01.10.2011 · Der ATX hat seit Jahresbeginn um mehr als 30 Prozent nachgegeben. Zurückgeführt wird dies darauf, dass die Ausschläge an regionalen Kapitalmärkten generell stärker seien und der Leitindex sehr bankenlastig ist.
Von Michaela Seiser, WienAn kaum einer anderen Börse haben Anleger in diesem Jahr so viel verloren wie in Wien. Seit Jahresbeginn büßte der Leitindex ATX mehr als ein Drittel ein und liegt derzeit unter 2000 Punkten. Damit notiert das Barometer bei nicht einmal 40 Prozent seines Höchststandes von mehr als 5000 Punkten aus dem Sommer 2007.
Dass die in Wien notierten Aktien stärker an Wert eingebüßt haben als die an anderen Börsen, führen Fachleute zum einen darauf zurück, dass die Ausschläge an regionalen Kapitalmärkten generell stärker seien. Zum anderen sei der ATX mit den Schwergewichten Erste Group und Raiffeisen Bank International (RBI) bankenlastig, und Geldhäuser hätten zuletzt besonders schlecht abgeschnitten. Die Erste und Raiffeisen haben im bisherigen Jahresverlauf jeweils mehr als 40 Prozent an Wert verloren. Im ATX werden ihre Kursverluste nur von denen des Spezialisten für Feuerfestprodukte RHI übertroffen. Dessen Titel verlor im Jahresverlauf rund 49 Prozent an Wert. Die beiden Banktitel haben zudem einen relativ hohen Einfluss auf die Entwicklung des Leitindex der Wiener Börse. Die Erste Group hat im 20 Werte umfassenden ATX ein Gewicht von 17 Prozent.
Schwache Entwicklung
Zudem gebe es Anzeichen, dass die Wertpapiersteuer für die Rückgänge mitverantwortlich ist, sagte der Vorstand der Wiener Börse AG (WBAG), Heinrich Schaller. Im Zuge der Budgetkonsolidierung werden Kursgewinne von Aktien und Investmentfonds von April 2012 an mit 25 Prozent besteuert. Es habe Vorziehkäufe gegeben, während die Handelsvolumina an der Wiener Börse in den zurückliegenden Monaten geschrumpft seien. Private wichen ins Ausland ab, weil sie dort im Steuerausgleich Gewinne sofort mit Verlusten verrechnen können, heißt es. Die Börse verhandelt darüber, dass auch Banken den Verlustausgleich machen können.
Die schwache Entwicklung der Wiener Börse könnte überdies mit der starken Abhängigkeit der österreichischen Wirtschaft von Osteuropa zusammenhängen, wo Anleger nach dem Zusammenbruch von Lehman Brothers vor drei Jahren Risikoscheu entwickelt haben. Indes schneidet Osteuropa hinsichtlich der Verschuldung besser ab als Westeuropa.
Hinzu kommt, dass der Kurszettel dünner wird: Durch Fusionen und Delistings ist eine Reihe von früher gefragten Aktien verschwunden. Verabschiedet haben sich auch viele Privatanleger, die in der Krise Geld verloren haben. Zu allem Überfluss ist ein geplanter Börsengang in letzter Minute gescheitert. Als negativ für den Wiener Markt dürfte sich überdies ausgewirkt haben, dass es mit der Wiederaufnahme der Börsengänge nicht wie erhofft geklappt hat. Die bisher einzige Emission dieses Jahres, der Börsengang des Aluminiumkonzerns Amag, hat unter den ambitionierten Preisvorstellungen der beteiligten Investmentbanken gelitten.
Höhere Zuwächse als andere Märkte
Die Börsenflaute spiegelt nicht die Stärke der österreichischen Wirtschaft. Das Bruttoinlandsprodukt wächst in diesem Jahr mit voraussichtlich 3 Prozent schneller als die Länder im Euroraum. Im kommenden Jahr wird mit einer Abschwächung auf rund 1 Prozent gerechnet. Mit einer Neuverschuldung von voraussichtlich 3,7 Prozent der Wirtschaftsleistung in diesem Jahr und einer Schuldenlast von 72,3 Prozent steht Österreich ebenso besser da als der Euroraum. Die gute Konjunkturentwicklung befeuert die Ertragskraft der Unternehmen. Aus Sicht von Unicredit dürfte deren Gewinne in diesem und im kommenden Jahr um mehr als ein Viertel zulegen. Damit könnte Österreich 2012 höhere Zuwächse erreichen als andere Märkte. Mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis (KGV) von 10,3 in diesem Jahr und 8 im nächsten Jahr ist der ATX im Vergleich zu anderen Märkten als günstig einzuschätzen.
Der Generalanwalt des Österreichischen Raiffeisenverbandes, Christian Konrad, wies vor kurzem darauf hin, der Börsenwert der im ATX geführten Unternehmen nur 70 Prozent des Buchkapitals betrage. „Die Börsenkurse liegen derzeit bei den meisten Unternehmen deutlich unter ihrem inneren Wert“. Diese Einschätzung teilen derzeit wenige Anleger.
Michaela Seiser Jahrgang 1968, Wirtschaftskorrespondentin für Österreich und Ungarn mit Sitz in Wien.
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