16.02.2012 · Mit Kursgewinnen von bis zu 38 Prozent seit Jahresbeginn honorieren Investoren die guten Geschäfte der deutschen Autoindustrie in aller Welt. Es ist eine Mischung aus Erleichterung und Vorschusslorbeeren.
Von Christoph RuhkampWenn die Börse recht hat, dann steht der deutschen Autoindustrie eine glorreiche Zukunft bevor. Diesen Schluss legt jedenfalls die Entwicklung der Aktienkurse der drei wichtigsten deutschen Hersteller nahe. Die Aktie des Daimler-Konzerns verteuerte sich seit Jahresbeginn um 38,2 Prozent, das Papier des Konkurrenten BMW gewann im selben Zeitraum 34,7 Prozent, und der Volkswagen-Konzern - zweitgrößter Autohersteller der Welt - legte um 22,4 Prozent zu. Sogar der Kurs des zu VW gehörenden Lastwagenherstellers MAN kletterte um 20,3 Prozent.
Der Grund für die Euphorie an der Börse ist eine Mischung aus Erleichterung und Vorschusslorbeeren. Die Erleichterung herrscht darüber, dass die Krise der hoch verschuldeten Länder in Südeuropa offenbar eingegrenzt werden kann; das bedeutet, dass viele Menschen den Kauf eines Autos - immerhin die zweitwichtigste Anschaffung im Leben der meisten Familien - nicht länger aufschieben werden.
Als Vorschusslorbeer ist in den Aktienkursen die Erwartung enthalten, dass die deutschen Autohersteller auch weiterhin in den wachsenden Märkten der Schwellenländer sehr gute Geschäfte machen werden. Tatsächlich können in China, dem größten Fahrzeugmarkt der Welt, noch 600 Millionen Neuwagen verkauft werden, bevor das Land denselben Motorisierungsgrad wie Deutschland erreichen würde. Mehr als ein Viertel der Gewinne der drei deutschen Hersteller stammt schon heute aus dem Verkauf ihrer besonders schweren und teuren Limousinen wie der S-Klasse, dem BMW Siebener oder dem Audi A8 an die Neureichen in Peking und Schanghai.
Die Perspektiven für die Autoindustrie außerhalb Europas haben sich in jüngster Zeit noch einmal deutlich verbessert. „Eine ganze Reihe von Anzeichen deuten darauf hin, dass die EU-Schuldenkrise beherrschbar bleibt und sich keine wesentlichen Konjunktur-Auswirkungen außerhalb Europas zeigen“, sagt Autofachmann Ferdinand Dudenhöffer von der Universität Duisburg. Für den Weltmarkt erwartet er in diesem Jahr einen Anstieg des Verkaufsvolumens um gut 2 Prozent auf 63,08 Millionen Neuwagen. Während Europa mit einem Rückgang der Verkäufe um 5 Prozent oder 620000 Autos rechnen müsse, würden die Fahrzeugverkäufe in Nordamerika um 5 Prozent oder 810000 Einheiten steigen.
Gemessen am Kursgewinn seit Jahresbeginn, steht Daimler in der Gunst der Investoren an der Spitze. Das ist erstaunlich. Denn der Stuttgarter Konzern ist deutlich weniger profitabel als seine beiden wichtigsten Konkurrenten im Premiumsegment, Audi und BMW. „Ist die schwächere Marge strukturell bedingt?“, fragen sich schon besorgt die Fachleute der Commerzbank. Zwar hätten die Bestellungen für neue Lastwagen im vierten Quartal, der Zufluss von Bargeld in die Kasse des Konzerns und der Ausblick auf das laufende Jahr positiv überrascht. „Aber Daimler muss die Marge erhöhen und durch die Strategie für eine modulare Produktion den Rückstand gegenüber Audi und BMW aufholen“, schreibt Analyst Daniel Schwarz. Nach seiner Ansicht dürften sich die Margen aller Hersteller im vierten Quartal des vergangenen Jahres leicht verschlechtert haben. Dank guter Verkäufe in Amerika und China sei zwar die Produktion in der Zeit von Oktober bis Dezember um 5 Prozent gewachsen. Aber die deutschen Hersteller müssten zugleich auch große Investitionen für neue Modelle und Plattformen stemmen.
Dafür, dass der Kurs der Daimler-Aktie schneller gestiegen ist als die Kurse der Konkurrenten, gibt es vor allem einen Grund. Der Konzern, der sowohl Autos als auch Lastwagen herstellt und als erstes deutsches Unternehmen der Branche seine Jahresbilanz für 2011 vorlegte, überzeugte mit einem Nettoergebnis, das mit 6 Milliarden Euro klar besser als prognostiziert ausfiel. „Positiv überraschte zudem die unerwartet starke Anhebung der Dividende auf 2,20 Euro je Aktie“, kommentiert Manfred Jaisfeld von der National-Bank. Die wichtige Autosparte Mercedes-Benz Cars habe einen operativen Gewinn von 5,19 Milliarden Euro erreicht und damit eine Marge von 9 Prozent. Zum Vergleich: Bei BMW sind es fast 13 Prozent.
Weitaus weniger optimistisch als die meisten Investoren schätzt die Investmentbank Barclays Capital die Zukunft der europäischen Autoindustrie ein. Der Branche stehe eine „holprige Wegstrecke“ bevor, meinen die Fachleute, und raten Anlegern zum Untergewichten des Sektors. Entweder es gelinge, die Staatsschuldenkrise in den Griff zu bekommen, dann könne man am besten mit Telekommunikationsaktien von der Erholung profitieren. Oder es gehe abwärts mit der Konjunktur und dem Aktienmarkt, dann seien Autoaktien besonders stark betroffen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |