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Sonntag, 12. Februar 2012
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Kreditmarkt Kapitalmangel bremst den Aufschwung

10.07.2002 ·  Misstrauische Anleger, knickrige Banken: Für Unternehmen ist es derzeit schwierig Kapital zu bekommen.

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Weltweit haben Unternehmen nach den Exzessen der späten 90er Jahre Schwierigkeiten, sich an der Börse zu finanzieren. In Deutschland treten zudem die Banken auf die Kreditbremse. Die Folge ist Kapitalmangel, der Aufschwung wird gebremst. Weniger Kapital bedeutet weniger Investitionen, sinkende Investitionen bremsen den Aufschwung, geringes Wirtschaftswachstum wiederum drückt die Stimmung an den Börsen - so beeinflussen sich Finanzmarkt und Realwirtschaft gegenseitig negativ.

„Es wird noch einige Jahre dauern, bis die Finanzmarktüberschwänge der zweiten Hälfte der 90er Jahre überwunden sind“, urteilt Thomas Mayer, Euro-Chefvolkswirt der Investmentbank Goldman Sachs, angesichts des Kapitalmangels. „Das ist wie nach einer extrem feuchten Party: Auch der Kater dauert hinterher besonders lang. Das wird die konjunkturelle Entwicklung in der nächsten Zeit noch belasten.“ Mayer rechnet weder in diesem noch im kommenden Jahr mit einem deutlichen Aufschwung. Das Wachstum werde moderat bleiben, „bis die verbogenen Strukturen auf dem Finanzmarkt repariert sind.“

Anleger wachen misstrauisch über ihr Kapital

Nach der übertriebenen Euphorie der 90er Jahre, gefolgt vom Crash am Neuen Markt und den Bilanzskandalen der vergangenen Wochen, schlägt das Pendel nun in die Gegenrichtung aus. Die Anleger sitzen misstrauisch auf ihrem Geld. Weltweit haben die Unternehmen Schwierigkeiten, Aktien oder Anleihen zu platzieren. Der Autobauer Ferrari hat seinen Börsengang abgesagt, ebenso das Modehaus Prada und die Tochter des US-Pharmariesen Merck, Medco. Wer sich trotzdem auf das Parkett traut, erlöst kaum Kapital, so wie die deutsche Immobiliengesellschaft AIG International Real Estate. Das Wirtschaftsmagazin „Business Week online“ warnte schon im Februar vor einem neuen „Credit Crunch“, einem Kapitalmangel, der das zarte Pflänzchen der US-Wirtschaftserholung gefährden könnte.

Wo die Börse kein Eigenkapital bereitstellt, bleibt den Unternehmen der Gang zur Bank, um einen Kredit aufzunehmen. Doch in Deutschland werden auch noch die Geldhäuser vorsichtig. Kredite bringen ihnen wenig Profit. Hinzu kommen Forderungsausfälle durch die aktuelle Pleitewelle. Nach Angaben der Auskunftei Creditreform sind die Unternehmensinsolvenzen im ersten Halbjahr 2002 um mehr als 25 Prozent gestiegen. Die Konsequenz: Die Bankkaufleute prüfen potenzielle Risiken genauer und beurteilen die Chancen zurückhaltender.

In Deutschland liegt das Kreditwachstum um Null

Kredite werden knapp in Deutschland. Vor Beginn der Konjunkturschwäche, zwischen April 1997 und April 2000, lag das jährliche Kreditwachstum bei 7,2 Prozent. Inzwischen liegt die Rate beinahe bei Null. Das betrifft vor allem den Mittelstand, der sich bisher kaum an der Börse refinanziert. Dabei war der Neue Markt dazu gedacht, diesen Mangel zu beheben. Doch gerade der Neue Markt verspielte in der Börsenkrise besonders viel Anlegervertrauen.

Volkswirt Mayer sieht drei Gründe für die Knickrigkeit der Banken: Der Wettbewerbsdruck im Euroraum sei stärker geworden. Die deutschen Banken müssten ihre Profitmargen erhöhen, um am Markt zu bestehen. Deshalb prüften sie Risiken genauer. Hinzu komme, dass durch die neuen „Basel II“-Richtlinien Risiken nicht mehr nach Risikogruppen, sondern individuell, also differenzierter eingeschätzt würden. Und schließlich liefen die Staatsgarantien für öffentliche Banken aus. „Landesbanken und Sparkassen müssen sich jetzt genauer überlegen, wie ihre Kreditbücher im Jahr 2005 aussehen werden, wenn sie keine Staatsgarantien mehr haben. Dann wird der Markt sie entsprechend der Qualität ihrer Bücher bewerten.“

Langfristig ist eine realistischere Risikobewertung positiv

Mittelfristig kann die herrschende Kreditknappheit aber auch positive Folgen haben. Die deutschen Banken könnten profitabler werden. Eine bessere Risikobewertung verringert zudem das Risiko von Kapitalfehlallokationen. „Eigentlich nicht mehr lebensfähige Unternehmen - Beispiel Holzmann - werden künftig nicht mehr über Wasser gehalten“, sagt Mayer. Das Risiko, dass hohe Kredite sich spätestens bei der Firmenpleite in Rauch auflösen, ist geringer. Das freiwerdende Kapital aber kann anderweitig verwendet werden und kommt so Firmen zugute, die besser damit wirtschaften. Kurz: Der Finanzmarkt funktioniert besser. „In der langen Frist wird das die Wachstumskräfte stärken“, sagt Mayer. „In der nahen Zukunft steht uns aber ein schmerzhafter Anpassungsprozess bevor.“

Das gilt für Banken und Börse. Bleibt abzuwarten, bis die Strukturen bereinigt sind und das Vertrauen langsam zurückkehrt - und mit ihm die Bereitschaft, das zur Zeit am Rand des Kapitalmarkts geparkte Geld wieder in produktive Unternehmen zu stecken.

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