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Milliarden-Kapitalbedarf bei europäischen Banken Die Finanzkrise ist längst nicht vorbei

04.07.2008 ·  Die Investmentbank Goldman Sachs sieht schwarz - zumindest für die europäischen Banken. Auf 60 bis 90 Milliarden Euro schätzt sie deren Kapitalbedarf, um die Krise zu meistern. In der Folge verzeichneten die Aktien der deutschen Banken hohe Kursverluste.

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Die Aufgabe der Aktienexperten in den Banken ist es, ihren Kunden gute Argumente für den Kauf dieser oder jener Aktie zu finden. Umso spektakulärer ist die jüngste Studie der amerikanischen Investmentbank Goldman Sachs über die europäischen Banken: 52 Aktien hat sie untersucht und sämtliche Titel bis auf zwei Ausnahmen abgestuft.

Die Finanzkrise ist für die europäischen Banken bei weitem noch nicht ausgestanden, meint Analyst Christoffer Malmer. Die Finanzinstitute müssten nicht nur ihre Gewinnprognosen im Jahresverlauf weiter senken, und es drohten auch Dividendenausfälle. Vor allem hätten sie einen Kapitalbedarf von 60 bis 90 Milliarden Euro.

Studie löst Kursverluste aus

„Sollte eine Wende im europäische Kreditzyklus sogar Verluste auslösen, die etwa auf Höhe der Anfang der 1990er Jahre gesehenen Verluste liegen, könnte die Branche unseren Schätzungen nach sogar einen Bedarf an Kapitalerhöhungen von mehr als 90 Milliarden Euro haben“, warnte Malmer.

Die Studie löste Befürchtungen über eine neue Runde in der Finanzkrise aus und setzte an den europäischen Börsen die Aktien von Banken unter Druck: Die Titel der Commerzbank fielen bis zum Handelsschluss am Abend um 4,3 Prozent auf 18,74 Euro und die der Deutschen Bank um 2,8 Prozent auf 54,23 Euro. Dabei hatte die Deutsche Bank erst am Mittwoch mitgeteilt, dass sie im zweiten Quartal voraussichtlich einen Gewinn erzielt habe. „Daher erwartet die Bank nicht, dass
die Ertragslage im zweiten Quartal Kapitalmaßnahmen erfordert“, hieß es in der Mitteilung.

Die Aktien der Deutschen Postbank verloren sogar 4,8 Prozent an Wert, die der Deutschen Börse 3,5 Prozent. Damit drückten die Bankentitel den Leitindex des deutschen Aktienmarktes, den Dax, um 1,3 Prozent ins Minus auf 6272 Punkte. Der europäische Standardaktienindex Euro Stoxx 50 lag sogar um 1,7 Prozent im Minus bei 3275 Punkten.

Zwei italienische Banken ausgenommen

Von seiner negativen Einschätzung nahm Goldman Sachs lediglich zwei italienische Banken aus: Die Aktie der Privatbank Banca Monte die Paschi di Siena bestätigte er mit dem Anlageurteil „Kaufen“, und auch bei der Aktie von Uncredit, der in Deutschland die Hypo-Vereinsbank gehört, riet er zum Kauf.

Bei der Deutschen Bank sah er besondere Risiken durch eine nachlassende Aktivität auf dem Kapitalmarkt oder ein größer als vermutetes Engagement auf dem immer noch notleidenden Kreditmarkt. Bei der Commerzbank befürchtete Malmer zusätzlich einen starken Druck auf die Margen im deutschen Bankgeschäft.

Gleichzeitig warf die Goldman-Studie an der Börse auch Fragen auf: Warum streut die amerikanische Investmentbank diese düstere Analyse ausgerechnet an einem Tag, an dem die New Yorker Börse wegen des Unabhängigkeitstags geschlossen ist und viele amerikanische Anleger somit nicht auf die Studie reagieren können?

„Die Unsicherheit ist groß“

„Die Risikopositionen der Banken sind weiterhin hoch, ebenso die Unsicherheiten“, sagte ein Wertpapierhändler laut Nachrichtenagentur DPA-AFX. Dabei sind die Banken derzeit besonders bemüht, Klarheit über ihre tatsächliche Lage zu schaffen und um das Vertrauen der Anleger zu werben. Dennoch versuchen die Anleger herauszubekommen, bei welchen Banken in der nächsten Zeit am ehesten eine Kapitalerhöhung droht.

So teilte die Schweizer Großbank UBS am Freitag mit, dass sie im zweiten Quartal zwar weitere Verluste auf ihre Positionen im amerikanischen Hypothekenmarkt verzeichnet habe. Mit Hilfe einer Steuergutschrift von 3 Milliarden Franken (1,9 Milliarden Euro) und den Erträgen aus der Vermögensverwaltung werde sie aber auf ein ausgeglichenes bis leicht negatives Ergebnis kommen. Daher bestehe keine Notwendigkeit, zusätzliches Eigenkapital zu beschaffen, hieß es weiter.

900 Milliarden Dollar weniger an der Börse wert

Allmählich kommen auch Fakten auf den Tisch, die es den Investoren und der Öffentlichkeit ermöglichen, sich ein Bild von der Lage zu machen: Der Börsenwert der europäischen Bankaktien sei seit Ausbruch der Finanzkrise um 34 Prozent auf knapp 900 Milliarden Dollar (574 Milliarden Euro) gesunken, rechnete der Goldman-Analyst vor. Die Abschreibungen hätten im vergangenen Jahr 74 Milliarden Dollar betragen und in diesem Jahr 60 Milliarden Dollar. Diese zusammen 134 Milliarden Dollar seien zum Teil durch Kapitalerhöhungen finanziert worden und zwar in Höhe von 115 Milliarden Dollar.

Durch die Finanzkrise und die dadurch erschwerte Ertragslage im internationalen Bankgeschäft haben die Banken bisher schon zu einer stark geschwächten Ertragskraft geführt. Malmer beziffert diesen Effekt auf 379 Milliarden Dollar.

Die Hypotheken-Krise in den Vereinigten Staaten, die im vergangenen Jahr die internationale Finanzkrise auslöste, führte bisher durch Zahlungsausfälle zu Verlusten und Abschreibungen von 403 Milliarden Dollar, teilte die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) in Basel, in der 49 Zentralbanken vertreten sind, am Freitag mit.

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