Die amerikanische Bank JP Morgan gerät aufgrund der Milliardenverluste, die ihr „Chief Investment Office“ (CIO) vor einigen Wochen eingestehen musste, in ein immer schlechteres Licht. Schon vor zwei Jahren habe es Warnungen hinsichtlich der riskanten Strategien am Handelsplatz London gegeben, die auch an Aufsichtsräte gegangen seien, schreibt das „Wall Street Journal“ unter Berufung auf mit der Angelegenheit vertraute Personen.
Doch die Missstände seien noch größer gewesen. So sei den Aufsichtspersonen mit der Mitteilung über Fehlspekulationen mit Devisenderivaten versichert worden, dass dies nicht mehr vorkommen werde. Als die Führung des CIO 2011 die Rückabwicklung einer Reihe von großen Spekulationen verfügt habe, sei diese Anweisung nicht korrekt ausgeführt worden.
Schwere Vorwürfe gegen Vorstandschef Dimon
Auch der Vorstandsvorsitzende Jamie Dimon gerät immer stärker unter Beschuss. Dimon habe das CIO vom rigorosen Risikomanagement befreit, das in allen anderen Teilen der Bank zur Anwendung gekommen sei, meldet die Nachrichtenagentur Bloomberg unter Berufung auf zwei ehemalige Führungskräfte. Selbst seine ältesten Berater habe Dimon abgebürstet, als diese Einwände gegen den Mangel an Transparenz und die Qualität der internen Kontrollen geltend gemacht hätten.
Dimon habe das CIO ermutigt, größere Risiken einzugehen, das aber nicht dafür geeignet gewesen sei, diese Risiken zu managen, heißt es. Das CIO sei so stark gewachsen, dass Risikopositionen gar nicht auf´gelöst werden konnten, ohne dass dies die Märkte unter Druck gebracht hätte.
Chefaufseher-Karussell
Gleichzeitig hätten sich die Chefaufseher des CIO die Klinke in die Hand gegeben. Viermal in sechs Jahren sei die Position neu besetzt worden. Einer davon, Irvin Goldman, der nur drei Monate im Amt gewesen sei, sei 2007 wegen verlustreicher Spekulationen beim Broker Cantor Fitzgerald gefeuert worden, nachdem diese das Unternehmen in Konflikt mit den Regulierungsbehörden gebracht hatten.
Dies alles widerspricht deutlich dem Image von Dimon, der als eher vorsichtiger Manager gesehen wurde, der sich stets bis ins Kleinste über das Geschehen in der Bank habe unterrichten lassen.
Attacke auf Großbanken
Diese Entwicklung könnte für die Bank insofern gefährlich werden, als zum zweiten Mal in ihrer Geschichte Bedenken aufgrund ihrer Größe geäußert werden. Diese Institutionen seien zu groß, um sie noch managen zu können, wenn sich herausstelle, dass selbst in der als am besten geführt geltenden Bank sich solche bedeutenden Pannen ereigneten, sagt Gary Stern, früherer Präsident der Federal Reserve Bank von Minneapolis und bekannter Großbankenkritiker.
John Pierpont Morgan war der mächtigste Banker der Vereinigten Staaten, der nicht nur den Aktienmarkt und die Unternehmenslandschaft dirigieren konnte, sondern auch enormen Einfluss auf die Politik hatte. Erst in den dreißiger Jahren wurde das Bankenimperium entflochten. Durch die Finanzkrise kehrte JP Morgan zwar nicht zu alter Größe zurück, gewann aber wieder stark an Bedeutung. Das war vor allem dem Image als risikobewusstem Konzern zu verdanken. Auch hier könnte das Haus unter Druck geraten.
Aktie mit Vorsicht behandeln
Der Aktienkurs von JP Morgan ist seit dem Desaster vom Mai um knapp ein Viertel gefallen. Noch hält das Vertrauen zur Bank, was darin zum Ausdruck kommt, dass der Kurs bisher nicht unter das Doppeltief des Vorjahres zwischen 28 und 29 Dollar gefallen ist. Sollte dies durchbrochen werden, kommen die Tiefs aus der Finanzkrise unter 20 Dollar ins Blickfeld.
An einem Vertrauensverlust dürfte auch eine mit geschätzten Kurs-Gewinn-Verhältnissen von 7,5 für das laufende und 6,2 für das kommende Jahr günstige Bewertung der Aktie nicht viel ändern. Insofern ist die Aktie derzeit mit Vorsicht zu behandeln.