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Interview "Wer alle anderen für rational hält, verdient nicht viel"

 ·  Der Ökonom Ernst Fehr beobachtet die Anleger im Labor: Sie verhalten sich oft unvernünftig. Daraus läßt sich Kapital schlagen.

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Der Ökonom Ernst Fehr beobachtet die Anleger im Labor: Sie verhalten sich oft unvernünftig. Daraus läßt sich Kapital schlagen.

Herr Fehr, Sie erforschen, wie sich Menschen in der Wirtschaft verhalten. Was machen wir zum Beispiel an der Börse falsch?

Wir sind uns in unseren Entscheidungen häufig zu sicher. Zum Beispiel investieren wir in junge Unternehmen und unterschätzen die Gefahr, daß sie pleite gehen. Außerdem sind viele Leute zu ungeduldig - aber nur auf kurze Sicht.

Das heißt?

Nehmen wir an, ich kann mich entscheiden, ob ich in zehn Jahren viel Geld bekomme oder in fünf Jahren weniger. Bei so langfristigen Entscheidungen ist die Geduld relativ stark ausgeprägt, darum lassen die meisten Menschen das Geld lange liegen. Wenn es hingegen darum geht, ob man das Geld heute oder in drei Monaten bekommt, dann sind die Leute extrem ungeduldig und wollen es heute haben.

Deshalb verkaufen wir unsere Aktien so schnell, wenn sie mal gestiegen sind?

Viele Leute kaufen und verkaufen zu oft. Es gibt da sogar einen Geschlechtsunterschied: Männer neigen eher als Frauen dazu, viel zu handeln. Das ist aber meistens nicht gut. Wer sehr viel handelt, zahlt natürlich oft Gebühren. Seine durchschnittliche Rendite ist aber in der Regel trotzdem nicht besonders gut.

Wenn die Leute so viel handeln, warum haben sie dann ihre Telekom-Aktien nach dem Kursrutsch immer noch nicht verkauft?

Dafür gibt es zwei Erklärungen. Erstens: Die Menschen vergleichen den Aktienkurs mit ihrem Kaufpreis und sehen einen Verlust - aber sie scheuen sich, den Verlust zu realisieren. Und das würden sie tun, wenn sie verkaufen würden. Statt dessen hoffen sie, daß es doch wieder aufwärtsgeht. Zweitens gibt man etwas, das einem einmal gehört, nur ungern wieder her. Dieses Verhalten ist bei Laien besonders ausgeprägt.

Aber wenn das allen so gegangen wäre, hätte keiner verkauft. Dann wären die Telekom-Kurse gar nicht erst gesunken.

Das ist richtig. Aber die Frage ist, wann ich verkaufe. Die ersten, die verkauft haben, haben mit der Aktie ja noch Gewinn gemacht.

Inzwischen konnte man mit anderen Aktien auch wieder ordentlich Gewinn machen. Platzt da bald wieder eine Blase?

Experimente haben gezeigt: Wenn auf einem Markt viele Händler schon eine Blase erlebt haben, bildet sich nicht so leicht eine neue. Wenn ich die Finanzpresse heute lese und sie mit den späten 90er Jahren vergleiche, dann habe ich den Eindruck, daß ein bißchen mehr Nüchternheit eingekehrt ist.

Es geht also weiter nach oben?

Das weiß keiner. Ganz ausgeschlossen sind Blasen nie, sogar wenn die Leute ganz vernünftig sind, also rational. Rationale Akteure können nämlich auch Blasen reiten. Das heißt, sie kaufen bewußt überteuerte Aktien und verkaufen sie später noch teurer. Das treibt die Blasen noch weiter. An diesem Beispiel sehen wir, daß auch rationale Anleger einen Markt nicht immer rational machen.

Wenn es an der Börse nicht immer vernünftig zugeht, sollten wir als Anleger dann überhaupt versuchen, vernünftig zu sein?

Ich glaube schon, daß die Vernünftigen im Schnitt mehr verdienen. Wenn sie berücksichtigen, daß nicht alle so sind. Wer unterstellt, daß alle anderen rational sind, der verdient nicht viel Geld. Sondern macht einen Fehler - zum Beispiel, wenn er die Blase erkennt und sie nicht nutzt.

Wie werde ich so rational, wie ich es an der Börse sein sollte?

Rational ist man dann, wenn man seine Ziele mit den besten Mitteln erreicht. Das kann man lernen, indem man viel über die Börse lernt. Wer Finanzwirtschaft studiert hat, hat im Schnitt wahrscheinlich bessere Chancen als jemand anderes.

Was kann man da lernen?

Zum Beispiel, daß nach guten Nachrichten zu einer Aktie der Kursanstieg in der Regel einige Monate anhält.

Andere Ökonomen sagen: Am Finanzmarkt ist man besser, wenn man weniger weiß.

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Das Gespräch führte Patrick Bernau.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 31.12.2006, Nr. 52 / Seite 51
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