14.02.2010 · Erst runter, dann stark schwankend seitwärts: Das ist ein sehr wahrscheinliches Börsenszenario für die nächsten Jahre. Trotzdem können Anleger auch in solchen Phasen Geld verdienen.
Von Dyrk Scherff und Patrick BernauVon wegen gute Börsenmonate: Weder der Januar noch der Februar haben bisher gebracht, was die Statistik ihnen verheißt - Kursgewinne. Der Jahresauftakt gehörte in der Vergangenheit stets zu den besten Zeiten für Aktien. Die Kurse stiegen zu Jahresbeginn weit häufiger als im Rest des Jahres. Dieses Jahr ist es anders.
Erst die von Obama angekündigte strenge Bankenregulierung, dann die Not Griechenlands und die restriktivere Geldpolitik der chinesischen Notenbank. Dieser Finanz-Cocktail beendete die Hausse bis auf weiteres. Der Dax ist von seinem Hoch bei fast 6100 Punkten auf 5500 Punkte gefallen. Und die Aussichten sind nicht gut, dass die Hausse bald wieder kräftig Fahrt aufnimmt. Zumindest wenn man jenen Experten glauben darf, die Konjunktur- und Aktienkursentwicklungen nach Finanzkrisen untersucht haben. Trotzdem lässt sich auch in solchen Phasen Geld verdienen.
Aktienkurse dümpeln jahrelang richtungslos herum
Eine der prominentesten Analysen zu den Wachstumsaussichten nach großen Krisen stammt von Kenneth Rogoff. Der ehemalige Chefökonom des Internationalen Währungsfonds hat anhand der Finanzkrisen der vergangenen hundert Jahre in Industrie- und Schwellenländern festgestellt: Nach solchen Krisen brauchten die meisten Länder Jahre, um zum alten Wachstum zurückzufinden.
Bislang verlief auch diese Krise so wie ihre historischen Vorbilder. Bei denen dauerte es im Schnitt sieben Jahre, bis die Volkswirtschaften wieder ihre Vorkrisen-Leistung erreichten – in der Zwischenzeit verzeichneten sie ein Wachstum von nicht mal einem Prozent pro Jahr. Was das für die Aktienmärkte heißt, hat die amerikanische Investmentbank Morgan Stanley analysiert: Sie hat 19 große Bärenmärkte vor allem anhand der Aktienindizes von Industrieländern untersucht – und auch in denen zeigte sich ein charakteristisches Muster: Erst sank der Kurs im Schnitt um 57 Prozent, um anschließend in einer Erholungsrally 71 Prozent zu gewinnen. Fast genauso verhielt sich der Dax seit seinem Hoch Mitte 2007. Doch die Analyse von Morgan Stanley geht noch weiter: In der Zeit, in der die Wirtschaft laut Rogoff nur vor sich hinkriecht, dümpeln auch die Aktienkurse richtungslos herum. Jahrelang.
Stärkerer Kursanstieg an den Börsen der Schwellenländer
Morgan Stanley ist der Ansicht, dass die Märkte jetzt ihre erste Erholung nach dem großen Kurssturz 2008 hinter sich haben. „Jetzt beginnt die Phase der Straffung der Geldpolitik“, sagt Teun Draaisma, Chefstratege von Morgan Stanley für Europa. Die Maßnahmen der chinesischen Notenbank und erste Zinserhöhungen etwa in Norwegen oder Australien bestätigen das. Und das heißt nach dem Modell der Bank: Es kommt jetzt eine Zeit der Kursverluste. Auch das wird derzeit von der Realität nicht widerlegt.
Anleger, die der Analyse glauben, können aber trotzdem Geld verdienen. Nur wird ihr ideales Depot anders aussehen, als bisher immer empfohlen wurde. Und häufiges Umschichten wird nötig. Eine Bank (Commerzbank) und ein Vermögensverwalter (VZ Vermögenszentrum) haben dazu für diese Zeitung zwei Musterdepots ausgearbeitet: eines für risikofreudige Anleger und eines für vorsichtige.
Beide Experten haben dabei nicht ihre eigenen Erwartungen berücksichtigt, sondern sind von dem Modell von Morgan Stanley ausgegangen und haben weitere Annahmen getroffen. Es wird schwankende Aktienkurse in den kommenden Jahren in den Industriestaaten geben ohne eindeutigen Trend nach oben. Bei stagnierendem, bestenfalls geringem Wirtschaftswachstum. Bei leicht steigenden Zinsen, höherem Wachstum und stärkerem Kursanstieg an den Börsen der Schwellenländer.
