30.06.2008 · Die Vehemenz, mit der die Investmentbanken die Aktien ihrer Konkurrenten gegenseitig herabstufen, verstärkt die Ängste der Anleger in einem instabilen Markt. Die großen Banken und Broker sitzen im Glashaus und werfen mit Steinen.
Von Ben StevermanDie Aktien einiger großer Wall-Street-Broker und -Banken fielen auf neue Tiefstwerte, und die Schuld hierfür konnten sich die Unternehmen lediglich gegenseitig zuweisen. Viele sehen die einjährige Finanzkrise größtenteils darin begründet, dass die Wall Street eine Schwäche für hochspekulative, mit Hypotheken besicherte Papiere hat. Die unmittelbare Schuld an der Talfahrt der Finanzwerte tragen jedoch eher die Rechercheabteilungen der Broker selbst, die die vergangene Woche damit zubrachten, ihre analytische Feuerkraft gnadenlos gegeneinander zu richten.
Die Analysten des New Yorker Finanzdistrikts haben ein regelrechtes Feuerwerk an Berichten verschossen, die immer düsterere Bilder vom Gesundheitszustand der wichtigsten Marktteilnehmer zeichneten und immer mehr den Eindruck erweckten, dass die großen Banken und Broker in einem Glashaus sitzen und mit Steinen werfen.
Citigroup auf der „Conviction Sell List“ von Goldman Sachs
Am 26. Juni stufte Goldman-Sachs-Analyst William Tanona die gesamte Maklerbranche der Vereinigten Staaten von „attraktiv“ auf „neutral“ herab. Goldman drosselte seine Gewinnschätzung 2008 für Merrill Lynch von zuversichtlichen 8 Cent pro Aktie auf einen Verlust von 3,55 Dollar pro Aktie. Der schlimmste Affront aber richtete sich gegen die Citigroup, die auf die „Conviction Sell List“ von Goldman Sachs gesetzt wurde.
„Es ist uns ein großes Anliegen, bei den sich weiter verschlechternden Eckdaten einen Katalysator zu finden, der die Citigroup in den kommenden Monaten deutlich nach oben treibt“, schrieb Tanona. Die Mitteilung von Goldman Sachs schien bei der großen Glattstellung der Wertpapierbestände am 26. Juni eine maßgebliche Rolle gespielt zu haben.
Am gleichen Tag jedoch wurde Goldman Sachs seinerseits durch die Analysten der amerikanischen Bank Wachovia von „outperform“ auf „marketperform“ herabgestuft. Obgleich Goldman der „Topname“ seiner Branche ist, weist Analyst Douglas Sipkin darauf hin, dass sich die Wall-Street-Firmen, begleitet von einem Anstieg der Rohstoffpreise und erneuten Konjunktursorgen, auf eine Sommerflaute zubewegen.
Doch das ist nur ein Teil der jüngsten Welle an vernichtender interner Meinungsmache.
Zu Beginn dieser Woche wurde Morgan Stanley von einem JPMorgan-Analysten herabgestuft.
Analysten der Credit Suisse und der Bank of America nahmen kürzlich Merrill Lynch und die UBS ins Visier. Michael Hecht von der Bank of America, der zuvor von einer positiven Gewinnmeldung beider Unternehmen für das zweite Quartal ausgegangen war, erwartet nun Verluste in Höhe von 1 Dollar pro Aktie für Merrill und 1,70 Dollar für die UBS.
Die Credit Suisse stufte ihre ebenfalls schweizerische Konkurrentin UBS von „outperform“ auf „neutral“ herab. „Das Management steht vor der Herausforderung, das Franchise zu erneuern“, schrieb Daniel Davies. „Wir glauben, dass dies eine schwierige Aufgabe sein wird.“ Eine weitere Analystin der Credit Suisse, Susan Roth Katzke, korrigierte am 23. Juni ihre Gewinnschätzung 2008 für Merrill Lynch nach unten und gab zu bedenken, dass das Unternehmen zur Kapitalbeschaffung möglicherweise seine Beteiligung an Bloomberg oder BlackRock verkaufen müsse.
Zudem setzte sie ihre Gewinnschätzungen für die Citigroup herab und prognostizierte, dass dem Unternehmen in diesem Quartal Verluste riskanter Anlagen in Höhe von 6 bis 10 Milliarden Dollar ins Haus stehen könnten.
