Die Unternehmensgewinne verbessern sich - und bis zu einem gewissen Grade auch ihre Qualität, so Charles L. „Chuck“ Hill, Director of Research bei Thomson Financial/First Call. Hill sieht eine nachhaltige, wenngleich auch „sanfte“ Erholung - trotz des kräftigen Anstiegs der Unternehmensgewinne im zweiten Halbjahr 2003.
Nachfolgend finden Sie einen Teil der Kommentare, die Hill im Rahmen eines am 30. Oktober von BusinessWeek Online über America Online veröffentlichten Investment-Interviews abgegeben hat. Die Fragen stellten interessierte Teilnehmer sowie die beiden BW Online-Mitarbeiter Jack Dierdorff und Karyn McCormack. Es handelt sich hierbei um einen redaktionell bearbeiteten Auszug dieses Interviews. Eine komplette Niederschrift von BusinessWeek Online steht bei AOL unter dem Stichwort „BW Talk“ zur Verfügung.
Es hat im großen und ganzen den Anschein, als ob die Unternehmen mit ihren Ergebnissen im dritten Quartal die Erwartungen der Analysten übertroffen haben. Wie viel von diesem Gewinnzuwachs ist dabei auf kostenreduzierende Maßnahmen bzw. auf tatsächliches Umsatzwachstum zurückzuführen?
Mich interessiert wirklich die Qualität der Gewinne. Beim Umsatzwachstum gibt es ganz bestimmt eine Verbesserung zu verzeichnen, insbesondere mit Blick auf den Technologiesektor. Allerdings ist es noch weit von dem Niveau entfernt, was wir in diesem Stadium des Aufschwungs gerne sehen würden. Entsprechend spielen Kostensenkungen nach wie vor eine wichtige Rolle in dieser aktuell zu beobachtenden „Gewinnhausse“. Die Qualität ist jedoch auch in anderer Weise als gut zu bezeichnen. Es fängt damit an, daß im zweiten Quartal diesen Jahres die Zahlen gegenüber dem Vorjahr erstmals eindeutig besser ausfielen. Auf der Grundlage der uns soweit möglichen saisonalen Bereinigung der Gewinnzahlen glauben wir, daß sich die Gewinne seit ihrem Tiefpunkt im ersten Quartal 2002 auf Erholungskurs befinden.
Zweitens gehen die Unternehmen mit der Auslegung der relevanten GAAP (Generally Accepted Accounting Principles - allgemein anerkannte Grundsätze der Rechnungslegung)-Vorschriften nicht mehr ganz so großzügig um wie noch vor ein paar Jahren. Bei der Berichtigung der Zahlen für den sogenannten Pro-Forma-Gewinn achten sie nun mehr darauf, was laut GAAP tatsächlich ausgeschlossen werden kann; gleichzeitig zeigen sich die Analysten nunmehr rigoros bei dem, was sie in Bezug auf den Gewinn nach GAAP als ausschlußfähig zulassen. Noch ist nichts von all dem so, wie es eigentlich sein sollte. Aber es gibt eine deutliche Verbesserung gegenüber früher zu verzeichnen - was natürlich auch bedeutet, daß die Qualität der Gewinne besser geworden ist.
In welchen Branchen war der Gewinnzuwachs im letzten Quartal Ihrer Meinung nach am stärksten ausgeprägt?
Auf Basis der ausgewiesenen Zahlen zeigte der Technologiesektor mit einem Plus in Höhe von rund 74 Prozent das größte Gewinnwachstum. Darin eingerechnet ist allerdings Lucent (LU), dessen Zugewinn in Anbetracht des riesigen Verlustes, den das Unternehmen im dritten Quartal des Vorjahres einfuhr, entsprechend enorm ausfiel. Lucent änderte vor ein paar Monaten die von ihm verwendete Grundlage für die Berichtigung der GAAP-Zahlen. Um Äpfel mit Äpfeln vergleichen zu können, passen wir die Zahlen des Vorjahres stets an die aktuell gültige Grundlage an.
Ohne Lucent hätte sich der Gewinnzuwachs der Tech-Branche auf ungefähr 15 Prozent belaufen, bei einem Umsatzwachstum in Höhe von sieben Prozent. Ein Teil davon war nicht zuletzt günstigen Währungseffekten zuzuschreiben. Besser jedoch als im ersten und zweiten Quartal, als das Gewinnwachstum im oberen Zehnerbereich lag, es aber unter Nichtberücksichtigung der mit dem schwächeren Dollar verbundenen Vorteile praktisch kein Umsatzwachstum zu verzeichnen gab.
Übrigens, das von uns für das dritte Quartal erwartete Gewinnwachstum in Höhe von 21 Prozent würde unter Ausschluß von Lucent wahrscheinlich nur mehr ca. 18 Prozent betragen. Diese 18 Prozent würden auf dieser Basis allerdings das kräftigste Gewinnwachstum gegenüber dem Vorjahr darstellen, das uns dieser Aufschwung bislang beschert hat. Auch scheint es, daß es sich hierbei um das in diesem Aufschwung bisher beste saisonal bereinigte Gewinnwachstum gegenüber dem Vorquartal handelt - so gut wir die Zahlen eben saisonal bereinigen können.
Beim Energiesektor dürfte das Plus 44 Prozent betragen. Damit läge es nahezu gleichauf mit dem Zuwachs im zweiten Quartal, aber weit unter den 180 Prozent Gewinnwachstum des ersten Quartals. Grund für diese Entwicklung sind ganz offensichtlich die zu Beginn dieses Jahres noch sehr hohen Energiepreise, die zwischenzeitlich etwas gesunken sind. Der Bereich, der in diesem Fall wirklich als Motor zu bezeichnen ist, ist der Finanzsektor mit einem Gewinnzuwachs in Höhe von acht Prozent.
Wir reden hier nicht von den Einnahmen der Banken. Mit elf Prozent legte der übrige Sektor jedoch ein ganz beeindruckendes Umsatzwachstum hin. Sogar noch etwas größer soll das Wachstum im vierten Quartal ausfallen. Und da der Finanzbereich den größten Sektor stellt, entfällt - rechnerisch gesehen - ein Großteil des Gewinnwachstums im dritten und vierten Quartal auf ihn.
Welche Art von Wachstum prognostizieren Sie mit Blick auf 2004 für die führenden Indizes?
Nun, die Erholung der Unternehmensgewinne ist nach unserem Dafürhalten von Dauer. Allerdings wird sie sich im Vergleich zu heute etwas gemäßigter vollziehen. Für das Gesamtjahr 2003 sollen die Gewinne um 18,2 Prozent zunehmen; dagegen gehen die Analysten für das kommende Jahr nur mehr von 12,3 Prozent aus. Schwer zu sagen, welche Bedeutung dies im Hinblick auf die Aktienkurse hat. Es gibt so viele Unsicherheiten - nicht nur in Bezug auf die Gewinne, sondern auch bezüglich des Bewertungsniveaus. Wie sich das kommende Jahr zu einem für den Markt erfreulichen Jahr entwickeln soll, ist angesichts der prognostizierten Verlangsamung des Gewinnwachstums und des insgesamt bereits recht hohen Bewertungsniveaus - und des noch höheren Bewertungsniveaus im Technologiesektor - derzeit schwer vorstellbar.
Welche Technologiebereiche versprechen Ihrer Ansicht nach die größten Gewinne im aktuellen Quartal?
Keine Frage - die Halbleiterbranche. Die in diesem Teilsegment zu beobachtende Verbesserung scheint durchaus gerechtfertigt zu sein, sowohl in Bezug auf Computerchips als auch in Bezug auf Kommunikationsanwendungen. Nach minus 30 Prozent im ersten Quartal und plus 92 Prozent im zweiten Quartal 2003 steuert der Halbleiterbereich für das dritte Quartal nunmehr auf ein Gewinnwachstum in Höhe von ungefähr 260 Prozent zu. Dem soll Erwartungen zufolge ein Plus von 300 Prozent im vierten Quartal folgen. Demgegenüber sollen die Gewinne der Computer- und Softwarebranche im vierten Quartal nur um 14 Prozent bzw. 13 Prozent zulegen, während bei der Kommunikationsausrüstung mit einem Anstieg in Höhe von 200 Prozent gerechnet wird. Letzterer liegt allerdings ein sehr niedriges Vorjahresniveau zugrunde, so daß diese Zahl eigentlich bedeutungslos ist.
Schließlich interessiert mich, was der Durchschnittsanleger bei seinen „Kaufen/Verkaufen/Halten“-Entscheidungen in puncto Gewinne beachten sollte.
Als erstes gilt es zu versuchen, die Qualität der Gewinne festzustellen. Dies erfordert eine genaue Überprüfung jedweder Berichtigungen, die in Bezug auf den Gewinnausweis nach GAAP vorgenommen wurden, auf ihre Vertretbarkeit hin. Erweckt das jeweilige Unternehmen den Anschein einer zu großzügigen Auslegung der Bilanzierungsvorschriften, so sollten Sie sehr vorsichtig mit Ihren Schlußfolgerungen bezüglich der Gewinnsituation sein. Sind Sie indes von der Seriosität der Zahlen überzeugt, sollten Sie als nächstes prüfen, wie sich die Gewinne des Unternehmens in letzter Zeit entwickelt haben, und sich dabei die Frage stellen, ob dieses Wachstum - basierend auf den Diskussionen und Analysen der Geschäftsleitung - weiter anhalten wird.
Auch sollte für Sie der jeweils aktuelle Konjunkturzyklus von Belang sein. Unternehmen, deren Gewinne unter dem normalerweise üblichen Niveau liegen, sich aber auf dem Weg der Besserung befinden, bieten oftmals die besten Anlagemöglichkeiten - im Gegensatz zu denen, deren Gewinne auf Trendniveau oder darüber liegen. Über diese weiß zwar jeder viel Gutes zu berichten, jedoch weisen sie kaum mehr Potential für ein überdurchschnittliches Gewinnwachstum auf.