur schädlich. Wer ein Risiko eingeht, um Rendite zu machen, kann immer noch Geld verdienen. Langfristig bringen Aktien immer Gewinn, so hieß es früher, nach zehn Jahren ist der Dax fast immer im Plus - und das stimmt auch jetzt noch.

Aktien sind nicht das allein Seligmachende

Denn die Aktienkurse können nicht nur schnell sehr tief fallen, wie der Herbst 2008 gezeigt hat. Sie können auch rasch zulegen, wie man seit März dieses Jahres sieht. Jetzt steht der Dax wieder über seinem Stand aus dem September 1998. Viel Rendite hätte ein reines Aktiendepot trotzdem nicht gebracht. Ein Depot mit Aktien aus allen Industrieländern (MSCI-Welt-Index) brachte erst nach 24 Jahren mehr Rendite als die Zinsen der sicheren Staatsanleihen, wie der Finanzexperte Heiko Jacobs von der Universität Mannheim ausgerechnet hat.

Doch hier greift eine zweite altbekannte Anlegerregel: das Geld gut auf verschiedene Anlageklassen verteilen. Auch wenn viele Anlageformen wie Aktien, Hedge-Fonds und Rohstoffe gleichzeitig an Wert verloren haben, hat sich im vergangenen Herbst doch gezeigt, dass auch eine ordentliche Streuung viel Geld wert ist. Denn wer Staatsanleihen hatte, konnte einen Teil seiner Verluste aus den anderen Anlagen wettmachen.

Nachher ist wie vorher

Heiko Jacobs von der Universität Mannheim hat ausgerechnet: Ein gut verteiltes Depot mit Aktien, Anleihen und Rohstoffen schnitt schon nach 12 Jahren Haltedauer besser ab als Staatsanleihen - es sei denn, die Anleger hätten genau auf dem Tiefpunkt der Kurse Anfang März verkauft. Das belegt eine weitere Grundregel, die vor und auch nach der Krise gilt: Immer zu verschiedenen Zeitpunkten kaufen und verkaufen, um nicht die extremen Kursstände zu erwischen.

Am Ende steht die überraschende Erkenntnis: Die Geldanlage sollte nach der Krise nicht viel anders sein als vorher. Nur eine der Grundregeln, die mancher Anleger erst im Herbst 2008 entdeckt hat, dürfte die meisten bisher zufriedenstellen: Gold ist die richtige Krisenwährung. Der Goldpreis hat viele Depots in der Krise stabilisiert und ist seit dem Herbst gestiegen. Und die Aussichten sind weiter gut.

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Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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