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Konglomerate Siemens-Aktie drängt nach oben

25.01.2007 ·  Die Hauptversammlung des Siemens-Konzerns dürfte angesichts der Vorkommnisse der vergangenen Wochen turbulent werden. Doch nach guten Zahlen für das erste Quartal beeindruckt das den Aktienkurs wenig. Im Gegenteil: Die Notierung strebt neuen Höhen zu.

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Der Siemens-Konzern hat in den vergangenen Monaten sicherlich mehr Publizität erfahren als ihm lieb war. Auch am Donnerstag dürfte das Münchener Unternehmen wieder im Licht der Öffentlichkeit stehen.

Denn dann werden auf der Hauptversammlung all die Dinge zur Sprache kommen, die dem Image des Mischkonzerns nicht unbedingt zuträglich waren. Erwartet wird, dass sich die Unternehmensführung auf harte Kritik nationaler und internationaler Investoren einstellen muss. Nach einem Bericht des „Handelsblatts“ vom Donnerstag hat die ISS, die größte und wichtigste Organisation für die Beratung institutioneller Investoren in den Vereinigten Staaten, ihren Kunden empfohlen, Vorstand und Aufsichtsrat von Siemens auf der Hauptversammlung nicht zu entlasten.

Vor turbulenter Hauptversammlung

Dieses Votum sei für institutionelle Aktionäre praktisch bindend, wird ein hochrangiger Fondsmanager zitiert. Auf der Hauptversammlung werde es einen großen Knall geben. Zu den Kunden von ISS gehören namhafte Fondsgesellschaften, die einer Entlastung des Siemens-Vorstands nicht zustimmen dürften.

ISS begründe die ablehnende Haltung gegenüber der Siemens-Führung damit, dass das Management zu spät auf den Korruptionsskandal reagiert und damit seine Pflichten vernachlässigt habe. Auch deutsche Aktionärsvertreter haben wegen der Pleite der ehemaligen Handy-Sparte und der Schmiergeldszahlungen bereits beantragt, die Siemens-Führung nicht zu entlasten.

Der Kursentwicklung war all der Wirbel dagegen nicht abträglich. Seit dem Insolvenzantrag von BenQ Ende September hat die Aktiennotierung um nicht weniger als 16,5 Prozent zugelegt und setzte damit den Erholungstrend fort, den sie nach ihrem Junitief von 61,37 Euro seit August eingeschlagen hatte.

Wenig beeindruckter Aktienkurs

Am Mittwoch beschloss sie den Handel bei 77,96 Euro und damit in erreichbarer Nähe des Aprilhochs von 79,77 Euro, das gleichzeitig der höchste Stand des Aktienkurses seit dem Mai 2001 war.

Verantwortlich für den Kursanstieg werden unter anderem neue Meldungen über die Zukunft des Konzerns gemacht, der derzeit bestrebt ist, seine Ertragskraft durch die Restrukturierung und die Trennung von margenschwachen und verlustbringenden Bereichen zu verbessern. Zu diesen Maßnahmen hatte auch der Verkauf der Handy-Sparte gehört, der aufgrund der nur wenig später folgenden Insolvenz dem Management so viel Kritik bescherte.

Am Mittwoch waren es Meldungen zur Zukunft der Automobiltechniktochter Siemens VDO Automotive, die in der Nacht zum Donnerstag bestätigt wurden, aber zuvor der Aktie schon einen Kursanstieg um 1,8 Prozent beschert hatten.

VDO soll an die Börse

Demnach will Siemens VDO wie einst schon Infineon und Epcos an die Börse bringen. Siemens werde dabei die Aktienmehrheit behalten. Mit diesem Schritt würden die Voraussetzungen geschaffen, Siemens VDO „die notwendigen Finanzmittel und vergrößerten Handlungsspielraum für weiteres nachhaltiges und profitables Wachstum zu gewähren“.

Gleichzeitig gab der Konzern bekannt, dass man das amerikanische Softwareunternehmen UGS übernehmen werde. Mit dieser Übernahme erweitere der Siemens-Bereich Automation and Drives sein Produktspektrum der Automatisierungstechnik um industrielle Software für Planung, Design und Simulation im Produktlebenszyklus-Management (PLM). Der Kaufpreis für UGS betrage rund 3,5 Milliarden Dollar inklusive Schulden.

Sieht man von allen Schlagzeilen um Korruptionsfälle und die BenQ-Insolvenz einmal ab, so hat sich der Konzern im ersten Quartal des im September endenden Geschäftsjahres operativ insgesamt recht ansprechend entwickelt.

Unerwartet gutes erstes Quartal

Das Ergebnis der Bereiche stieg im Vergleich zum Vorjahresquartal um mehr als 50 Prozent auf 1,63 Milliarden Euro, deutlich stärker als der Umsatz, der um sechs Prozent auf 19,1 Milliarden Euro zunahm. Analysten hatten im Schnitt mit einem Umsatz von 18,47 Milliarden Euro gerechnet.

