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Kochboxenversender Blue Apron : Der andere Börsenflop

Auf Blue Apron kommen turbulente Zeiten zu. Bild: AP

Snap hat bislang an der Wall Street wenig zu lachen. Aber noch schlechter ergeht es an den Finanzmärkten dem Kochboxenversender Blue Apron. Das ist auch für ein deutsches Unternehmen beunruhigend.

          Kaum ein anderes Unternehmen wurde in diesem Jahr mit so viel Spannung an der Börse erwartet wie Snap. Für den Hersteller der beliebten Smartphone-Anwendung Snapchat ließ sich die Wall-Street-Karriere eigentlich auch gut an. Der Ausgabepreis von 17 Dollar lag dank großer Nachfrage über der vorher angepeilten Preisspanne, und am ersten Handelstag im März sprang der Aktienkurs um mehr als 40 Prozent. Aber seither ist Ernüchterung eingekehrt. Snap hat mehrmals enttäuschende Quartalsergebnisse vorgelegt, und selbst manche der Konsortialbanken, die das Unternehmen damals an die Börse gebracht haben, empfehlen die Aktie heute nicht mehr zum Kauf. Der Aktienkurs ist mittlerweile weit unter den Ausgabepreis gefallen und lag am Donnerstag zum Handelsschluss bei 13,35 Dollar.

          Roland Lindner

          Wirtschaftskorrespondent in New York.

          Aber damit ist Snap bei weitem nicht der größte Börsenflop des Jahres. Viel schlechter erging es bislang Blue Apron, einem Versender von Kochboxen. Das 2012 gegründete Unternehmen aus New York hatte ursprünglich für sein Debüt an der Wall Street eine Preisspanne von 15 bis 17 Dollar und einen Börsenwert um die 3 Milliarden Dollar angepeilt. Es sah sich dann aber gezwungen, die Spanne drastisch auf 10 bis 11 Dollar zu reduzieren, und Ende Juni wurden die Aktien schließlich für 10 Dollar ausgegeben. Seither ging es immer weiter nach unten, im Moment kosten die Aktien nur noch 5,39 Dollar, und die Marktkapitalisierung liegt bei etwas mehr als einer Milliarde Dollar.

          Blue Apron versendet Kartons mit portionierten Zutaten für verschiedene Kochrezepte. Das Konzept erspart Kunden den Einkauf im Supermarkt, erhält ihnen aber das Kocherlebnis. Und wegen der genauen Portionierung verhindert es, dass sie Restmengen von Zutaten haben, die sie dann womöglich wegwerfen. Blue Apron versendet seine Boxen im wöchentlichen Abonnement. Ein Zwei-Personen-Plan für drei Kochrezepte in der Woche kostet zum Beispiel in Amerika rund 60 Dollar in der Woche, wobei Kunden die Möglichkeit haben, die Belieferung auszusetzen.

          Blue Apron konkurriert mit dem deutschen Unternehmen Hello Fresh aus dem Imperium der Beteiligungsgesellschaft Rocket Internet. Hello Fresh macht selbst fast die Hälfte seines Umsatzes in den Vereinigten Staaten. Rocket Internet dürfte den Fehlstart von Blue Apron an der Wall Street aufmerksam verfolgt haben. Hello Fresh wollte vor zwei Jahren selbst einmal an die Börse, gab das Vorhaben aber wieder auf. Im Frühjahr kursierten Gerüchte, dass es einen neuen Anlauf geben könnte. Angesichts der schwachen Entwicklung von Blue Apron wären die Voraussetzungen dafür aber alles andere als ideal.

          Konkurrenz von Amazon befürchtet

          Ohne selbst etwas dafür zu können, hatte Blue Apron bei seinem Börsendebüt ein extrem unglückliches Timing. Denn mitten in der heißen Phase vor dem Gang an die Wall Street kam die Nachricht, dass der Online-Händler Amazon.com die Supermarktkette Whole Foods kaufen will. Dies ist der bislang mit Abstand größte Vorstoß von Amazon ins Geschäft mit Lebensmitteln, und es weckte sofort die Sorge, dass der Konzern damit auch zu einer größeren Konkurrenz von Kochboxenversendern werden könnte. Zudem wurde kürzlich bekannt, dass Amazon selbst einen Kochboxenversand testet, damit also in direkten Wettbewerb mit Blue Apron und anderen Anbietern tritt.

          Daneben hat Blue Apron aber auch mit seinem ersten Quartalsbericht seit seinem Börsengang enttäuscht, der in der vergangenen Woche vorgelegt wurde. Das Unternehmen wies für das zweite Quartal dieses Jahres einen höheren Verlust als erwartet aus, außerdem ist die Zahl der Kunden im Vergleich zu den ersten drei Monaten geschrumpft. Auch das Umsatzwachstum hat sich erheblich abgeschwächt. Im Gesamtjahr 2016 konnte Blue Apron seinen Umsatz noch mehr als verdoppeln, im abgelaufenen Quartal gab es nur noch einen Zuwachs von 18 Prozent. Es gibt auch Unruhe in der Führung des Unternehmens, vor wenigen Wochen trat einer der Mitgründer aus dem Management zurück.

          Zu Beginn dieser Woche wurde bekannt, dass der New Yorker Hedgefonds Jana Partners einen Anteil an Blue Apron erworben hat. Jana hat sich einen Namen damit gemacht, bei Unternehmen einzusteigen und sie dann auf Veränderungen zu drängen. Ein prominentes Beispiel dafür war ausgerechnet Whole Foods. Die Investoren kauften Anteile an der Supermarktkette, legten ihr nahe, einen Verkauf zu prüfen und bekamen ihren Wunsch schließlich erfüllt. Blue Apron muss sich also womöglich auf weitere turbulente Zeiten einstellen.

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