28.04.2006 · LNG: Energiemanager setzen große Hoffnungen auf diese drei Buchstaben. Das Geschäft mit Liquefied Natural Gas - verflüssigtem Erdgas - wächst und wächst. FAZ.NET stellt den Markt vor und nennt Unternehmen, die vom Boom profitieren sollten.
Auch wenn Angela Merkel und Wladimir Putin nach ihrem Treffen in Sibirien auf eitel Sonnenschein machten: Langfristig sollte Europa alles daran setzen, die Abhängigkeit von Rußlands Energielieferungen nicht ins Unermeßliche steigen zu lassen.
Das gilt insbesondere für Erdgas: Etwa ein Drittel seines Erdgases bezog Deutschland 2005 aus Rußland, ein Viertel kam aus Norwegen, ein Fünftel aus den Niederlanden. In Deutschland selbst werden etwa 15 Prozent des Bedarfs gefördert. Die Bedeutung des Brennstoffes wächst: 1970 machte Erdgas erst vier Prozent des deutschen Primärenergiebedarfs aus, heute ist es knapp ein Viertel.
Doch wie könnte Europa von reichen Erdgasvorkommen etwa aus dem Nahen Osten profitieren? Mit Pipelines geht das nicht - oder es wäre extrem teuer. Darum regen derzeit drei Buchstaben die Phantasie der Energiemanager an: LNG. Das Kürzel steht für Liquified Natural Gas. Das verflüssigte Erdgas braucht keine Pipeline, es läßt sich mit Schiffen transportieren.
Die Bedeutung von Erdgas wird noch zunehmen
Erdgas hat viele Vorteile: Bei seiner Verbrennung wird - bezogen auf die freiwerdende Energie - weniger Kohlendioxid frei als bei Kohle oder Öl. Im Vergleich zu Kohle verbrennt Erdgas sehr sauber, eine aufwendige Rauchgasreinigung ist nicht nötig. Außerdem arbeiten Gasturbinen mit höheren Temperaturen, deshalb lassen sich mit Erdgaskraftwerken höhere Wirkungsgrade erzielen als etwa mit Kohle. Außerdem sind die Erdgasreserven - zumindest im Vergleich zum Rohöl - relativ hoch. Die Bedeutung von Erdgas bei Stromerzeugung und Heizung nimmt deshalb seit Jahren zu.
Was die Attraktivität derzeit allerdings sinken läßt, sind die hohen Preissteigerungen. Kraftwerksbetreiber, die eigentlich ein neues Gaskraftwerk errichten wollten, entschieden sich in letzter Minute doch noch für Kohle. Und immer mehr Hausherren heizen lieber mit Holzschnitzeln, als weiterhin die hohe Gasrechnung zu zahlen.
Trotzdem bestehen kaum Zweifel daran, daß die Bedeutung von Erdgas im Weltenergiemix eher noch zunehmen wird. In den vergangenen zehn Jahren ist der Welterdgasverbrauch jährlich um 2,6 Prozent gestiegen. Das soll in Zukunft in ähnlichem Tempo weitergehen: Die amerikanische Energy Information Administration prognostiziert in den kommenden 20 Jahren einen Anstieg des Weltgaskonsums von etwa 2,3 Prozent im Jahr. Die Internationale Energie-Agentur rechnet sogar mit einem Anstieg von 3,5 Prozent im Jahr bis 2020. Damit läßt Gas auch in Zukunft beim Wachstum Öl und Kohle hinter sich.
Zunehmender Erdgashandel spricht für LNG-Boom
Das meiste Erdgas kam 2004 aus Rußland. Danach kommen als wichtigste Förderländer die Vereinigten Staaten, Kanada und Großbritannien. Doch das wird sich, denn die Reserven in Nordamerika und dem Vereinigten Königreich schrumpfen. Knapp 60 Prozent der gesicherten Erdgasreserven liegen in Rußland, Iran und Qatar - diese Länder werden künftig die großen Gewinner des Erdgasbooms sein.