Vor allem die Medizintechnik und die Industrieautomatisierungssparte A&D legten erneut kräftig zu. Die Bereichsergebnisse der beiden Segmente seien je um ein Viertel gewachsen. Zudem schrieb die IT-Sparte SBS nach knapp drei verlustreichen Jahren wieder schwarze Zahlen.

Siemens-Chef Klaus Kleinfeld erklärte, er gehe fest davon aus, dass alle zehn Bereiche bis zum zweiten Quartal ihre Margenziele erreichen würden. Im ersten Quartal verfehlten indes vier Segmente die vorgegebene Renditen zwischen vier und 13 Prozent. Bei VDO ging beispielsweise das operative Ergebnis um sechs Prozent auf 146 Millionen Euro zurück.

Nur Kraftwerksbau enttäuscht

In der Sparte Power Generation (PG) blieb Siemens mit einer Quartalsmarge von 6,2 Prozent (Vorjahr: 8,6 Prozent) deutlich unter der Zielvorgabe und den Erwartungen der Analysten. Letztere hatten mit einer Marge von 9,2 Prozent gerechnet. Als Grund für die rückläufige Rendite nannte Siemens Belastungen im fossilen Kraftwerksgeschäft von 92 Millionen Euro.

SBS konnte mit einem Ergebnis von 24 Millionen Euro nach einem Verlust von 232 Millionen Euro im Vorjahreszeitraum wieder Gewinn erwirtschaften. Die Bereichsmarge von zwei Prozent übertraf auch die Erwartungen der Analysten, die eine weiter negative Marge von 1,2 Prozent prognostiziert hatten.

Kartellstrafe belastet

Der Gewinn ging im Vergleich zum Vorjahreszeitraum indes um 16 Prozent auf 788 Millionen Euro zurück, wie der Konzern am Donnerstag in München mitteilte. Das Ergebnis beinhaltet einen negativen Effekt von 423 Millionen Euro durch das Bußgeld der EU-Kommission, das aufgrund von Kartellabsprachen verhängt wurde. Analysten hatten ohne diesen Effekt mit einem Gewinn von 1,03 Milliarden Euro gerechnet.

Wie in den Vorwochen scheint auch die erwartete turbulente Hauptversammlung die Anleger nicht anzufechten. Die Siemens-Aktie eröffnet den Handel 4,7 Prozent höher bei 81,56 Euro. Sie scheint damit einem in den vergangenen Monaten an der Börse stets zu beobachtenden Muster zu folgen, dass Aktien dann stärker tendieren, wenn die Ergebniserwartungen übertroffen wurden.

Indes waren die Zahlen im Falle Siemens auch unerwartet gut und werden von Händlern als „überall besser“ bezeichnet. Siemens komme nun an das Ende der Reorganisation, sagte Analyst Frank Rothauge von Sal. Oppenheim der Nachrichtenagentur Bloomberg. Die Zahlen zeigten deutlich, dass das Unternehmen eine „vernünftige“ Struktur gefunden habe. Es sei wichtig, dass Konzernchef Klaus Kleinfeld auf der Hauptversammlung etwas habe, was er den negativen Themen Korruption und Kartellstrafe entgegensetzen könne.

Aktie durchbricht die Marke von 80 Euro

Folgt man den Analystenprognosen, so ist die Aktie mit einem Kurs-Gewinn-Verhältnis von 15,6 für das laufende und 13,5 für das kommende Geschäftsjahr bewertet. Das ist noch nicht teuer. Indes muss Siemens die Erwartungen an eine Margensteigerung erfüllen, nachdem das Nettoergebnis aufgrund der Kartellstrafe doch unter dem Durchschnitt der Ergebnisse der vergangenen zwölf Quartale liegt.

Positiv auf das Nettoergebnis dürfte sich allerdings der VDO-Börsengang auswirken. Deutlich mehr als 25 Prozent der Sparte, die im ersten Quartal 2,42 Milliarden Euro umsetzte, sollen verkauft werden.

Vor allem aber die Charttechnik spricht jetzt für die Aktie. Mit dem Durchbruch durch die Marke von 80 Euro stehen der Notierung derzeit keine nennenswerte Widerstände mehr im Weg. Hält das positive Börsenklima an, geht die Hauptversammlung versöhnlich zu Ende und kann Siemens im zweiten Quartal und der Folgezeit an die positiven Ergebnisse des ersten Vierteljahres anschließen, dürfte die Aktie noch ein ganzes Stück weiterlaufen. So scheint der Zeitpunkt für einen Einstieg derzeit günstig zu sein.

Die in dem Beitrag geäußerte Einschätzung gibt die Meinung des Autors und nicht die der F.A.Z.-Redaktion wieder.

Quelle: @mho
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