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Japan : Der September der Entscheidung

Osaka: Von Dienstag an werden keine Aktien mehr in der westjapanischen Metropole gehandelt Bild: Hans Georg Esch

Nach seinem Höhenflug verharrt der Nikkei wieder unter der Marke von 15.000 Punkten. Viel hängt jetzt davon ab, ob Regierungschef Abe nach einem Wahlsieg die angekündigten Reformen wagt.

          Der Nikkei 225, der Index der Börse in Tokio, hat am Dienstag hat am Dienstag um 0,6 Prozent zugelegt. In der japanischen Hauptstadt hätte man auf dem Parkett indes jedenfalls erst einmal gefeiert. Montag war in dem ostasiatischen Land ein gesetzlicher Feiertag, der „Tag des Meeres“, deswegen begann die Börsenwoche einen Tag später.

          Carsten Germis

          Wirtschaftskorrespondent in Hamburg.

          Und in Japan gibt es von nun an keine Aktien mehr aus Osaka, dem Handelszentrum im Westen Japans. Was 1879 dort begann, findet in Tokio sein Ende, die beiden Börsen haben fusioniert, der gesamte Handel läuft über Tokio. In Osaka werden künftig nur noch Derivate gehandelt.

          Für Tokio ist diese Fusion von besonderer Bedeutung. Die nach dem Regierungschef Shinzo Abe benannte Wirtschaftspolitik des Landes, die „Abenomics“, hatte dem Nikkei seit Ende 2012 einen Höhenflug beschert. Vor allem ausländische Investoren investieren wieder in Japan. Mit der Fusion soll sich das noch verstärken, soll die Börse in Tokio für Anleger aus dem Ausland noch attraktiver werden, hofft zumindest der Präsident der Börse, Akira Kiyota. In Asien wollen die Japaner unbestrittener Handelsplatz Nummer eins werden und bleiben.

          Die Investoren sind verunsichert und warten

          Doch der Zauber der „Abenomics“ scheint langsam wieder zu verblassen. Ende Mai hatte der „Nikkei“ nach monatelangem Höhenflug spielerisch die Grenze von 15.500 Punkten überschrittet. Seitdem erleben die Investoren eine Berg- und Talfahrt, die den „Nikkei“ zwischenzeitlich fast 20 Prozent seines Wertzuwachses wieder verlieren ließ. Ende vergangener Woche schloss er bei 14.506 Punkten. Das sind immer noch deutlich mehr als die 9.446 Punkte, die er bei der Wahl Abes zum neuen Ministerpräsidenten am 26. Dezember vergangenen Jahres hatte.

          Der Markt ist extrem abhängig von Stimmungen. Investoren sind verunsichert – auch durch die Abschwächung der Konjunktur in China oder Ankündigungen der amerikanischen Notenbank, ihre extrem lockere Geldpolitik möglicherweise bald langsam auslaufen zu lassen. Vor allem aber warten sie in Tokio auf den 21. Juli. Am Sonntag wählen die Japaner ihr Oberhaus neu, die zweite Kammer des Parlaments. Sollte Abe mit seiner Liberaldemokratischen Partei (LDP) auch dort einen Erdrutschsieg erzielen - und alle Umfragen deuten darauf hin -, sind die Voraussetzungen gegeben, dass Japan wirklich in eine längere Phase wirtschaftlichen Wachstums eintreten kann.

          Entwicklung von Nikkei-Index und japanischen Staatsanleihen seit 12. Juli 2012
          Entwicklung von Nikkei-Index und japanischen Staatsanleihen seit 12. Juli 2012 : Bild: F.A.Z.

