13.01.2003 · Mit dem Abgang von Steve Case bei AOL Time Warner hat nun endgültig die „Old Economy“ wieder das Sagen. Das dürfte die Kursfantasie nicht beflügeln.
Es war schon länger absehbar, nun ist es passiert. Mit Steve Case hat nicht nur der Chairman des weltgrößten Medienkonzerns AOL Time Warner seinen Rücktritt angekündigt, sondern damit dürfte die Internethype endgültig zu Ende gehen.
Denn Case galt als Chef des Internet-Unternehmens AOL als einer der großen Internetpioniere, der seinem Werk über die Fusion mit dem Medienriesen Time Warner vor zwei Jahren zumindest vorläufig eine Krone aufsetzen konnte. Er hatte mit den während der Internet-Spekulationsphase dramatisch gestiegenen America-Online-Aktien den weltgrößten Medienriesen Time Warner geschluckt, ehe die Spekulationsblase platzte. Der gigantische Zusammenschluss im Wert von damals 103 Milliarden Dollar hat jedoch zu sehr enttäuschenden Ergebnissen geführt. Die Aktie liegt mit knapp 15 Dollar knapp 85 Prozent unter ihrem Hoch von knapp 96 Dollar Ende des Jahres 1999. Die Marktkapitalisierung liegt noch bei 66,5 Milliarden Dollar.
Mit Case geht der „letzte Mohikaner“
Case begründete den Rücktritt damit, dass das Unternehmen in dieser kritischen Zeit keine Ablenkungen brauche. Einige Aktionäre konzentrierten ihre Enttäuschung über die Leistungen des Unternehmens nach dem Zusammenschluss auf ihn persönlich, erklärte er. Case ist der letzte der ehemaligen America-Online-Spitzenmanager, der bei AOL Time Warner noch eine führende Rolle gespielt hatte. Alle anderen mussten schon früher gehen. Inzwischen besteht das gesamte Spitzenmanagement aus Time-Warner-Führungskräften.
Die Aktie von AOL Time Warner leidet unter dem schwachen Internet-Anzeigengeschäft bei AOL, einem zu langsamen AOL-Kundenzuwachs - es fehlt vor allem die Kapazität bei der Breitbandtechnologie - und Bilanzierungsunregelmäßigkeiten. Das Unternehmen hatte wegen des dramatischen Wertverfalls bereits im vergangenen Jahr Wertberichtigungen von 54 Milliarden Dollar vorgenommen und könnte möglicherweise weitere zehn Milliarden Dollar abschreiben müssen.
AOL Time Warner hatte im dritten Quartal 2002 trotz des schwachen Geschäfts von America Online einen leichten Gewinn erzielt. In der Zeit von Juli bis Ende September wurde ein Gewinn von 57 Millionen Dollar eingefahren - nach einem Verlust von 997 Millionen Dollar in der Vorjahresperiode. Der Umsatz lag den Angaben zufolge bei 9,98 Milliarden Dollar gegenüber 9,07 Milliarden Dollar im Vorjahresquartal.
America Online hat zu kämpfen
Während der Konzern nach eigenen Angaben in den Sparten Film, Fernsehen und Kabel im dritten Quartal jeweils ein deutliches Umsatzplus - 25 Prozent im Filmgeschäft, 14 Prozent beim Kabel und zehn Prozent beim Fernsehen - erzielen konnte, musste America Online das ganze Jahr hindurch kämpfen. Zum einen belasteten sinkende Werbeeinnahmen das America-Online-Geschäft, zum anderen war eine Regierungsuntersuchung im Zusammenhang mit möglichen Bilanzfehlern anhängig.
Bewertungsmäßig erscheint die Aktie mit einem geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnis von knapp 18 nicht mehr ganz so überteuert zu sein, wie in den 90er Jahren. Allerdings kommt das eigentliche Wachstum mehr von der traditionellen Time Warner-Seite. Und da dürften die Wachstumsraten auch auf Grund der verhaltenen Konjunkturentwicklung nicht so sonderlich prickelnd sein. Die Analysten scheinen nicht genau zu wissen, was sie von der Unternehmen halten sollen. 54 Prozent von 35 stehen im neutral gegenüber, immerhin 13 haben eine Kaufempfehlung.
Charttechnisch scheint das Papier zwar in den vergangenen Monaten in einen leichten Aufwärtstrend übergegangen zu sein, aber der seit dem Mai 2001 anhaltende mittelfristige Abwärtstrend ist noch nicht nachhaltig überwunden. Erst wenn das der Fall sein sollte, wenn sich gleichzeitig die Bilanzprobleme gelöst haben und sich die Konjunktur tatsächlich erholen sollte, könnte die Aktie wieder weitere Fantasie haben. Vorher dürfte es noch ein Spiel mit zu vielen Unbekannten sein.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |