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Interview „Wir werden eine Torschlusspanik am Rentenmarkt sehen“

12.08.2002 ·  Wir befinden uns in einem „historischen Bärenmarkt“, sagt Hedge Fonds Manager Hugh Hendry im FAZ.NET-Interview. Das US-Sozialprodukt sei „erschwindelt“.

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Die Optimisten haben zurzeit einen eher schweren Stand. Mäandern die Börsen bei hoher Volatilität vor sich hin, so gibt es immer mehr Stimmen, die es für möglich halten, dass die bis jetzt beobachteten Kursverluste erst der Anfang einer extrem schwierigen Phase für die Finanzmärkte sein könnten.

Hatte vor wenigen Tagen schon Professor Fredmund Malik von der Uni St. Gallen im FAZ.NET-Interview eine deflationäre Phase mit negativen Wachstumsraten und schrumpfenden Unternehmen prognostiziert, so schlägt nun Hedge Fonds Manager Hugh Hendry von Odey Asset Management in beinahe dieselbe Kerbe. Wenn seine Analyse richtig sein sollte, so wird eine „Torschlusspanik“ an den Rentenmärkten die Kurse nach oben treiben und die Renditen fallen lassen. Seine bisherige Performance jedenfalls spricht für ihn.

Nach massiven Verlusten an den Börsen sieht es nun so aus, als ob sich die Lage stabilisieren würde. Sehen wir gerade den Boden, der sich ausbildet?

Das ist sicher nicht der Boden, denn wir werden sehr viel tiefer gehen. Bärenmärkte von historischer Dimension - und dies ist einer - sind deswegen so zerstörerisch, weil niemand verkauft. Viele Anleger enden damit, beispielsweise auf einer Deutschen Telekom von 104 Euro bis auf acht Euro sitzen zu bleiben.

Wieso verkaufen denn die Leute nicht?

Wir fühlen uns sehr klug, wenn wir auf das Jahr 1929 zurückschauen und uns die Frage stellen: wieso haben sie nicht verkauft. Die Erklärung liegt in der Volatilität. Wir sahen in den vergangenen Tagen die größten absoluten Kursanstiege im Dow Jones aller Zeiten, 489 Zähler am 24. Juli und 447 Punkte am 29. Juli. Das ist absolut nicht bullisch, so etwas passiert in typischen Bärenmärkten. Denn mit solchen Kursgewinnen kommt immer wieder die Hoffnung auf einen neuen „Bullenmarkt“ auf.

Es würde mich trotzdem nicht überraschen, wenn wir bis in den September hinein eine Rally haben könnten. Denn die US-Notenbank wird die Zinsen senken - und das wird die Kurse in einer ersten Reaktion treiben. Aber das wäre absolut nicht bullisch, sondern ein sehr, sehr negatives Zeichen.

Es würde signalisieren, dass die Wirtschaft wirklich nicht wächst?

Es wäre die Bestätigung einer Rezession oder gar der Anfang einer Depression. Der Abwärtstrend ist unverkennbar, die Märkte nehmen die schwache Wirtschaft vorweg. Die unsolideste Bilanz ist nicht die von Enron, sondern die volkswirtschaftliche Bilanz des amerikanischen Staates.

Sie sagen, die Zahlen der volkswirtschaftlichen Gesamtrechnung in den USA sind manipuliert?

Es gibt Verzerrungen und sie sind nicht unmittelbar mit europäischen Zahlen vergleichbar. Das typischste Beispiel ist das „Hedonic Pricing“. Wenn ich heute einen PC kaufe, für 1.300 Dollar, so hat er die fünffache Leistung dessen, den ich vor drei Jahren für 1.300 Dollar kaufen konnte. Dieser PC taucht aber auf Grund einer „statistischen Anpassung“ heute mit etwa 6.000 Dollar im Sozialprodukt auf - und nicht mit 1.300. Die Amerikaner sind die einzigen, die diese Anpassung vornehmen. Ich halte das für Schwindel.

Was bedeutet das?

Es führt dazu, dass nicht nur das reale Sozialprodukt zu hoch ausgewiesen wurde, sondern auch die Produktivität - auf massivste Weise. Diese Zahlen müssen nach und nach korrigiert werden.

Was bedeutet das für einen Anleger?

Es sollte nicht an der Börse engagiert sein, sondern beispielsweise deutsche Bundesanleihen kaufen.

Trotz des jetzt schon hohen Preisniveaus?

Ja, absolut. Denn die großen Pensionskassen werden diese Anleihen kaufen, um ihre Verbindlichkeiten abzusichern. Unabhängig davon, wo die Rendite ist. Die Börsen der industrialisierten Länder steigen und fallen immer um denselben Betrag, da sie wirtschaftlich reif sind und im Schnitt real nur zwei Prozent wachsen.

Historisch betrachtet hat man in Deutschland kein Geld an steigenden Aktien verdient, zwischen 1980 und 1995 etwa. Ausländische Anleger verdienten ihr Geld über die Währung. Erst danach sind die Aktien gestiegen, inzwischen aber zumindest bis jetzt wieder auf das Niveau von etwa 1985 gefallen. Ich verdiene Geld über die Währungen und mit Bonds.

Welche Möglichkeiten gibt es denn aktuell? Wetten auf den Dollar oder den Euro?

Ich setze auf den Euro. Unser Hedge Fonds hat bisher in diesem Jahr eine Performance von 22 Prozent erzielt, weil wir den Dollar verkauft hatten. Und der Euro wird noch weiter steigen.

Wie weit und in welchem Zeitraum?

Auf ein Ziel lege ich mich nicht fest, aber der Euro wird innerhalb der nächsten zwölf bis 18 Monate deutlich höher notieren. Denn ich sehe die Fehler in den US-Zahlen. Erste Korrekturen waren in den vergangenen Tagen schon zu beobachten. Und es werden weitere kommen. Man wird sehen, dass es in den USA so gut wie kein Produktivitätswachstum gab und dass Europa gar nicht so schlecht aussieht.

Wie geht es weiter mit den Börsen?

Ich erwarte eine kleine Rally, aber die wird nicht andauern. Wir werden innerhalb der kommenden drei Jahre deutlich tiefer gehen, bis der Dow Jones und der S&P 500 ein Kurs-Gewinn-Verhältnis von etwa zehn haben werden. Ich sehe den Dow Jones unter 5.000 Punkten.

Und Anleger - was sollten die machen?

Der Kapitalerhalt muss im Vordergrund stehen. Dann kann man später - unter Umständen sehr viel später - Aktien unglaublich günstig kaufen. Microsoft etwa mit einem KGV von zehn - und nicht zu einem Kurs-Umsatz-Verhältnis in dieser Größenordnung. Einen kleinen Anteil kann man vielleicht noch in Goldminenwerte investieren. Am besten über einen Fonds. Wenn überhaupt Aktien, dann sollten sie einen Bezug zu Rohstoffen haben. Kali und Salz oder Südzucker in Deutschland zum Beispiel.

Zum Abschluss: Was halten Sie von Aktien wie Cisco und MLP?

Cisco ist einfach lächerlich. Das Unternehmen ist vor allem durch eine wilde Zahl von Übernahmen gewachsen - noch schlimmer als Tyco. Die Firma ist überbewertet und produziert Massengüter wie Routers. Die Kunden sind Telekomunternehmen, die selbst schlecht da stehen. Höchstens meinem ärgsten Feind würde ich Cisco-Aktien ins Depot legen.

Finanzwerte würde ich nicht anfassen, selbst wenn sie günstig erscheinen. MLP beispielsweise. Die könnten, wenn nicht gar pleite, so doch wie EM.TV den Weg zum Penny Stock gehen. Denn das Geschäft beruht auf Vertrauen. Und das ist nicht mehr da.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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