          Das setzt allerdings voraus, dass der Regierungschef nach einem Wahlsieg Ernst macht mit seinen Ankündigungen. Dazu müsste dem ersten Pfeil seiner „Abenomics“ - der aggressiven Geldpolitik der Notenbank - und dem zweiten Pfeil - großen, schuldenfinanzierten Konjunkturprogrammen - auch der von den Finanzmärkten erwartete dritte Pfeil folgen. Dieser dritte Pfeil, ein radikales Reformprogramm für die Wirtschaft, verlangt von der Deregulierung des verkrusteten Arbeitsmarktes über die Öffnung des Gesundheitswesens für mehr Wettbewerb bis hin zur Öffnung des abgeschotteten Agrarmarkts für Freihandel alles das, worüber in Japan seit Jahren gesprochen wird - ohne dass bislang viel passierte.

          Regierungsvertreter sagen, schon in der nächsten Sitzungsperiode des Parlaments sollten diese Reformen auf den Weg gebracht werden. Bleibt Japan auf diesem Kurs der „Abenomics“, sollte auch der „Nikkei“ in der zweiten Jahreshälfte weiter steigen. Ein Anstieg auf gut 18000, sogar bis 20000 Punkte ist dann nach Ansicht von Analysten auf mittlere Sicht durchaus im Bereich des Möglichen. Zumal die Bank von Japan angekündigt hat, die Geldbasis in Japan binnen zweier Jahre zu verdoppeln und den Yen weiter zu schwächen, bis sie das Land aus der leichten Deflation herausgeführt hat, in der es seit Jahren verharrt.

          Die Blase der „Abenomics“ könnte bald platzen

          Die Gewinne und die Wettbewerbsfähigkeit japanischer Exportunternehmen wie Toyota oder Nissan dürften sich mit dieser anhaltend aggressiven Geldpolitik deutlich erhöhen. Risiken bleiben dennoch. Zum einen fürchten in Japan viele, dass Abe nach einem Wahlerfolg die angekündigten Reformen nur halbherzig anpacken wird. Schon als er die Erwartungen der Investoren in seinen Reden im Mai und im Juni enttäuschte, reagierten die Märkte mit starken Kursrückgängen. Sollte sich zeigen, dass Abe allein über seine Politik des schwachen Yen versucht, dem Land Wirtschaftswachstum zu verschaffen, dürfte die Blase der „Abenomics“ bald platzen.

          Zudem gilt Abe als Nationalist, der die Verantwortung Japans für den Weltkrieg relativieren will. Manche Beobachter in Tokio befürchten, dass sich der Premier nach einem Wahlsieg am Sonntag von der Wirtschaftspolitik abwenden und sich seiner nationalistischen, außenpolitischen Agenda zuwenden wird. Dann allerdings dürften sich ausländische Investoren wegen des Risikos eines japanisch-chinesischen Konflikts schnell von Tokio abwenden.

          Zudem ziehen die Bondrenditen entgegen den Erwartungen der Bank von Japan an. Sie sind aber, darauf weist Notenbankgouverneur Haruhiko Kuroda zu Recht hin, mit 0,815 für zehnjährige Staatsanleihen immer noch extrem niedrig. Spiegeln die ansteigenden Bondrenditen nur die angestrebten steigenden Inflationserwartungen und eine konjunkturelle Aufhellung wider, bleiben sie beherrschbar. Schwieriger wird es, wenn die Finanzmärkte und die institutionellen Anleger in Japan das Vertrauen verlieren.

          Dies könnte passieren, wenn sich das Wirtschaftswachstum der vergangenen Monate als Scheinblüte entpuppt, allein getragen von der Druckerpresse der Bank von Japan. Sollte Abe keine Anstrengungen unternehmen, die Haushalte des hochverschuldeten Landes zu sanieren – sozusagen als vierten Pfeil der „Abenomics“ –, könnten sich Investoren ebenfalls zurückziehen.

          Der „Nikkei“ hat noch immer ein großes Potential, wenn Abe wirtschaftspolitisch die nächsten, bislang erst vage angekündigten Schritte wagt. Ob er das tut, zeigt sich spätestens mit dem Beginn der Sitzungsperiode des japanischen Parlaments im September.

          Quelle: F.A.Z.

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