12.08.2010 · An der Börse des Subkontinents waren die Anleger zuletzt besser aufgehoben als in China. Das bleibt auch so. Auch wenn kurzfristig Rückschläge drohen und die indische Wirtschaft sehr langsam wächst - das Wachstum ist dafür nachhaltig und sicher.
Von Christoph Hein, SingapurGemessen an den Sorgen, die Anleger im chinesischen Markt umtreiben, strömt der indische Aktienmarkt weiter Vertrauen aus. Natürlich bleibt auch er nicht unberührt von den weltweiten konjunkturellen Sorgen. Doch scheint der Aktienmarkt in Indien bislang nicht so überhitzt wie in China und getragen von der heimischen Nachfrage, weniger vom Export der börsennotierten Unternehmen.
Gutes Geld konnte verdienen, wer es aus dem Schwellenmarkt China in den Schwellenmarkt Indien transferierte: Während der Index in China in den vergangenen zwölf Monaten 11 Prozent verlor, gewann der Sensex in Mumbai (Bombay) im selben Zeitraum gut 20 Prozent. Seit Jahresbeginn liegt er noch 3,4 Prozent im Plus, während China den Anleger gut 17 Prozent gekostet hat.
Kein „Super-Risiko“ wie in China
Nun aber, bei einem Stand des Index Sensex um die 18.000 Punkte, werden auch die Anleger in Indien sensibler. Das hat zwei Gründe. Zum einen lauern die größten Gefahren für den Aktienmarkt der drittgrößten Volkswirtschaft Asiens außerhalb ihrer Landesgrenzen. „Wenn sich das Wachstum in Amerika oder China abkühlt, wird dies den Weltmarkt berühren. Indien aber kann sich nicht gegen die Welt stemmen“, heißt es bei den Analysten von Karvy Stock Broking in Mumbai. Auf einzelnen Papieren, die maßgeblich Indizes und Stimmung bestimmen, lasten mehr und mehr amerikanische Sorgen: Erst drückte der im Verhältnis zur Rupie schwache Dollar die Erwartungen der Softwarehersteller wie Infosys, Wipro oder TCS. Dann verschärften sich die Visabestimmungen in Amerika. Und nun drohen die konjunkturellen Probleme dort die Datendienstleister ganz real Umsatz und Gewinn zu kosten.
Zum anderen bleibt der indische Markt abhängig von den Geldströmen aus dem Ausland. Es war das Geld der Auslandsinvestoren, das dem Sensex 2009 die schnellste Rallye seit 18 Jahren bescherte, aber im Jahr zuvor dessen stärksten und schnellsten Verlust erzeugte. Allein im vergangenen Jahr wuchs die Summe des Auslandskapitals, das in indische Aktien angelegt wurde, um 53 Prozent auf gut 830 Milliarden Rupien (13,73 Milliarden Euro). Nur ein Jahr zuvor hatten die Spekulanten 530 Milliarden Rupien aus dem Markt herausgezogen. Die Volatilität des Anlagevolumens zeigt, dass das Grundvertrauen in den indischen Markt bei Ausländern begrenzt ist. Deshalb sind die Notierungen der im Ausland etwa über die New Yorker Börse gehandelten Softwarekonzerne wichtige Indizien für die Risiken des Gesamtindexes. Seit Tagen aber steigen die Gewinnmitnahmen.
Zu den Sorgen um das Stillhalten ausländischer Investoren tritt nun ein vernehmliches Abklingen der Euphorie für die Binnenwirtschaft. Wohlgemerkt gilt dies nicht auf lange Sicht - wer Geld und Geduld besitzt, dürfte auch noch länger von Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes zwischen 8 und 10 Prozent im Jahr an der Börse profitieren können. Allein für dieses Fiskaljahr (31. März) rechnet der Internationale Währungsfonds mit einer Wachstumsrate von 9,4 Prozent für den Subkontinent. Ein „Super-Risiko“ wie ein Platzen der Häuserblase in China ist nicht zu erkennen.
Rückschläge zu Nachkäufen nutzen
Kurzfristig aber drohen in Indien Rückschläge. Sorgen bereiten steigende Preise — schon viermal hat die Zentralbank in diesem Jahr die Zinsen erhöht. War der Ausstoß der indischen Industrie im Mai noch um 11,3 Prozent im Vergleich zum Vorjahr gestiegen, legte er im Juni nur um 7,1 Prozent zu. Analysten hatten mit einem Anstieg von 8,1 Prozent gerechnet. Allerdings zeichnet sich hier nicht nur ab, dass sich die Erholung nach der Krise verlangsamt. In Rechnung gestellt wird auch der hohe Vorjahreswert, als Indien seinen Weg aus der Krise fand. Sonal Varma, Indien-Analyst bei Nomura, fasst es treffend: „Auch der Absatz von Maschinen und Anlagen wächst langsamer, aber dennoch nachhaltig.“
Wer also keine überzogenen Erwartungen hat, der mag sich in Indien gut aufgehoben fühlen und Rückschläge zu Nachkäufen nutzen. Wie die Automobilhersteller in diesen Tagen zeigen, läuft die Berichtssaison gut. Tata Motors oder Mahindra & Mahindra sprühen vor Selbstvertrauen, haben ihre Übernahmen in die schwarzen Zahlen gefahren und planen weitere Auslandsengagements. Deshalb bewertet die Börse Tata Motors so hoch wie in den vergangenen 19 Jahren nicht. Wichtiger noch: Der Monsun, unter dem Pakistan so leidet, hilft den Bauern in weiten Teilen Indiens. Immer noch sind mehr als 60 Prozent der Inder vom Regen abhängig. Ein Fünftel trägt der Agrarsektor zur gesamtwirtschaftlichen Leistung bei — wächst das Getreide auf den Feldern, steigt die Kaufkraft der Bauern.
Das verleiht indischen Analysten Zuversicht, dass die Unternehmensgewinne weiter sprudeln werden. Einen Anstieg von mindestens 20 Prozent erwartet Sudhakar Shanbhag, Chefinvestor der Versicherung Kotak Mahindra. Das werde den Sensex auf rund 21.000 Punkte bis März kommenden Jahres befördern. Dieser Wert läge knapp über dem Sensex-Allzeithoch von 20.873 Punkten im Januar 2008.
Christoph Hein Jahrgang 1960, Wirtschaftskorrespondent für Südasien/Pazifik mit Sitz in Singapur.
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