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Interview „Fed wird in der zweiten Jahreshälfte den Leitzins erhöhen“

19.03.2004 ·  Die Börsen stagnieren kurzfristig und lösen bei manchem schon wieder Befürchtungen aus. Sie werden aber trotz höherer Leitzinsen weiter steigen, so CIS Ed Yardeni von der Prudential Equity Group im FAZ.NET-Interview.

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Die Börsen legten vom März des vergangenen Jahres bis in den Januar des laufenden Jahres eine eindrucksvolle Rallye an den Tag. Seitdem legen sie sich jedoch trotz des gerne positiv gezeichneten Grundszenarios eine Pause ein.

Die Frage ist nun, ob sie wieder straucheln und nach unten drehen oder ob sie demnächst den Weg weiter nach oben fortsetzen werden. FAZ.NET unterhielt sich mit Ed Yardeni, dem Chief Investment Strategist der Prudential Equity Group in New York. Er gibt gibt sich trotz denkbarer Probleme optimistisch und prognostiziert weitere Kursgewinne.

Nach deutlichen Gewinnen in den Vormonaten neigen die Börsen in jüngster Zeit zu Kursverlusten. Wie schätzen Sie die aktuelle Situation ein?

Die Märkte waren schon länger überfällig für eine Korrektur. Die Anleger machen sich nach Madrid Sorgen über den Terrorismus. Es gibt auch eine gewisse Unsicherheit im Zusammenhang mit den Präsidentschaftswahlen in Amerika. Die Börsianer würden einen Sieg Bushs vorziehen und sehen nun ein enges Kopf-an-Kopf-Rennen. Der hohe Ölpreis ist eine Art von Sondersteuer für den amerikanischen Konsumenten. Viele fragen sich auch, wann die amerikanische Notenbank mit Zinserhöhungen beginnen und wie sich die Diskussion über Outsourcing und Protektionismus fortsetzen wird. Manche fürchten auch, das Wachstum in China werde sich abschwächen.

Aber es gibt sicherlich nicht nur negative Argumente?

Nein, die gute Nachricht ist, daß wir weltweit einen synchronen Aufschwung haben. Er wird vor allem von Amerika und Asien angeführt und dürfte nach meiner Einschätzung nachhaltig sein. Das zeigt sich alleine schon an der Entwicklung der Rohstoffpreise. Die Unternehmensgewinne dürften sich weiterhin positiv entwickeln und die Börsen weiter nach oben bringen.

Welche Branchen könnten davon am meisten profitieren?

Das sind vor allem die Rohstoffunternehmen, die Energieversorger, die Industrieunternehmen und auch die Technologiebranche.

Bei der Versorgung mit Rohstoffen scheint es schon zu Engpässen zu kommen. Gefährden sie nicht das optimistische Szenario?

Engpässe könnten das Wachstum etwas abbremsen und den Druck von den Preisen nehmen. Gleichzeitig sind die Rohstoffmärkte sehr anpassungsfähig. Ich denke nicht, daß diese Effekte die wirtschaftliche Erholung zum Entgleisen bringen werden. Die zunehmende Nachfrage dürfte zu massiven Investitionen in diesem Bereich führen.

Die amerikanische Konjunktur wird getrieben von „Einmaleffekten“: Steuersenkungen, tiefen Zinsen, öffentlichen Ausgaben. Was wird passieren, wenn diese Effekte auslaufen?

Wenn sie unterstellen, daß die Zinsen steigen werden und die Steuern erhöht werden, dann könnte es problematisch werden. Ich unterstelle dagegen, daß Präsident Bush wiedergewählt wird, daß die Steuersenkungen dauerhaft sein werden und daß der Notenbankchef ein vorteilhaftes Zinsumfeld schaffen wird. Der Leitzins dürfte sicherlich in den kommenden Monaten auf zwei Prozent steigen. Aber deswegen geht die Welt nicht unter.

Was denken Sie über die makroökonomischen Ungleichgewichte wie das Budgetdefizit, das Leistungsbilanzdefizit und die Entwicklungen am Devisenmarkt?

Es gab die Ängste, daß der Dollar kollabieren könnte. Dabei hat der das schon längst getan und nichts ist passiert. Im Gegenteil, er stimuliert die amerikanische Wirtschaft zusätzlich und in den „Hartwährungsländern“ werden die Effekte steigender Rohstoffpreise gedämpft. Niemand bezweifelt das hohe Budgetdefizit, aber es hat die Wirtschaft in Schwung gebracht. So gesehen waren die meisten dieser Ungleichgewichte positive für die Weltwirtschaft. Ich sage nicht, daß wir diese Defizite längerfristig aufrechterhalten können. Wir zwingen jedoch die Japaner nicht, unsere Staatsanleihen zu kaufen.

Die Rekordinterventionen der Japaner haben dazu beigetragen, das Leistungsbilanzdefizit Amerikas aufrecht zu erhalten. Allerdings dürften sie nicht ewig in dieser Dimension machbar sein. Ist auch das kein Problem?

Es sind nicht nur die asiatischen Zentralbanken, die amerikanische Treasuries kaufen. Es gibt auch eine starke Nachfrage aus anderen Ländern. Unter anderem aus Europa nach Unternehmensanleihen. Die Leistungsbilanz ist nur eine Zusammenfassung der wirtschaftlichen und finanziellen Aktivitäten. Es nur eine Frage, mit welchen Strömen, Wechselkursen, Zinssätzen, Inflationsraten et cetera sie ausgeglichen wird.

Die Sparquote in Amerika ist zu gering, in Europa ist sie zu hoch ...

... wir Amerikaner warten schon lange darauf, daß die Europäer endlich anfangen zu konsumieren. Allerdings fehlt dort das dafür notwendige Vertrauen, da die Arbeitslosigkeit zu hoch ist. Wofür wiederum verkrustete, unflexible Arbeitsmärkte verantwortlich sind. Bleibt zu hoffen, daß es bald genügend chinesische Konsumenten geben wird

Gibt es nicht eine zeitliche Lücke, zwischen dem nötigen Konsum und jenem Zeitpunkt, an dem die Chinesen genügend Geld haben werden, um es auszugeben?

Wir brauchen nicht 1,3 Milliarden Chinesen, die konsumieren wie Yuppies. Es genügt schon, wenn 100 oder 200 Millionen etwas kräftiger als bisher einkaufen. Und die Leistungsbilanz Chinas ist weitgehend im Gleichgewicht, was darauf hindeutet, daß kräftig im Ausland eingekauft wird. Insgesamt bin ich schon länger im Geschäft, habe immer wieder von Ungleichgewichten gehört. Aber bisher kam es nie zu ernsthaften Schwierigkeiten.

Wie sieht es aber aus mit dem Arbeitsmarkt?

Nach meiner Meinung hat die Statistik Schwierigkeiten, gerade die Beschäftigungssituation bei kleineren Unternehmen zu erfassen. Sie unterschätzt die wahre Beschäftigungssituation.

Wo sehen sie die Börse und den Rentenmarkt Ende des Jahres?

Der S&P 500 wird zum Ende des laufenden Jahres bei 1.300 Punkten liegen und bei 1.440 Zählern im kommenden Jahr. Die Rendite wird höher sein als jetzt, denn sie findet ihr Tief, wenn die Notenbank die Zinsen erhöht.

Wann wird sie das tun?

Ich denke die deflationären Gefahren haben sich verflüchtigt, die Preise werden leicht steigen und die Fed wird in der zweiten Jahreshälfte trotz der anstehenden Wahlen den Leitzins um 0,25 Prozentpunkte erhöhen. Auf Sicht von 15 bis 18 Monaten wird der Leitzins bei zwei Prozent liegen. Um die Märkte nicht zu verunsichern, wird sie kommunizieren, die Zinsen nur nach und nach zu erhöhen.

Das Gespräch führte Christof Leisinger

Quelle: @cri
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