„Niemand weiß sicher, wie sich die Märkte entwickeln werden“
Das Resultat beider Experten: Die Aktienquote im Depot sollte deutlich niedriger als gewöhnlich sein, aber auch nicht bei null. Denn zum einen gibt es auch in schwankenden Märkten Gewinnchancen in einzelnen Aktien oder Branchen. Zum anderen wäre ein Verzicht auf Aktien zu riskant. Denn sollten die Kurse wider Erwarten doch stärker ansteigen, würden Anleger davon nicht profitieren. „Ein Depot sollte immer ausgewogen in verschiedenen Wertpapierklassen investiert sein – egal wie die Marktmeinung ist, denn niemand weiß sicher, wie sich die Märkte entwickeln werden“, sagt Michael Huber vom VZ Vermögenszentrum.
Zweites Resultat: Das Depot wird stärker auf die Schwellenländer ausgerichtet. „Da das Wirtschaftswachstum dort höher ist, haben auch die Aktienmärkte bessere Chancen“, begründet Michael Wiaterek, Leiter der Asset Allocation im Privatkundenteam der Commerzbank. Bei den europäischen Aktien dominieren große Titel, die vom höheren Wachstum in den Schwellenländern profitieren. „Und defensive Titel wie Pharmaaktien, die stabile Erträge und damit auch dann Kursgewinne erzielen können, wenn die Gesamtwirtschaft nicht stark wächst“, ergänzt Michael Huber.
Nicht vom Euro abhängen
Amerikanische Aktien sind vor allem wichtig, damit Anleger nicht zu einseitig vom Euro abhängen. Commerzbank und VZ Vermögenszentrum legen dort ebenfalls an, aber nicht aus diesen Gründen, sondern weil sie von Amerika noch deutlich höhere Kursgewinne erwarten. Die Bank würde einem spekulativen Anleger 55 Prozent Aktien empfehlen, das Vermögenszentrum nur 40 Prozent (in der Grafik: die Empfehlung des Vermögenszentrums für zwei Anlegertypen).
Der Vermögensverwalter investiert dafür aber noch zehn Prozent in Deep-Discount-Zertifikate, Zertifikate mit sehr hohem Abschlag. Sie versprechen fünf Prozent Gewinn im Jahr, selbst wenn die Kurse um 30 Prozent fallen. Für Aktien gilt laut Huber: Schwanken die Kurse über mehrere Jahre seitwärts, wie im Szenario angenommen, müssen Kursgewinne zwischendurch häufiger als sonst realisiert und schwache Phasen zum Wiedereinstieg genutzt werden. Sonst verdienen Anleger kaum.
Gold und Immobilien zur Stabilisierung
Für den Anleiheblock raten beide Experten zu mittleren Laufzeiten bis maximal vier Jahre, damit der erwartete Zinsanstieg nicht zu stark den Kurs belastet. Sie empfehlen Unternehmens- und Staatsanleihen und für den spekulativen Anleger auch Anleihen in Schwellenländern, mit denen sich von den dort höheren Zinsen und Währungsgewinnen profitieren lässt.
Die Bargeldposition – also Tagesgeld oder variabel verzinste Anleihen (Floater) – ist bei der Commerzbank deutlich höher als beim VZ Vermögenszentrum. „Dadurch verdienen Anleger am erwarteten Zinsanstieg“, sagt Michael Wiaterek. Kursgewinne erzielt Tagesgeld allerdings nicht. Daher setzt das Vermögenszentrum eher auf kurz- und mittellang laufende Anleihen. Gold und Immobilien dienen beiden vor allem zur Stabilisierung des Depots, wenn die Zeiten unruhiger werden.
Dyrk Scherff Jahrgang 1971, Redakteur im Ressort „Geld & Mehr“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Patrick Bernau Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.848,03 | +1,42% |
| FAZ-INDEX | 1.526,72 | +1,43% |
| TecDAX | 778,36 | +0,73% |
| MDAX | 10.441,40 | +1,41% |
| SDAX | 5.048,27 | +1,17% |
| REX | 422,26 | −0,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.520,31 | +1,24% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,56 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.949,90 | +0,35% |
| Nasdaq 100 | 2.584,24 | −0,31% |
| S&P500 | 1.361,23 | +0,23% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3138 | +0,07% |
| Rohöl Brent Crude | 119,95 $ | −0,08% |
| Gold | 1.723,00 $ | +0,58% |
| Bund Future | 138,50 € | −0,16% |