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Leerverkäufe Anleger setzten massiv auf fallende Kurse

21.07.2008 ·  „Leerverkäufer“, also Anleger, die Wertpapiere leihen, um sie in Erwartung fallender Kurse zu verkaufen, verdienten in den vergangenen Wochen viel Geld. Aber sie haben einen schlechten Ruf. Dabei erfüllen sie eine sinnvolle Funktion.

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Noch niemals zuvor haben Investoren so viel Geld mit Leerverkäufen am Aktienmarkt verdient wie im Juli dieses Jahres. Investoren und Vermögensverwalter wie William Ackman und Investorenlegende Jim Rogers haben im Juli mindestens 1,4 Milliarden Dollar mit Leerverkäufen gemacht - so etwa mit den heftig eingebrochenen Aktien der beiden strauchelnden Hypothekenfinanzierer Fannie Mae and Freddie Mac - wie aus Bloomberg-Daten hervorgeht.

Andere Investoren waren Harbinger Capital Partners, die 665 Millionen Dollar auf weitere Kursverluste bei der Hypothekenbank HBOS gesetzt hatten. Auch für den brasilianischen Hedgefonds-Manager Francisco Meirelles de Andrade hat es sich gelohnt, beim Minenkonzern Cia. Vale do Rio Doce short zu sein.

Volumen rund ein Drittel höher als im vergangenen Jahr

Derzeit sind Aktien im Wert von mehr als 1,4 Billionen Dollar mit dem Ziel ausgeliehen, sie zu niedrigeren Kursen zurückzukaufen. Das Volumen liegt rund ein Drittel höher als zum gleichen Zeitpunkt im vergangenen Jahr. Das hat der auf Futures-Märkte spezialisierte Dienstleister Spitalfields Advisors in London berechnet. Auch in Europa hat es sich gelohnt, auf die kräftig nachgebenden Kurse zu setzen. So hat der Eurostoxx 50 Short Index im ersten Halbjahr 2008 um 29 Prozent zugelegt, was der besten Wertentwicklung seit 1992 entsprach. Zugleich war der Eurostoxx 50 mit 24 Prozent so schwach in das Jahr gestartet wie noch niemals zuvor.

Die Quote der Leerverkäufe an der New York Stock Exchange erreichte im abgelaufenen Monat mit 4,6 Prozent der gesamten Aktienverkäufe auf den höchsten Stand seit mindestens 1931, wie aus Daten der Vermögensverwaltung Bespoke Investment hervorgeht.

Nach Meinung von James Angel, Wirtschaftsprofessor an der Washingtoner Georgetown-Universität und ausgewiesener Spezialist für Futures-Märkte, ist nahezu das gesamte Volumen der geliehenen Aktien in Short-Positionen investiert - das heißt, die Investoren setzen inzwischen massiv auf weiter fallende Märkte. Nahezu alle wichtigen Börsen in den entwickelten Ländern, die Aktien zum Weltindex MSCI World Index beisteuern, hatten zuletzt per Definition einen Bärenmarkt erreicht. Verluste der Banken im dreistelligen Milliardenbereich, eine nachgebende Weltkonjunktur und nicht zuletzt eine Flut neuer, auf Leerverkäufe spezialisierter Fonds, gelten als Gründe für den Boom bei Anlageformen, die bei fallenden Märkten Rendite generieren.

Shortseller - „gesund“ für den Markt oder manipulativ?

„Es sind mittlerweile große Mengen Kapital, die hierher fließen“, sagt Peter Hahn, Analyst bei der Cass Business School und früherer Manager bei Citigroup. Short-Positionen hätten inzwischen einen langen Weg hinter sich. „Sie werden langsam zum Mainstream und Aktienkäufer müssen einsehen, dass short-gehen nicht gleich automatisch negativ ist“, sagt er.

Kritiker wie etwa Roger Lawson von der britischen Aktionärsvereinigung befürchten, dass der Markt zunehmend „ein Markt für Spekulanten statt für Investoren“ wird: „Mit diesen Marktmanövern werden fette Gewinne erzielt. Wenn die Praxis nicht limitiert wird, kann es schnell zur Marktmanipulation werden“, sagt er.

Die Regulierungsbehörden in den Vereinigten Staaten und in Großbritannien setzen zunehmend auf eine restriktivere Handhabung von Leerverkäufen. Es wird befürchtet, dass die Praxis bei nachgebenden Märkten einen unerwünschten Verstärkungseffekt auslösen könnte. Hingegen öffnen sich Schwellenländer wie Indien und Indonesien verstärkt dieser Praxis.

„Shortseller sind doch ein wichtiger Teil des Ökosystems an den Märkten“, sagt Wirtschaftsprofessor Angel, „ebenso wie Raubtiere in der Natur die schwachen und kranken Tiere einer Herde aussortieren, werden Shortseller jene Aktien aussuchen, bei denen es berechtigte Zweifel an der Bewertung gibt“, sagt er.

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