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Markttechnik Das Investitionsklima wird rauher

19.06.2008 ·  Wenn die Zinsen steigen und der Dax das nicht ganz so gut findet, dann ist das nachvollziehbar. Wenn der Ölpreis von rund 25 Dollar auf fast 140 Dollar steigt und sich gleichzeitig der Dax verdreifacht, dann wird es schon schwieriger.

Von Wieland Staud
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Als Technischer Analyst tut man sich zugegebenermaßen schon ein wenig schwer damit einzugestehen, dass die Kursbildung an den Finanzmärkten wenigstens hin und wieder auch fundamental betrachtet Sinn hat. Wenn die Zinsen steigen und der Deutsche Aktienindex Dax das nicht ganz so gut findet, dann ist das nachvollziehbar.

Wenn der Ölpreis von März 2003 bis heute von rund 25 Dollar auf fast 140 Dollar steigt und sich im gleichen Zeitraum der Dax verdreifacht, dann wird es allerdings schon schwieriger. Richtig schwierig wird es wenigstens für mich, eben einen Technischen Analysten, bei dem Versuch, mir auf den im Chart abgebildeten Zusammenhang einen Reim zu machen.

Inverse Zinsstruktur deutet oft auf Veränderungen im Markt hin

Der Chart zeigt einmal den Dax, die rote Linie, seit 1987. Die um ihn herum schwankende blaue Linie ist der Spread zwischen der ein- und der zehnjährigen Rendite des Rentenindex Rex. Im Großen und Ganzen bildet diese Linie also den Renditeunterschied zwischen Anleihen mit einer (Rest-) Laufzeit von einem und von 10 Jahren ab. Typischerweise ist es so, dass die Zinsen für Laufzeiten von einem Jahr geringer sind als die für 10 Jahre. Das hat auch absolut Sinn. Denn je länger die Laufzeit der Anleihe, desto weiter entfernt ist der Zeitpunkt der Rückzahlung und desto größer ist damit das Risiko für den Gläubiger.

In der Grafik notiert die blaue Linie in diesem Normalfall unter der eingezeichneten Nulllinie. Je tiefer sie verläuft, desto größer ist also der Unterschied, desto geringer dann die Rendite der Kurzläufer relativ zu den Langläufern. Immer dann, wenn dieser Zinsunterschied die Nulllinie kreuzt, herrscht am Markt eine inverse Zinsstruktur. Dann können Investoren, die heute eine einjährige Anleihe kaufen eine höhere Rendite erzielen als diejenigen, die sich zum gleichen Zeitpunkt eine Anleihe mit 10 Jahren Laufzeit ins Depot legen. Die Gläubiger können dann also für kurze Laufzeiten einen höheren Zins durchsetzen als für lange Laufzeiten.

Das ist eine absolute Ausnahmesituation, die meistens von großen anstehenden Veränderungen kündet. Das vorletzte Mal konnte sie in den Tagen der beginnenden Wiedervereinigung beobachtet werden, das letzte Mal erst vor wenigen Tagen. Die inverse Zinsstruktur Ende der achtziger und Anfang der neunziger Jahre war der Startschuss für einen Zinsverfall, wie ihn die Welt bis dahin selten zuvor gesehen hatte. Heute ist wohl eher mit dem glatten Gegenteil zu rechnen. Aber die entscheidende Ableitung aus dem abgebildeten Chart soll eine andere sein: immer dann, wenn der Renditeunterschied zwischen der einjährigen und den zehnjährigen Anleihen kontinuierlich kleiner (blau eingerahmt) wurde, ist der Dax gestiegen. Wurde er größer (grün), dann ist der Dax gefallen. Wenn aber die blaue Linie stieg, dann gewann auch der Aktienindex an Boden, wenn sie fiel, dann fiel auch der Dax beziehungsweise er stieg in dieser Zeit nicht. Eine Ausnahme bildet lediglich die magentafarben eingerahmte Periode. Wie auch immer sich dieser Zusammenhang fundamental, beispielsweise über Konjunkturzyklen, erklären lässt: er existiert.

Dax befindet sich in einer Korrekturphase, die noch länger dauern kann

Erstaunlich ist nun, dass diese blaue Linie fast parallel zum Dax im vergangenen Jahr gefallen ist, sie aber seit etwa 2 Monaten wieder steigende Tendenz zeigt. Zweifellos ein gutes Omen. Auch wenn der Dax sich nicht unbedingt in einer komfortablen technischen Situation befindet, so ist es doch auch vor diesem Hintergrund wenig sinnvoll, den nächsten anstehenden Wochen pessimistisch entgegenzublicken. Hinzu kommt, dass der Dax sich zum Schluss der vergangenen Woche oberhalb von 6730 Punkten einfand und damit erst einmal die sonst wohl unmittelbar drohende Krise abwenden konnte. Für die nächsten Wochen ist mit einer Fortsetzung der Erholung zu rechnen. Der Mittelwert der Erwartungen liegt dabei erst einmal bei Kursen um 7.000 Punkte. Mit ein wenig Glück, wahrscheinlich aber unter erheblichen Schwankungen, könnte sich der Dax auch wieder über dieser Marke einfinden. Das analytische Stoploss für diese kurzfristig leicht zuversichtliche Sicht der Dinge notiert bei 6.650 Punkten, dem bisherigen Konsolidierungstief. Darunter dürfte es sehr schnell sehr ungemütlich werden. Auf jeden Fall gilt wie bislang auch, dass der Aufbruch zu neuen Ufern erst einmal auf sich warten lassen wird. Der Dax befindet sich in einer Korrekturphase, die uns wohl noch geraume Zeit begleiten wird und die auch neue Korrekturtiefs nicht grundsätzlich ausschließt. Für Investoren ist das eine Zeit, in der man am besten den Investitionsgrad klein hält und auf einen besseren Zeitpunkt wartet.

Was die Renditen selbst betrifft, so kann rund um die Welt kaum ein Zweifel mehr daran bestehen, dass sie weiter nachhaltig steigen werden. Nirgendwo sind irgendwelche bedeutenden Signale sichtbar, die mittel- und langfristig fallende Zinsen rechtfertigen würden. Das schließt vielleicht sogar in den nächsten Wochen die eine oder andere vorsichtige Entspannung der Lage nicht wirklich aus. Ja, gerade jetzt kann es zu dem einen oder anderen kleineren Intermezzo, zu nachgebenden Renditen kommen. Aber in wenigstens 8 von 10 Fällen werden sie Zwischenspiele bleiben und keine grundsätzliche Wende herbeiführen. Unverändert rechne ich auch mittel- und langfristig in den nächsten Monaten und Jahren mit möglicherweise sogar drastisch steigenden Euro-Zinsen und einer Rendite für die Bundesanleihen mit 10 Jahren Laufzeit von über 6 Prozent. Gemessen an den Zinsniveaus, wie sie noch vor fast zwei Jahrzehnten gang und gäbe waren, ist das mit Sicherheit nicht wirklich viel. Aber vom jetzigen Niveau aus dürfte ein Renditeanstieg am langen Ende von rund 30 Prozent für den einen oder anderen kein Spaß mehr sein. Das Investitionsklima wird rauher.

Der Autor leitet die Staud Research GmbH in Bad Homburg.

Quelle: F.A.Z.
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F.A.Z. EURO 69,61 +0,13%
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