Nach den deutlichen Kursverlusten am Vormittag hat sich der deutsche Aktienmarkt gegen Montagmittag etwas erholt. Der Dax sinkt noch um 0,4 Prozent auf 6026 Punkte. Am Montagmorgen war der deutsche Aktienindex zum ersten Mal seit dem 9. Januar wieder unter der Marke von 6000 Punkten gefallen. Seit seinem Jahreshoch von Mitte März hatte der Standardwerte-Index damit mehr als 16 Prozent eingebüßt. Der M-Dax verliert 1,25 Prozent auf 9748 Punkte und der Tec-Dax gibt um 2,4 Prozent auf 712 Punkte nach.
Schwach entwickelt sich auch der breite Markt: Der 100 Werte umfassende Frankfurter Allgemeine Zeitung-Index verliert 0,7 Prozent auf 1310 Punkte. Am Morgen hatte er mit 1297 Zählern erstmals in diesem Jahr unter der Marke von 1300 Stellen notiert und damit seit seinem Jahreshoch bei 1585 Punkten mehr als 17 Prozent verloren.
Ausländer scheinen verstärkt zu verkaufen
Hintergrund des fortgesetzten Kursrutsches sind die immer mehr an Stärke zunehmenden Sorgen, die Weltwirtschaft werde in eine zweite Rezession zurückfallen. Dieser Verlauf ist im Konjunkturzyklus typisch. Auf den ersten Einbruch folgt eine Erholung und dann ein abermaliger Rückfall. Nachdem aber der erste Einbruch 2009 sehr stark war, ist den Anlegern vor diesem zweiten Einbruch mit Fug und Recht sehr bange.
Dies macht sich auch schon an den Aktienmärkten der übrigen Welt bemerkbar. „Schwache amerikanische Wirtschaftsdaten sowie die Abkühlung in China gesellen sich zur eskalierenden Schuldenkrise in Europa“, sagt ein Marktbeobachter.
Die amerikanischen Arbeitsmarktdaten waren am Freitag so schlecht ausgefallen wie schon lange nicht mehr. Mit einem Stellenzuwachs von nur 69.000 im Mai wurde die Erwartung von 155.000 Stellen deutlich verfehlt. Dies war die dritte Enttäuschung in Folge. Der Stellenaufbau war zugleich der niedrigste seit einem Jahr, zudem wurden die Vormonatsdaten nach unten revidiert. Mit einem Wert von 8,2 Prozent stieg zudem die Arbeitslosenquote erstmals seit einem Jahr wieder an. Der Dow-Jones-Index schloss am Freitag darum mit einem Abschlag von 2,2 Prozent bei 12.118 Punkten und hat damit ebenfalls ein Jahrestief erreicht.
„Synchronisierter Abschwung“
Auch chinesische Konjunkturdaten dämpfen immer öfter die Kauflaune. Das Wachstum im Dienstleistungssektor hat sich nach offiziellen Daten den zweiten Monat in Folge verlangsamt. Asiatische Fondsmanager haben laut einer Umfrage von Dow Jones Newswires vom 1. Juni die Einstufung für den Aktienmarkt auf „Sligthly Underweight“ von „Neutral“ gesenkt.
„Wir sehen derzeit einen synchronisierten Abschwung der Welt-Konjunktur. Die Frage ist nun, ob die Märkte weiter nachgeben oder aber mit der Hoffnung auf ein politisches Eingreifen zu einer Gegenbewegung ansetzen“, meint Chris Weston, Händler von IG Markets.
Abermals Hoffen auf Amerikas Notenbank
Vor allem hoffen einige Anleger auf die Anhörung von Amerikas Notenbankchef Ben Bernanke vor einem Ausschuss des Kongresses. Nach den katastrophalen Arbeitsmarktdaten am Freitag sei es möglich, dass die Federal Reserve weitere Stützungsmaßnahmen zur Ankurbelung der Wirtschaft ankündige, sagte Tom Porcelli von RBC Capital Markets. „Der einzige Grund, den die Fed vom Handeln abhielt, war der Aktienmarkt. Nun aber geht es dort bergab. Die Börsen fallen und das war die letzte Hürde für die Fed. Alle anderen Kriterien für ein Eingreifen der Fed sind bereits erfüllt.“
Für den deutschen Aktienmarkt ist naturgemäß aber vor allem die Euro-Schuldenkrise relevant. Auch diese Sorgen nehmen an Intensität angesichts der Bankenkrise in Spanien derzeit wieder zu. Es gilt als fraglich, ob Spanien die Stützung seines Finanzsektors, der unter den Folgen einer geplatzten Immobilien- und Kreditblase leidet, aus eigener Kraft schultern kann oder unter den Euro-Rettungsschirm schlüpfen muss Aufgrund leerer öffentlicher Kassen, der lahmenden Konjunktur sowie hoher Arbeitslosigkeit wird das Land als möglicher Kandidat für Finanzhilfen gehandelt.