Es schien, als hätten sich die Konkurrenten von Merrill Lynch gegen das Unternehmen verschworen. Inmitten einer Welle der Besorgnis um den Maklerriesen stellten die kleineren Unternehmen Sanford C. Bernstein und Buckingham Research Group Merrill Lynch in dieser Woche ebenfalls ein schlechtes Zeugnis aus.
Dennoch war es wohl Merrill-Lynch-Analyst Edward Najarian, der die gegenwärtige Welle des Pessimismus losgetreten hat, als er die Gewinnschätzungen für Großbanken wie Bank of America, Wachovia und Wells Fargo nach unten korrigierte. Seiner Prognose zufolge werden die Gewinne Wachovias 50 Prozent unter den früheren Schätzungen liegen.
Alles in allem verkörpert diese Flut an Analystenmeldungen die akuten Ängste der großen Wall-Street-Unternehmen bezüglich dessen, was ihre eigene Branche im kommenden Jahr erwartet.
Die Sorgen der Anleger machten den Finanzwerten schwer zu schaffen und drückten den breiteren Markt unter seinen Tiefstand vom März, jener erschreckenden Zeit des Niedergangs der Investmentbank Bear Stearns.
Analysten haben bisher die Schwierigkeiten der Branche deutlich unterschätzt
Dennoch brachten der unerwartet ausbrechende Pessimismus der Wall-Street-Analysten und die resultierende Talfahrt der Finanzwerte so manchen Marktbeobachter ins Grübeln. Seit mehr als einem Jahr ist den Anlegern bekannt, dass das Finanzsystem mit schwerwiegenden Problemen kämpft, so beispielsweise mit gefährlichen Anlagen wie risikoreichen, mit Hypotheken besicherten Papieren, eingefrorenen Kreditmärkten, den Folgen sinkender Immobilienpreise und einer gebeutelten Hypothekenbranche sowie, im Zuge der Konjunkturabkühlung, einer abnehmenden Kreditqualität der Privatkunden- und Unternehmenskreditsparten der Banken.
Was die Einschätzung der Geschäftszahlen der Unternehmen anbelangt, haben die Analysten den Schaden, den die Krise an der Wall Street anrichtete, durchweg unterschätzt. „Das Ausmaß des Problems wurde zunächst unterbewertet“, meint James King, President und Chief Investment Officer der National Penn Investors Trust Company.
Stephen McClellan, ehemals Top-Analyst bei Merrill Lynch und Salomon Brothers, kritisiert die Performance, die sein ehemaliger Berufsstand im vergangenen Jahr ablieferte. „Eine Menge Leute haben dies seit geraumer Zeit vorausgeahnt“, meint McClellan zur Finanzkrise. „Es ist ein Armutszeugnis für die Forschungsanalyse an der Wall Street, dass sie sich zu solch einem späten Zeitpunkt einschaltet.“
Da die Konkurrenten eines Wall-Street-Unternehmens oftmals gleichzeitig dessen Kunden und Geschäftspartner sind, wird nahezu jeder Analysten-Mitteilung der Finanzbranche eine lange Liste beigefügt, in der Interessenskonflikte offen gelegt werden. Durch eine Reihe von Regeln und Vorschriften soll jedoch die Unabhängigkeit der Analysten gewahrt werden, und nur wenige glauben, dass diese von ihren Arbeitgebern beeinflusst werden, ihren Konkurrenten ein schlechtes Zeugnis auszustellen.
Die wachsende Besorgnis um die Finanzbranche scheint ernst zu sein, zumal es den Anschein hat, als bereiteten sich viele Banken und Broker darauf vor, gegen Ende des Quartals revidierte Gewinnvorhersagen herauszugeben. Die Ergebnisse des zweiten Quartals werden bei vielen Unternehmen Mitte Juli bekannt gegeben.
Es gibt noch einen weiteren Grund, warum so viele Analysten in der letzten Zeit ein derart düsteres Bild des Finanzsektors gezeichnet haben, meint Manny Weintraub, Vorsitzender von Integre Advisors. Nach der Bear-Stearns-Krise im März wurden viele Analysten und Anleger etwas zuversichtlicher bezüglich der Finanzbranche. „Die Leute wollten besonders schlau sein“, sagt Weintraub, und erraten, wann der Finanzsektor die Talsohle endlich erreicht hatte.
Goldman-Sachs-Analyst David J. Kostin räumte am 23. Juni ein, dass sich das Unternehmen „eindeutig geirrt“ hatte, als es den Anlegern Anfang Mai nahe legte, auf eine baldige Erholung der dauerhaften Konsumgüter und Finanzwerte zu setzen.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |