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Mittwoch, 19. Juni 2013
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

„Low Beta“-Papiere Diese Aktien trotzen jeder Krise

 ·  Die Börsen schwanken wie selten. Doch es gibt Unternehmen, denen das nur wenig ausmacht, Marktmacht und stabile Gewinne zeichnen sie aus: „Low Beta“-Papiere sind wie geschaffen für unruhige Börsenzeiten.

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© SIS Der DAX setzt seinen Abwärtstrend fort. Welche Aktien können sich den aktuellen Schwankungen am besten widersetzen?

Und wieder ging es abwärts. Allein am Freitag nochmal um mehr als ein Prozent. Die Gewinne des Dax vom Wochenbeginn sind alle weitgehend verpufft. Einfach frustrierend, was das deutsche Börsenbarometer Aktionären derzeit zumutet.

Starke Schwankungen, ein ständiges Auf und Ab, Konjunktursorgen in Amerika und Europa - Lust auf Aktien macht dies Anlegern nicht gerade. Trotzdem sind Geldmanager wie Georg von Wallwitz, Chef der Münchner Vermögensverwaltung Eyb & Wallwitz, von den Papieren überzeugt. Hat der Mann etwa nicht mitbekommen, was derzeit an den Märkten los ist?

Kaum von der allgemeinen Entwicklung abhängig

Doch, hat er - und mit ihm viele Geldprofis bei Investmentgesellschaften und Privatbanken, die einen ähnlichen Anlageansatz verfolgen. Sie schauen gerade nicht auf die Entwicklung des Dax, kümmern sich wenig um das Hin und Her an den großen Weltbörsen. Lieber gehen sie der Frage nach: Welche Aktien können sich den aktuellen Schwankungen am besten widersetzen? Die Antwort lautet: „Low Beta“-Papiere.

Hinter dem englischen Fachbegriff verbirgt sich eine Strategie, die wie geschaffen ist für unruhige Börsenzeiten. Denn „Low Beta“ heißt nichts anderes als in Aktien zu investieren, die kaum von der allgemeinen Börsenentwicklung abhängig sind. Im Idealfall geht der Kurs solcher Papiere also nur wenig zurück, wenn ein Aktienindex wie der Dax stark einbricht.

Unternehmen mit Marktmacht: Ausgewählte internationale Aktien
Aktie Branche Kurs (€) Wertent- wicklung in % Wertent- wicklung in % Kurs- Gewinn- Verhältnis Dividenten- rendite (%) [1]
(3 Jahre) (5 Jahre) [1]
Apple Technologie 460,6 367,6 400,6 12,3 0,46
BASF Chemie 54,09 92,6 14,3 9,3 4,8
Fresenius Med. Care Medizin 55,07 72,3 62,8 17,9 1,33
LVMH Luxusgüter 117,05 109,9 37,6 16,1 2,56
Kone Industrie 45,2 118,8 96,8 18,5 2,97
Mastercard Finanzen 333,34 189,1 174,2 19,3 0,21
MTU Aero Industrie 58,27 143,7 23,5 13,5 2,31
Nestlé Konsum 46,4 74,6 69,9 16,8 3,73
SGS Dienstleistung 1473,98 77,8 79,5 21,3 3,79
Walt Disney Medien 37,59 121,3 47,2 15,6 1,26
[1] 2012 erwartet, Quelle: Bloomberg

Ein schöner Traum? Nicht unbedingt. Zwar kann sich kaum eine Aktie völlig entziehen, wenn es an den Börsen stark nach unten geht. Aber tatsächlich gibt es Papiere, denen ein Einbruch der Kurse auf Dauer nur wenig anhaben kann - die Aktien von Unternehmen mit hoher Marktmacht.

Denn eine starke Marktstellung bedeutet: Ein Unternehmen kann weitgehend die Preise durchsetzen, die ihm genehm sind, selbst in wirtschaftlich schwierigen Zeiten. Das gilt auf der einen Seite für den Einkauf der Güter, die zur Produktion nötig sind: Hier drückt die Firma den Preis. Und auf der anderen Seite für den Verkauf der fertigen Ware: Hier schraubt das Unternehmen den Preis nach oben. So entsteht das, was Finanzfachleute als Überrendite bezeichnen. Mit anderen Worten: Die Firma verdient dauerhaft richtig gutes Geld.

Stabiler Kursverlauf in turbulenten Börsenphasen

Auch wenn eine solche Dominanz aus volkswirtschaftlicher Sicht nicht wünschenswert ist - die Aktionäre profitieren davon. „Unternehmen mit marktbeherrschender Position schütten ordentliche Dividenden aus“, sagt Alexander Daniels von der Vermögensverwaltung Knapp Voith. Und nicht nur das: Die guten Geschäftszahlen erhöhen das Zutrauen in die Aktie. Sie locken einerseits neue Aktionäre an und bestärken andererseits Altaktionäre darin, weiter an dem Papier festzuhalten. All das sorgt selbst in turbulenten Börsenphasen für einen stabileren Kursverlauf. In einer Auswertung hat Vermögensverwalter Wallwitz solche Aktien mit dem weltweiten Barometer MSCI World verglichen. Ergebnis: Über einen Zeitraum von zehn Jahren legten sie fast 50 Prozentpunkte mehr an Wert zu.