Diese Entwicklung sorgt auch dafür, daß Erdgasproduktion und -verbrauch regional immer weiter auseinanderfallen. Darum steigt die Bedeutung des Erdgashandels. 1970 wurden erst 4,4 Prozent der Gasproduktion gehandelt, 2004 schon 25,2 Prozent. Während früher fast der gesamte Handel (93,5 Prozent) über Pipelines geschah, sind es heute nur noch 73,8 Prozent. Dementsprechend nahm der LNG-Transport auf mehr als ein Viertel zu.
Der Seetransport ist nur ein Glied der LNG-Versorgungskette: In Pipelines wird das Gas zur Verflüssigungsanlage transportiert, wo es auf unter minus 160 Grad abgekühlt und damit verflüssigt wird. Jetzt kann das Gas gespeichert werden kann. LNG-Tanker schiffen das Gas über den Ozean, wo es eventuell abermals gespeichert und wieder erwärmt wird. Einige Schiffe haben bereits Anlagen an Bord, mit denen sie das Gas aufwärmen und direkt in die Pipeline speisen können.
Vor allem Asien sorgt für Wachstum im LNG-Markt
Vor allem größere und effizientere Verflüssigungsanlagen und Schiffe haben in den vergangenen Jahren dafür gesorgt, daß die Kosten des LNG-Transports stärker gesunken sind als die der Pipelines. LNG spielt seine Vorteile bei großen Distanzen aus. Als Faustregel nennt die Hypo-Vereinsbank in einer im Februar veröffentlichten Marktstudie eine Entfernung von 3.000 Kilometern, ab der sich LNG gegenüber einer Pipeline rechnet. Bei kürzeren Distanzen ist der Bau von Pipelines meist billiger.
Trotz des Booms ist die Flotte der LNG-Schiffe noch überschaubar: Laut HVB gab es Ende 2005 191 LNG-Schiffe, den etwa 6.000 Öltanker gegenüber stehen. Doch die Orderbücher sind voll: 131 LNG-Tanker sind bestellt, davon allein 70 Prozent bei südkoreanischen Werften.
Das Gros des Wachstums wird der HVB zufolge in Zukunft aus Asien kommen. Außerdem werden die schrumpfenden Reserven in den Vereinigten Staaten für eine erhöhte Nachfrage aus Amerika sorgen. „Auch in Europa wird verstärkt LNG nachgefragt werden - nicht zuletzt, um Alternativen zum russischen Pipeline-Erdgas zu bekommen“, schreibt die HVB.
Staatliche Gesellschaften als Marktführer
Die größten Spieler im LNG-Markt sind staatliche Gesellschaften aus Indonesien (Pertamina), Malaysia (Petronas), Algerien (Sonartrach) und Qatar (Qatar Petroleum) - diese Länder stehen für mehr als 60 Prozent der weltweiten LNG-Exporte.
Am schnellsten treibt Qatar die Projekte voran: 2004 war das Emirat, das nur halb so groß ist wie Hessen, erst viertgrößter LNG-Lieferant, 2005 schon nach Indonesien die Nummer zwei. Bis 2011 will das Land die Lieferung auf 77 Millionen Tonnen LNG mehr als verdreifachen.
Bei den privaten Gesellschaften ist Royal Dutch Shell (Isin GB00B03MLX29) im LNG-Geschäft führend, gefolgt von BP (GB0007980591). Exxon Mobil (US30231G1022) plant, die Produktion massiv auszuweiten. Größter LNG-Importeur ist mit Abstand Japan, was vor allem durch die geographische Lage zu erklären ist.
