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Veröffentlicht: 29.02.2016, 09:47 Uhr

Finanzstandort Deutschland Banker der Welt, kommt nach Frankfurt

Noch ist London die Finanzhauptstadt Europas. Doch sollte der Brexit kommen, könnte sich das ändern. Auch am Main lässt es sich gut leben.

von und
© Helmut Fricke Blick auf die Skyline von Frankfurt

An einem Dienstag Mitte Februar konnten die Leser des Londoner „Evening Standard“ in ihrer Zeitung Kurioses entdecken. Normalerweise befasst sie sich hauptsächlich mit den neuesten politischen Skandalen im Königreich. Diesmal fand sich unter der Überschrift „Wish you were here?“ eine doppelseitige Reportage über einen Ort, der in den Tagträumen gestresster britischer Pendler in der Regel keine Rolle spielt: Frankfurt am Main. Sollte Großbritannien die Europäische Union verlassen, schrieb die Reporterin anlässlich des kurz bevorstehenden EU-Gipfels, müsse ein Teil der Londoner Banker womöglich bald nach Frankfurt umziehen – höchste Zeit also, sich dort einmal ausgiebig umzuschauen.

Dennis Kremer Folgen:

Der Zeitpunkt für die Geschichte war gut gewählt. Vier Tage später, am Samstag vor einer Woche, präsentierte der britische Premierminister der Öffentlichkeit den Termin für das lange erwartete EU-Referendum und rief seine Landsleute dazu auf, für den Verbleib in der EU zu stimmen. Am 23. Juni werden die Briten darüber entscheiden.

Befürworter und Gegner gleichauf

„Brexit“ nennen die Briten den Austritt – eine Wortkreuzung aus „Britain“ und „Exit“. In der City of London, dem Herzen der britischen Finanzwelt, ist man deswegen extrem nervös. 700.000 Banker arbeiten dort, das entspricht ziemlich genau der Einwohnerzahl Frankfurts. Alle wichtigen Banken der Welt sind mindestens mit einer Tochtergesellschaft vertreten, besonders Amerikas Investmentbanken wie Goldman Sachs und JP Morgan beschäftigen in London Tausende Mitarbeiter.

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Es lässt darum aufhorchen, wenn sich mächtige Banker wie JP-Morgan-Chef Jamie Dimon in diesen Tagen in düsteren Worten äußern. Er rechne im Falle eines Brexit mit „heftigen Verwerfungen“, sagte Dimon in einem Interview. Auch bei Goldman Sachs ist man angespannt: Mit 500.000 Dollar unterstützt die Investmentbank die Kampagne der EU-Befürworter, ein ordentlicher Batzen Geld. War man in den Führungsetagen der Finanzhäuser lange Zeit davon ausgegangen, dass eine große Mehrheit der Briten sich für einen Verbleib in der Europäischen Union aussprechen würde, hat sich das Bild nun gewandelt. Befürworter und Gegner liegen in jüngsten Meinungsumfragen gleichauf. Und die Zahl der Unentschlossenen ist hoch.

Tor zu den Märkten der Europäischen Union

Weshalb fürchten sich die Mächtigen der Finanzbranche so sehr vor einem Austritt Großbritanniens aus der EU? Was macht ihnen Angst?

Ihre Befürchtung ist: Der Brexit würde Europas Finanzwelt aus den Angeln heben, und zwar auch im geographischen Sinne. Denn viele internationale Banken haben sich nicht nur deswegen in London angesiedelt, weil es sich um eines der angesehensten und ältesten Finanzzentren der Welt handelt. Sondern auch aus einem ganz pragmatischen Grund: Von ihrer Europa-Zentrale in London aus betreiben sie einen Großteil ihres kontinentaleuropäischen Geschäftes. London dient ihnen als Tor zu den Märkten der Europäischen Union.

Neue Arbeitsplätze in Frankfurt

Nach einem Austritt Großbritanniens würde das voraussichtlich so nicht mehr möglich sein. Für die Banker in der City ist das eine unangenehme Sache, denn ein bedeutender Teil der Arbeitsplätze im Londoner Finanzviertel würde ohne die britische EU-Mitgliedschaft nicht mehr gebraucht. Bis zu 100.000 Stellen im Finanzsektor könnten nach Schätzungen auf dem Spiel stehen.

Das heißt aber nicht, dass diese Arbeitsplätze komplett wegfallen würden. Sie würden vielmehr an anderer Stelle neu entstehen. Viel spricht dafür, dass dies größtenteils in einer Stadt passieren könnte, die von London aus nur eine gute Flugstunde (Luftlinie: 637,4 Kilometer) entfernt ist – Frankfurt am Main.

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