Autowerte nach amerikanischen Absatzzahlen unter Druck
Schwache amerikanische Absatzzahlen vom Freitag belasten den Autosektor. Im ohnehin schwachen Marktumfeld rutschen die Vorzugsaktien von Volkswagen zeitweise an das Dax-Ende und verlieren zuletzt 2,2 Prozent. Auch BMW, Daimler und Porsche bestätigen mit schwachen Kursen den europaweit besonders negativen Trend des Sektors. Zwar zeigen sich die Amerikaner auch im Mai wild auf neue Autos, wovon auch die deutschen Hersteller mit deutlichem Wachstum profitierten.
Einige Marktteilnehmer monieren jedoch die nachlassende Dynamik auf hohem Niveau. Analyst Tim Schuldt von Equinet sprach von einem „klaren Warnsignal“. Auf den zweiten Blick hätten die Mai-Zahlen gezeigt, dass der Pkw-Absatz in den Vereinigten Staaten wieder den Rückwärtsgang eingelegt habe. Die Steigerungsrate im Monatsvergleich sei die niedrigste im bisherigen Jahresverlauf, der Vergleich mit dem Vorjahr durch den wegen des Erdbebens in Japan schwachen Mai 2011 begünstigt.
Positive Studiendaten helfen Bayer
Wegen positiver Studiendaten können sich die Bayer-Aktien dem negativen Markttrend leicht entziehen. Sie liegen zuletzt leicht im Plus bei 0,1 Prozent. Dabei kann laut aktuellen Daten Alpharadin das Gesamtüberleben bei Patienten mit fortgeschrittenem Prostatakrebs verbessern, und das Mittel Regorafenib erzielt in einer abschließenden klinischen Studie (Phase III) eine signifikante Verlängerung des progressionsfreien Überlebens bei Patienten mit Gastrointestinalen Stromatumoren (GIST). In beiden Fällen soll in der zweiten Jahreshälfte die Zulassung beantragt werden. Ein Börsianer wertete insbesondere die Neuigkeiten vom potenziellen Blockbuster Alpharadin positiv. „Die neuen Ergebnisse der Phase III waren sogar noch etwas besser als bereits veröffentlichte Daten“, sagte er.
Vergleichsweise gut halten sich die Aktien von Thyssen Krupp mit einem Abschlag von 0,2 Prozent. Nach einem Bericht der „Wirtschaftswoche“ sei der Rohstoffkonzern Vale bereit, das hochdefizitäre neue Stahlwerk von Thyssen Krupp in Brasilien zu übernehmen. Ein Börsianer rät jedoch zur Vorsicht und verweist auf einen anderen Medienbericht, wonach eine Vale-Sprecherin das Interesse an einer Mehrheitsbeteiligung dementiert habe. Auch eine Posco-Sprecherin habe kein Interesse der Südkoreaner an einer Offerte gezeigt. Die Gespräche zwischen Vale und der brasilianischen Regierung seien aber wohl noch in einem frühen Stadium, sagt er.
Deutsche Börse trotz Eurostoxx-50-Ausschluss freundliche
Trotz des angekündigten Ausschlusses auf dem Euro Stoxx 50 zeigen sich die Titel der Deutschen Börse freundlicher als der Gesamtmarkt. Sie steigen um 1,3 Prozent und sind zusammen mit den Titeln der Deutschen Bank die einzigen beiden Dax-Werte, die Aufschläge von mehr als einem Prozent verzeichnen.
Auch eine Händleraussage, wonach Merrill Lynch das Kursziel von 59,00 auf 55,00 Euro gesenkt habe, kann die Papiere des Börsenbetreibers offenbar nicht deutlich belasten. Die Papiere der Deutsche Bank erholen sich im Einklang mit dem Bankensektor und klettern um fast 3 Prozent.
"Abermals Hoffen auf Amerikas Notenbank"
Sophia Orti (rum)
- 04.06.2012, 13:18 Uhr
Wenn die Börsianer auf ein Eingreifen der Zentralbanken hoffen, ist
ihnen nicht zu helfen
Rolf-Dirk Maehler (RDMAEHLER1)
- 04.06.2012, 12:18 Uhr
Es gibt keine Euro- oder Wirtschaftskrise, es gibt eine Zockerkrise.
Otto Meier (DerQuerulant)
- 04.06.2012, 11:51 Uhr
Abgesang der Aktienmärkte als Frühindikator der
wirtschaftlichen Entwicklung war wohl verfrüht
Peter Hoch (luxor)
- 04.06.2012, 10:57 Uhr
Es liegt nicht nur an der Weltwirtschaft...
egon soppe (egonsoppe)
- 04.06.2012, 10:20 Uhr