23.12.2007 · Großzügige Liquiditätsversorgung zum Weihnachtsfest soll auf den internationalen Finanzmärkten Schlimmeres verhindern. Das ändert nichts an der Gesamtlage: Sie ist ernst. Und das Vertrauen der Marktteilnehmer hat 2007 einen derben Knacks erlitten.
Von Bettina Schulz, LondonNun hat es zu Weihnachten sogar noch eine winzige Jahresend-Rally an den Weltbörsen gegeben und den Aktienindex Dax wieder auf knapp über 8000 Punkte hochgeschoben. Aber was war das für eine Bescherung?
Wer hätte Anfang des Jahres 2007 auch nur im Entferntesten daran gedacht, dass die großen Notenbanken dieser Welt zu Weihnachten einen dreistelligen Milliardenbetrag in den Geldmarkt würden pumpen müssen, um den Banken mit ihrer Liquidität über das Jahresende zu helfen. Wer hätte gedacht, dass die größten Banken dieser Welt in China, Singapur und Dubai um Kapitalbeteiligungen betteln würden, um ihre Bilanzen aufzubessern. Wer hätte gedacht, dass die Notenbanken dieser Welt trotz ihres Kampfes gegen die Inflationsgefahren gezwungen würden, die Zinspolitik zu lockern, um der Angst vor einer Rezession an den Finanzmärkten entgegenzuwirken.
Die Lage ist immer noch zu ernst, als dass Banken, Aufsichtsorgane und Notenbanken öffentlich debattieren würden, welche Konsequenzen aus dem Debakel dieses Jahres gezogen werden müssen. Sie ist so ernst, dass es sich keine Notenbank leisten kann, die Banken für ihre fahrlässige Geschäftspolitik ernsthaft büßen zu lassen. In London wurde dies kurzfristig versucht, was das Ausmaß der Krise sofort zuspitzte.
Überdimensionierte Risikopositionen
Die Finanzkrise dieses Jahres ist nicht ausschließlich die Folge der Turbulenzen am amerikanischen Hypothekenmarkt. Dies zu behaupten wäre Augenwischerei. Diese Krise ist eine von allen Banken gemeinsam fabrizierte Liquiditätskrise, die entstand, weil sich die Banken gegenseitig nicht mehr über den Weg trauten. Zu viele Institute hatten überdimensionierte Risikopositionen in hochkomplexen und schwer zu bewertenden Kreditderivaten und oft noch außerbilanzielle Finanzierungsverpflichtungen, in die letztlich auch Kreditrisiken des amerikanischen Hypothekenmarktes eingebunden waren.
Viele Banken haben wegen der hohen Rendite begeistert in diese Instrumente investiert. Spätestens seit dem Skandal um derartige Kreditderivate (CDOs) Anfang der neunziger Jahre, in denen sich etliche Banken - darunter auch deutsche Landesbanken - die Finger verbrannt hatten, war der Finanzbranche klar, welche Risiken und Bewertungsschwierigkeiten in diesen Instrumenten stecken. Dennoch haben viele Banken weiter in sie investiert und dies kurzfristig refinanziert - zu einem großen Teil über ausgeklügelte Konstrukte, um eine teure Eigenkapitalunterlegung zu vermeiden. Die bisher geltenden Eigenkapitalvorschriften spornten die Banken dazu regelrecht an.
„Das können wir den Banken nicht verbieten“
Zu leichtfertig haben sich die investierenden Banken auf Bewertungen der Ratingagenturen verlassen, wohl wissend, dass diese von den Emittenten bezahlt werden. Die Banken waren zu nachlässig, die hochkomplexe Dokumentation der Derivatkonstrukte selbst zu sichten und zu bewerten.
Die Wirtschaftsprüfer haben all dies abgesegnet, weil gegen die Konstrukte und die außerbilanziellen Zweckgesellschaften der Banken formal nichts einzuwenden war. Die Aufsichtsbehörden haben hilflos zugeschaut mit dem Argument: „Das können wir den Banken nicht verbieten.“ Die Bankenaufsicht hat sich in allen Ländern zu sehr darauf verlassen, dass die Risikomodelle der Banken als Frühwarnsystem ausreichen würden. Das war aber nicht der Fall, weil es in der Vergangenheit keine derartige Liquiditätskrise gegeben hat. Die aus der Vergangenheit entwickelten Risikomodelle bezogen das Liquiditätsrisiko daher nicht ausreichend ein.
Normalität dürfte im Frühjahr zurückkehren
Das Risiko, das die kurzfristig finanzierten Investitionen in längerfristige Kreditderivate für die Liquidität des Bankensystems darstellten, haben auch die Notenbanken zu spät erkannt und sich zu lange auf der Position ausgeruht, sie seien schließlich nicht für die Bankenaufsicht zuständig. So warnte der Notenbankgouverneur der Bank von England, Mervyn King, die Banken im Frühsommer höflich: „Passen Sie nur auf. Nicht jede gute Flasche Wein entpuppt sich nach der Öffnung als guter Tropfen.“ Die Politiker haben ohnehin in die falsche Richtung gestarrt und nur die vermeintlichen Risiken der Private-Equity-Gesellschaften und Hedge-Fonds politisiert.
Mit Hilfe der Notenbanken werden sich die Banken jetzt durch die Liquiditätskrise in das nächste Jahr hangeln. In den vergangenen Tagen waren die Sätze am Interbankenmarkt bereits deutlich rückläufig. Die großen Banken der Welt haben sich Geldspritzen kapitalgewaltiger Staatsfonds gesichert. Sie haben die außerbilanziellen Zahlungszusagen auf die Bücher genommen und werden weiterhin abschreiben und wertberichtigen, bis sie im Frühjahr ihre von den Wirtschaftsprüfern abgesegneten Abschlüsse auf den Tisch legen. Dann dürfte sich der Geldmarkt endgültig erholen und die Finanzwelt langsam wieder in die Normalität zurückkehren.
Das Vertrauen hat einen derben Knacks erlitten
Welch Glück, dass es die Schwellenländer gibt, die eine so starke eigene Wachstumsdynamik entwickelt haben, dass sie die Konjunkturschwäche im Westen, die sich aus dieser Finanzkrise ergibt, weitgehend ausbügeln können. Und wie wunderbar, dass die Staatsfonds dieser Länder genug Kapital angehäuft haben, dass sie hohe Milliardenbeträge in UBS, Morgan Stanley, Citigroup, Merrill Lynch und Barclays investieren können.
Es bleibt aber als Fazit dieses Jahres, dass das Vertrauen der Marktteilnehmer in das Verantwortungsbewusstsein der Banken und in eine kompetente Bankenaufsicht einen derben Knacks erlitten hat. Jeder muss die Zeche zahlen: nicht nur Häuslebauer und Unternehmer, die sich plötzlich strengeren Kreditvergabekonditionen ausgesetzt sehen. Sondern die ganze Bevölkerung, die die jetzige Hilfsaktion der Notenbanken letztlich mit größeren Inflationsgefahren und womöglich höheren Zinsen bezahlen muss. Wenn die Marktteilnehmer nicht mehr nur das Jahresende vor Augen haben, sondern sich im Frühjahr des kommenden Jahres die Wogen der Finanzkrise geglättet haben, dürfte sich der Blick wieder auf die jetzt in der Krise vernachlässigten Inflationsgefahren richten.
Den Blick wieder auf Inflationsgefahr richten
Gerhard Dünnhaupt (dunnhaupt)
- 26.12.2007, 14:52 Uhr
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