So toll das klingt - mit Leichtigkeit finden lassen sich solche Unternehmen nicht gerade. Denn selbst wenn eine Firma derzeit einen bestimmten Markt dominiert: Wie sicher ist es denn, dass sie dies auch noch in Zukunft tun wird?

Konkurrenten bleiben außen vor

Auf drei Kriterien kommt es nach Ansicht von Vermögensverwalter Wallwitz bei der Auswahl an. Kriterium Nummer eins hört auf den Namen Markteintrittsbarriere. Was damit gemeint ist, zeigt das Beispiel Apple: Der Technologiekonzern dominiert mit seinem iPad den Markt für die sogenannten Tablet-Computer, bei einem weltweiten Anteil von 54 Prozent lässt er die Konkurrenz weit hinter sich. Apple war einer der ersten Anbieter auf diesem Markt und hat es zudem verstanden, allen anderen den Zugang so schwer wie möglich zu machen. Denn er produziert sowohl Computer und Handys als auch die dazugehörigen Softwareprogramme selbst. Ein ausgetüfteltes, in sich geschlossenes System aus einem Guss: Wer das Apple-Handy iPhone besitzt, kauft seine Lieblingssongs dann auch über das Apple-Musikprogramm iTunes ein - so sichert man sich Marktmacht.

Auf vergleichbare Weise verteidigt auch die finnische Firma Kone ihren hohen weltweiten Marktanteil von zehn Prozent. Die Aufzugssysteme, die sie herstellt, sind technisch so komplex, dass sie üblicherweise nur Kone-Techniker warten können. Ähnlich abgeschottet hat sich auch der Schweizer Zertifizierer SGS. Wer international Waren ein- oder ausführt, kommt an ihm nicht vorbei. Konkurrenten bleiben so außen vor.

Nicht auf alle Zeiten sicher

Das allein genügt als Auswahlkriterium jedoch nicht. Ein zweites muss hinzukommen: Innovationsfähigkeit. Denn nur wenn ein Unternehmen bei neuen Entwicklungen immer vorne mit dabei ist, kann es seinen hohen Marktanteil auf lange Sicht verteidigen. Bestes Beispiel: BASF. Der Konzern ist führend bei der Erfindung neuer Techniken. Europaweit steht das Unternehmen bei der Zahl der Patentanmeldungen auf dem vierten Platz.

Hohe Zugangshürden für Konkurrenten, Innovationskraft - was jetzt noch fehlt für langfristigen Börsenerfolg, ist ein starker Name. Auch wenn dies ein eher weiches Kriterium ist: Ein weltweit anerkannter Markenname garantiert gute Geschäfte. Allein die Lizenzgebühren für die populären Comicfiguren des amerikanischen Walt- Disney-Konzerns beispielsweise sichern dem Unternehmen verlässliche Einnahmen. Es verfügt über eine Vormachtstellung in den Kinderzimmern dieser Welt.

Auf alle Zeiten sicher dürfen sich Anleger allerdings auch mit den stärksten Unternehmen nicht fühlen. Lässt die Qualität der Produkte nach, leidet die Erneuerungskraft, oder greift gar der Staat regulierend in den Markt ein, kann dies das Ende der Dominanz bedeuten. Ein Beispiel: Der Handy-Konzern Nokia, lange an der Spitze des Mobilfunkmarktes, verpasste das Aufkommen der Smartphones und muss nun sogar Werke schließen.

Zudem ist längst nicht jede Firma, die einen Markt beherrscht, schon allein deswegen für Anleger interessant. So dominiert der amerikanische Anbieter Amazon zwar den weltweiten Online-Versandhandel, wichtige Börsenkennziffern stimmen aber skeptisch: Das Kurs-Gewinn-Verhältnis liegt bei einem Wert von rund 80, die Aktie ist also schon sehr teuer.

Bleibt die Frage: Sollten sicherheitsorientierte Anleger die Börse zurzeit nicht besser ganz meiden? Als Antwort genügen wenige Zahlen. So werfen die meisten Aktien starker Firmen Dividendenrenditen von mehr als zwei Prozent im Jahr ab. Wer dagegen in Bundesanleihen investiert, macht nach Abzug der Inflation Verlust. Da sind Aktien die bessere Alternative - auch wenn es an der Börse immer mal wieder abwärtsgehen kann.

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Jahrgang 1979. Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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