Auch Eon und Linde wollen profitieren
Analysten von Lehman Brothers schätzten kürzlich, daß für einen Erfolg im LNG-Markt entscheidend sein wird, an welchem Glied der Wertschöpfungskette das Unternehmen aktiv ist. Nicht mehr der Transport sondern die Verflüssigung und die Vermarktung des Erdgases gehörten mittelfristig zu den profitabelsten Segmente des LNG-Marktes. In der Tat scheint der Markt für LNG-Schiffe den Gipfel seines Wachstums schon überschritten zu haben - die aktuelle Zahl der Bestellungen ist kaum noch zu schlagen.
Deshalb werden zwei deutsche Unternehmen, die vom LNG-Boom profitieren werden, gute Chancen eingeräumt: Eon und Linde. Eon (DE0007614406) teilte vor wenigen Monaten mit, für etwa 500 Millionen Euro in Wilhelmshaven ein LNG-Importterminal aufbauen zu wollen. Linde (DE0006483001) konstruiert für den norwegischen Öl- und Gaskonzern Statoil in Hammerfest die erste europäische Gasverflüssigungsanlage. Auftragsvolumen: Etwa 800 Millionen Euro.
RWE will nicht zurückstehen und ebenfalls in den Markt einsteigen. Konzernchef Harry Roels sagte Ende Februar, noch in diesem Jahr Konkreteres zum Thema LNG sagen zu wollen. Auch bei der geplanten Fusion der französischen Unternehmen Gaz de France und Suez spielt das verflüssigte Erdgas eine große Rolle, denn der fusionierte Konzern wäre einer der größten LNG-Händler der Welt.
Air Products führend bei LNG-Anlagen
Doch all die genannten Konzerne sind - noch - keine reinen LNG-Spezialisten. Bei Linde treibt eher die nach der Übernahme des Konkurrenten BOC gestärkte Marktposition den Kurs, nicht die Hoffnung auf weitere LNG-Projekte. Eon wird sich erst einmal auf die Integration von Endesa konzentrieren müssen, wenn Akquisition gelingt. Und die großen Ölkonzerne haben zum Teil Probleme, ihre Reserven zu erneuern. Sie wollen zwar am LNG-Boom verdienen, bislang dominiert aber das konventionelle Geschäft den Umsatz.
Außerdem sind die LNG-Projekte nicht ohne Risiko, wie die neue „Neue Züricher Zeitung“ im Februar berichtete: Ein Projekt von Royal Dutch Shell in Rußland werde mit 20 Milliarden Euro doppelt so teuer wie angekündigt, beim Statoil-Projekt in Hammerfest lägen die Kosten 13 Prozent über den Schätzungen.
Weltmarktführer für Erdgas-Verflüssigungsanlagen ist der amerikanische Industriegase-Hersteller Air Products (US0091581068). Am Mittwoch dieser Woche legte der Linde-Konkurrent seine jüngsten Quartalszahlen vor: Umsatz und Nettogewinn stiegen im Vergleich zum Vorjahr um 16 Prozent. Ohne die Berücksichtigung von Aktienoptionen, die amerikanische Unternehmen neuerdings in der Gewinnberechnung ausweisen müssen, stieg der Überschuß sogar um 21 Prozent. Die Umsatzrendite betrug knapp neun Prozent. Das Management erwartet, daß das Gesamtjahr das vierte Jahr in Folge ein Wachstum im zweistelligen Prozentbereich.
Vom LNG-Boom profitieren dürfte auch Tenaris (US88031M1099). Dieser Stahlproduzent lieferte im vergangenen Jahr zum Beispiel 22.000 Tonnen Röhren für das weltgrößte LNG-Projekt in Qatar (siehe auch: Tenaris-Aktie auf dem Weg nach oben). Eine wesentlich heißere Wette ist die Aktie von Cheniere Energy (US16411R2085): Die Amerikaner entwickeln Flüssiggasterminals und fördern Gas im Golf von Mexiko. Die meisten Analysten empfehlen die Aktie zum Kauf, rechnen aber erst 2009 mit einem Gewinn.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |