30.07.2008 · Mit einer Erholung bei Finanzaktien und einiger Entspannung an der Ölpreisfront haben die Aktien in den vergangenen Tagen wieder etwas Auftrieb erhalten. Der Markt dürfte aber die Mitte Juli markierten Tiefs noch einmal testen.
Von Mark ArbeterMit der Unterstützung einer starken Gegenbewegung bei Finanzaktien und einiger Entspannung an der Ölpreisfront haben sich manche Leitindizes und gebeutelten Sektoren in der vergangenen Woche wieder bis in die Nähe ihrer im Juni markierten Durchbruchspunkte herangearbeitet.
Die gute Nachricht: Der S&P-500 prallte von einem ersten Chartunterstützungsbereich ab, über den wir vor kurzem sprachen, und bildete zumindest ein kurzzeitiges Tief aus. Die schlechte Nachricht: Viele Indizes liefen auf ihrem Weg nach oben in maßgebliche Widerstände, und wir gehen davon aus, dass es eines großen Kraftakts bedarf, um den Gipfelsturm fortzusetzen.
Es wird zu einem Test der Mitte Juli markierten Tiefs kommen
Nach unserer Überzeugung wird es letzten Endes zu einem Test der Mitte Juli markierten Tiefs kommen, weshalb wir weiterhin auf der Hut sind.
Der Großteil der sich dem S&P-500 in den Weg stellenden Chartwiderstände beginnt bei 1.270 Punkten und erstreckt sich bis hinauf auf 1.395 Zähler. Diese Zone entstand durch den vorläufigen Boden, den der Aktienindex zwischen Januar und April ausbildete. Daneben kommt ein wichtiges Pivot-Tief von Ende März bei 1.315 Punkten und ein weiteres von Mitte April bei 1.329 Punkten zum Tragen. Nach unserer Ansicht gelang dem Index ein rascher Wiederanstieg, da zwischen 1.200 und 1.280 Zählern nur minimale Chartwiderstände angesiedelt sind. Damit liegt der einfache Teil des Weges allerdings hinter uns.
Der S&P-500 sieht sich nun einer ganzen Reihe von Widerständen gegenüber. Ein 38,2-prozentiges Retracement des seit den Mai-Hochs vollzogenen Rückgangs sitzt bei 1.292 Punkten und damit unweit des Tageshochs vom 23. Juli. Interessanterweise kommt ein 23,6-prozentiges Retracement der gesamten Baisse bei 1.289 Zählern in Sicht, womit also gleich mehrere Fibonacci-Retracements auf dem jüngsten Gipfelniveau des S&P-500 zusammenlaufen. Ein 50-prozentiges Retracement des seit Mai eingelegten Rückgangs zielt auf das Niveau von 1.320 Zählern ab, sehr nah am exponentiell gleitenden 65-Wochen-Durchschnitt. Der exponentiell gleitende 50-Tage-Durchschnitt nähert sich bei 1.307 Punkten. Ein Retracement von 61,8 Prozent des Rückgangs seit den Mai-Hochs befindet sich im Gebiet von 1.349 Zählern, was sich wiederum unweit des 38,2-prozentigen Retracements der gesamten Baisse im Bereich um 1.344 Punkten befindet. Ein 61,8-prozentiges Retracement des Bärenmarktes liegt genau in der Nähe der im Mai erklommenen Hochs.
Wenn wir den Betrachtungshorizont etwas über einen Monat hinaus ausweiten, kommt bei rund 1.360 Punkten eine von den Hochs seit Oktober 2007 abgeleitete bärische Haupttrendlinie ins Spiel. Angesichts all dieser sich dem Markt auf dem Weg nach oben entgegenstellenden Widerstände dürften weitere Kurssteigerungen nach unserer Meinung kurzfristig schwierig werden. Wir gehen davon aus, dass der Markt eine Verschnaufpause einlegen und die Mitte Juli eingelegten Tiefs ausloten muss, bevor er einen weiteren Anlauf für den Durchbruch unternehmen kann.
Dies setzt natürlich voraus, dass es sich bei den Mitte Juli beobachteten Tiefs um „die“ Tiefs des Bärenmarktes handelt. In unseren Augen ist es indes noch verfrüht, hierzu klare Aussagen zu machen. Der S&P-500 geriet in einen starken Chartunterstützungsbereich zwischen 1.170 und 1.220 Punkten. Wenn in der von uns vor kurzem angesprochenen fünfwelligen Abwärtsbewegung die fünfte Welle in ihrer Größe der dritten Welle entspräche, würde diese auf 1.198 Punkte als potentielles Tief des Bärenmarktes hinzielen - sehr nah am Tagestief vom 15. Juli.
Während wir zumindest von einem Test der jüngsten Tiefs ausgehen, wäre es auf längere Sicht denkbar, dass der S&P-500 an einer sehr komplizierten inversen Kopf-Schulter-Formation arbeitet. Die komplexe linke Schulter erschien im Januar und März, während der Index nun den Kopf ausformen könnte, der vermutlich ebenfalls komplex ausfallen dürfte. Dies würde die Möglichkeit zur Bildung einer rechten Schulter im Herbst eröffnen, höchstwahrscheinlich im Oktober, ein Monat, in dem bislang viele Bärenmärkte zu Ende gingen.
Die in der Baisse am stärksten unter die Räder gekommenen Sektoren sind Finanzdienstleistungen und Dauerhafte Konsumgüter. Der S&P-Branchenindex Finanzdienstleistungen ist 54 Prozent von seinem Hoch im Februar 2007 entfernt, während der Branchenindex Dauerhafte Konsumgüter seit seinen Hochs im Juni 2007 34 Prozent eingebüßt hat. Nach unserer Auffassung wird es für den Gesamtmarkt ein harter Kampf werden, ohne Stabilisierung in zumindest einem dieser beiden Sektoren deutlich Boden gut zu machen. Da sich unser Vertrauen in den Bankensektor oder den Verbraucher in Grenzen hält, dürfte der langfristige Markttrend bestenfalls flach verlaufen, während im ungünstigsten Fall ein wesentlich niedrigeres Kursniveau des Marktes eintreten könnte.
