17.04.2002 · Phenomedia, Comroad, Ceyoniq: Am Neuen Markt gedeihen die Skandale. Doch strengere Vorschriften alleine reichen nicht.
Von Anke FrickeDer Moorhuhn-Entwickler Phenomedia hat am Dienstag eingeräumt, dass die Bilanzen nicht ganz so der Wahrheit entsprochen haben- und darauf hin zwei Vorstandsmitglieder entlassen. Gegen zwei Vorstände von Ceyoniq hat die Staatsanwaltschaft wegen des Verdachts auf Betrug Haftbefehl erlassen - und Comroad-Chef Bodo Schnabel sitzt längst hinter Gittern, weil seine Geschäftsbeziehungen wohl lediglich seiner Fantasie entsprungen sind. Dies sind nur die Betrugsfälle der vergangenen zwei Wochen am Neuen Markt. Sie reihen sich mit weiteren wie Metabox und EM.TV in eine traurige Liste ein.
„Immer mehr Unternehmensnachrichten werden zu einer Sache der Justiz", sagte der Landesgeschäftsführer Hessen der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) Klaus Nieding. „Der Gesetzgeber muss uns jetzt ein Instrumentarium in die Hand geben, um Schadenersatzansprüche durchsetzen zu können", fügte er hinzu. Nach Ansicht von Marktteilnehmern sind weitere böse Überraschungen nicht nur vom Wachstumssegment der Deutschen Börse zu erwarten.
Aktionärsschützer fordern strengere Regeln
Um unternehmerischen Betrügereien entgegen zu wirken, fordert Nieding neben wesentlich umfassenderen Wirtschaftlichkeitsüberprüfungen auch verstärkte Kontrollen beim Management. Zudem müsse der Gesetzgeber dafür sorgen, dass geprellte Anleger eine reelle Chance bekämen, Schadensersatzansprüche durchzusetzen. „Der Staat muss Schadensersatzansprüche gegen Vorstände und Aufsichtsräte zulassen", sagt Nieding.
Die Zuständigkeit des Bundesaufsichtsamtes für den Wertpapierhandel (BaWe) zur Ahndung von Betrügereien ist allerdings begrenzt. Die Behörde kann nur teilweise gegen rechtliche Verstöße vorgehen (siehe Dossier: Die Hüter über die Finanzmärkte). Das Amt ermittelt lediglich bei dem Verdacht auf Insiderhandel oder bei mutmaßlichen Verstößen gegen die Vorschriften der Ad-hoc-Publizität. Für sonstige rechtliche Verstöße wie zum Beispiel Bilanzfälschung ist das BaWe nicht zuständig.
Wirtschaftsprüfer versagen
Um Bilanzfälschungen zu verhindern, wie bei Phenomedia, sind in Deutschland die Wirtschaftsprüfer da. Aber mit dem Enron-Skandal sind diese Hüter über die ordnungsgemäße Rechnungslegung ebenfalls in die Kritik geraten (siehe Dossier: Die Fundamente der Wall Street wackeln). Nachdem sich die Prüfungsgesellschaft KPMG bei Comroad - trotz der schon seit langem kursierenden Gerüchte - erst das Mandat niederlegte, als das Kind längst in den Brunnen gefallen war, waschen die Wirtschaftsprüfer nun zeitig ihre Hände in Unschuld.
KPMG beeilte sich am Dienstag mit der Mitteilung, bislang keinen Bestätigungsvermerk für den Jahresabschluss 2001 von Phenomedia erteilt zu haben. Grund sei unter anderem, dass das Unternehmen trotz mehrmaliger intensiver Aufforderung noch offene Nachweise für angeblich ausstehende Forderungen bis heute nicht vorgelegt habe. An der Erstellung oder Überprüfung der Quartalsabschlüsse zum 30. Juni 2001 und zum 30. September 2001 sei KPMG in keiner Weise beteiligt gewesen. Denn Quartalsberichte müssen die Unternehmen am Neuen Markt zwar vorlegen, diese sind allerdings nicht testiert.
Regeln erhöhen nicht die Moral
Ob allerdings strengere Regeln die Enttäuschungen und Betrügereien am Neuen Markt verhindert hätten, ist fraglich. Immerhin ist der Neue Markt mit seinen zahlreichen Vorschriften das transparenteste Segment der deutschen Börse. Und selbst in dem „Land der Aktionäre“ USA mit den wohl stengsten Regeln und der besten Börsenaufsicht, blieben die Bilanzfälschungen von Enron lange unentdeckt. Was der Markt braucht ist eine bessere Unternehmensaufsicht. Zwar haben in den jüngsten Skandalen Vorstände und Wirtschaftsprüfer ihr Fett weg bekommen, kaum Kritik mussten dagegen die Aufsichtsräte einstecken.
Anders als die Wirtschaftsprüfer sollten sie die Strukturen und Eigenheiten der Unternehmen genau kennen und auch ihre Beteiligungsverflechtung durchschauen. Den Aufsichtsräten sollte am ehestens auffallen, wenn die in der Bilanz vorgelegten Zahlen nicht die Wirklichkeit des Unternehmens und dessen Zahlungsströme abbilden. Solche Betrügereien sind von Außenstehenden, wie Wirtschaftsprüfern oder Analysten, kaum zu durchschauen.
Aufsichtsrat muss stärker gefordert werden
Der neu geschaffene Corporate-Governance-Kodex der Bundesregierung fordert beispielsweise, dass nicht mehr als zwei ehemalige Vorstandsmitglieder in dem Aufsichtsgremium vertreten sein sollen. Zudem sollte ihre Informationspflicht verbessert werden. Allerdings sind diese Vorschläge nicht gesetzlich fixiert, die Einhaltung ist freiwillig. Die moralischen und ethischen Vorstellungen gehen oftmals weit auseinander - zumindest zwischen Mitarbeitern, Vorständen, Analysten und Kapitalanlegern. Die oftmals personellen Verflechtungen zwischen Vorstand und Aufsichtsrat sowie die lasche Ausübung der Pflichten als Aufsichtsrat haben, ebenso wie die Wirtschaftsprüfer, den Vorstände zu viel Freiraum gelassen.
Sicherlich wäre es für den Neuen Markt wichtig, wenn sich Schadensersatzforderungen auch gegen Vorstände und Mitarbeiter persönlich richten könnten. Alleine schon, um den Akteuren die bisher offensichtlich vielfach nicht vorhandene Moral nahe zu bringen und sie dazu zu zwingen, sich den gesellschaftlich-ethischen Regeln auseinander zu setzen. Aber Gesetze alleine können dem Neuen Markt nicht helfen, das verlorene Vertrauen zurück zu gewinnen. Dies ist ein mühsamer Prozess, bei dem Vorstände, Aufsichtsräte, Analysten und auch Aktionäre wieder einen ethischen Konsens finden müssen.
Dieser müsste über den im Zuge des Shareholder-Value-Gedankens oftmals sehr kurzfristigen Blick - wie beispielsweise die Quartalszahlen - hinausgehen. Denn viele Skandale am Neuen Markt konnten nur entstehen, weil sich die Vorstände nur mit der gegenwärtigen Lage beschäftigt haben, aber die Zukunft, sowohl für das Geschäftsmodell als auch für Finanzen und Bilanzen, außer Acht gelassen haben. Der Sustainability-Gedanke, der durch nachhaltige Unternehmensführung die langfristige Rentabilität sichert, könnte im derzeitigen Umfeld weiter gedeihen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |