Viele Anleger sind kurzfristig orientiert und entsprechend kurzsichtig. Das führt unter anderem dazu, dass die europäische Schuldenkrise nach einem Intermezzo von wenigen Monaten schon wieder vergessen zu sein scheint, obwohl die grundlegenden Strukturprobleme nicht gelöst sind.
Unglaubliche Subventionen in Form extrem tiefer Zinsen, keynesianischer Ausgabenprogramme auf Pump, Staatsgarantien und nicht zuletzt auch die Aussicht auf so etwas wie einen europäischen Zahlungsausgleich zu Lasten der wirtschaftsstarken Staaten jedoch führten in kürzester Zeit zu extremem Risikoappetit. In diesem Rahmen entwickeln sich die Kurse von risikobehafteten Wertpapieren überdurchschnittlich.
Italienische und spanische Börsen legen stark zu
Nach einem schwachen Start ins Jahr gehören dazu längst die Aktien spanischer und italienischer Unternehmen. Mit einem Kursgewinn von 13,4 Prozent seit Jahresbeginn gehört der MIB-Index inzwischen zu den besten Standardwerteindizes Europas im laufenden Jahr. Der spanische Ibex folgt darauf mit einem Plus von elf Prozent. Beide Indizes werden von den Immobilien- und Finanzwerten mit nach oben gezogen, die sich in den vergangenen Tagen mit massiven Kursgewinnen vom Ausverkauf zuvor erholt haben.
Diese Werte profitieren von der Wahrnehmung, die Zentralbanken der Welt provozierten mit ihren extremen Strategien eine Vermögenspreisinflation, um auf diese Weise den versteckten Abschreibungsbedarf und die damit theoretisch verbundenen Verluste zu beseitigen. Der Der FTSE Italia All-Share Index, der seit Anfang Dezember des vergangenen Jahres 18 Prozent zugelegt hat, wird in diesem Jahr angeführt von den Aktien des Automobildesigners Pininfarina, die in vier Wochen auf tiefem Niveau um knapp 30 Prozent zugelegt haben.
Dabei musste das Unternehmen in den vergangenen Quartalen massive sinkende Erlöse hinnehmen und konnte in den vergangenen Jahren so gut wie nie Gewinne erzielen. Allerdings werden die Papiere neuerdings getrieben von Übernahmespekulationen, nachdem der französische Übernahmespezialist Vincent Bolloré angeblich entsprechendes Interesse gezeigt hat. Starke Kursgewinne auf ebenfalls sehr tiefem Niveau verzeichnen die Aktien der Prelios SpA. Auch dieses Unternehmen konnte in den vergangenen Jahren weder einen soliden Wachstumstrend noch solide Gewinne erzielen.
Darauf folgen die Aktien der Intesa San Paolo, des Unicredit, des operativ schwachen Immobilienunternehmens Risanamento, des Versicherers Mediolanum, der Banca Populare, des Ölraffinerieunternehmens Saras, der Brioschi Sviluppo Immobiliare, der UBI Banca und nicht zuletzt des Bau- und Baumaterialherstellers Buzzi Unicem sowie der Assicurazioni Generali mit Kurszuwächsen zwischen 18 und 25 Prozent in vier Wochen. Mit wenigen Ausnahmen kann man allenfalls mit einer kräftigen Prise Sarkasmus von einer „Qualitätsrally“ reden.
Einzelne Werte bieten Anlegern weitere Reize
Die Aktie von Buzzi Unicem, dem einzigen Unternehmen dieser Aufzählung, das in den vergangenen Jahren unabhängig von der von den Zentralbanken tolerierten Blasen im Immobilien- und Finanzbereich solide, realwirtschaftliche Umsätze und Gewinne erzielen konnte, ist dagegen mit Kurs-Gewinnverhältnissen von 35 und 23 auf Basis der Gewinnschätzungen für das laufende und das kommende Geschäftsjahr massiv überbewertet.
Zu den wenigen Werten, die aufgrund ihrer relativen soliden operativen Entwicklung, der Bewertung oder der Dividendenrendite interessant sein können, zählen die Papiere des Lottounternehmens Lottomatica, des Versorgers Enel, des Küchengeräteherstellers De' Longhi, des Rüstungsunternehmens Finmeccanica, der Versorger A2A und Eni, des Schuhherstellers Geox oder auch des Werbe- und Kommunikationsunternehmens Cairo Commications.
Angesichts der extrem lockeren Geldpolitik der Zentralbanken und ihrer offensichtlichen Neigung, eher zu spät als zu früh restriktiv zu werden, kann der Kursaufschwung an den Börsen noch eine Weile anhalten. Auf der Suche nach möglichst schnellen Kursgewinnen treiben die Anleger die Kurse risikoreicher Papiere überproportional nach oben. Entsprechend groß sind die Rückschlagsrisiken. Konservative und längerfristig orientierte Anleger dagegen werden Papiere von Unternehmen präferieren, die ein solides Preis-Wert-Verhältnis und die Aussicht auf solide operative Entwicklung bieten.