Die Branchenindizes Finanzdienstleistungen und Dauerhafte Konsumgüter haben ausgehend von ihren Tiefs Mitte Juli eine passable Rally hingelegt, stehen nun allerdings genau wie der S&P-500 vor einer Mauer aus Widerständen. Der Branchenindex Finanzdienstleistungen gelangte an die ersten Ausläufer eines starken Chartwiderstands zwischen 300 und 400 Punkten, während der Branchenindex Dauerhafte Konsumgüter genau in eine massive Chartwiderstandszone zwischen 230 und 265 Zählern lief.
Selbst wenn beide Sektoren das Schlimmste hinter sich hätten, dürfte es bis zur Bodenbildung und anschließendem Aufwärtstrend nach unserer Meinung noch Monate, wenn nicht Jahre dauern. Die Ausdehnung des Bodens hängt häufig vom Umfang des Rückgangs ab. So entwickelte sich beispielsweise der technologielastige Nasdaq-Index nach dem Platzen der Technologieblase viele Jahre mehr oder weniger seitwärts. Wir gehen davon aus, dass zumindest bei den Finanztiteln eine ähnliche Entwicklung eintreten könnten.
Während des Einbruchs auf neue Baisse-Tiefs im Juli kam es zweifellos zu einigen kräftigen Ausverkäufen. Am 15. Juli erreichte die Zahl der neuen 52-Wochen-Tiefs an der New Yorker Börse als Prozentsatz der dort gehandelten Aktientitel einen Extremwert von 39,5 Prozent. Dies ist der größte an der NYSE beobachtete Prozentwert neuer Tiefs seit der Zeit des Börsenzusammenbruchs 1987. Der höchste Wert wurde am 20. Oktober 1987 erreicht, als 54 Prozent der gehandelten Titel auf neue 52-Wochen-Tiefs vorstießen.
Optimisten werden immer rarer
Als positiv könnte sich erweisen, dass Bärenmärkte bisweilen dann zu Ende gehen, wenn enorme Ausverkäufe auftreten. Negativ zu werten ist hingegen, dass der Markt sehr oft, wenn mehr als 20 Prozent der gehandelten Titel auf neue Tiefs vorstoßen, zu einem Test seiner früheren Tiefstände zurücksinkt.
Wir beobachten bei Anlegern ein nach wie vor hohes Angstniveau - in unseren Augen eine Grundvoraussetzung für die Bodenbildung einer jeden Baisse. Das rein auf Aktienoptionen bezogene zehntägige Put/Call-Ratio an der Chicagoer Optionsbörse (CBOE) erreichte unlängst einen Wert von 0,84, während das 30-tägige Pendant 0,79 aufwies, beides ziemlich hohe Werte. Das auf alle Optionen bezogene zehntägige Put/Call-Ratio an der CBOE stieg auf 1,10, das 30-tägige Put/Call-Ratio auf 1,06, ebenfalls ziemlich hohe Werte, die allerdings nicht an die im ersten Quartal dieses Jahres beobachteten Extreme heranreichen. Der Volatilitätsindex VIX, der die vom Markt erwartete kurzfristige Schwankungsintensität anhand von Optionspreisen auf den S&P-500 misst, kletterte am 15. Juli auf Intraday-Basis auf 30,8 Prozent und deutet damit auf ein hohes Angstniveau unter Optionshändlern hin. Im Januar und März 2008 erreichte der VIX zwar höhere Niveaus, in diesen beiden Zeiträumen waren jedoch auch die Kursschwankungen des S&P-500 höher.
Die von Investor's Intelligence durchgeführte Umfrage zur Stimmung amerikanischer Börsenbriefschreiber brachte in den vergangenen Wochen einige extreme Ergebnisse hervor. So fiel der Anteil der Bullen jüngst auf 27,4 Prozent, während der Anteil der Bären in der vergangenen Woche auf 49,4 Prozent kletterte. Dies ist die niedrigste Optimistenquote seit 1994 und das höchste Niveau an Pessimismus seit Anfang 1995 - und es gab schlechtere Jahre, um sein Geld anzulegen. Die Consensus-Umfrage ergab unlängst einen Optimistenanteil von 24 Prozent und liegt damit fast auf Augenhöhe mit dem extrem niedrigen März-Wert von 22 Prozent.
Bei der Umfrage von MarketVane zeigte sich in der vergangenen Woche ein Rückgang der Optimistenquote auf 33 Prozent, dem niedrigsten Wert seit Anfang 2003 - ebenfalls kein schlechtes Jahr, um sein Geld anzulegen. Die Anlegerumfrage der American Association of Individual Investors ergab einen Bullenanteil von lediglich 22 Prozent, während der Anteil der Bären auf 58 Prozent zulegte, was ebenfalls sehr nahe an die im März ermittelten Niveaus herankommt.
Wir raten weiterhin zur Geduld, da wir davon ausgehen, dass der Markt eine weitere Umkehrformation auszubilden versucht, die nach unserer Ansicht noch mehrere Monate dauern wird und uns in den Herbst hinein führt, der bislang häufig für das eine oder andere Feuerwerk gut war. Die letzten fünf Wochen des Sommers liegen vor uns; wenn Sie noch nicht im Urlaub waren, wäre nun vielleicht ein passender Zeitpunkt, um die Sachen zu packen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |