Zum fünfjährigen Geburtstag des Neuen Marktes wird viel über die Enttäuschungen, Betrug und mangelnde Sanktionsmöglichkeiten für das ehemalige Star-Segment der Deutschen Börse diskutiert. Aber trotz aller Kritik sieht Professor Wolfgang Gerke von der Universität Nürnberg-Erlangen, das Segment keineswegs am Ende. Im FAZ.NET Interview erklärt der Finanzmarktexperte, was er dem Neuen Markt noch zutraut. Lesen Sie auch im zweiten Teil des Interviews, warum Anleger nicht auf die testierten Berichte der Wirtschaftsprüfer bauen sollten und wie sie sich vor großen Kursverlusten schützen können.
Der Neue Markt in der Krise? Ist er das wirklich - oder ist das, was in den vergangenen Monaten passiert ist, nur ein gesunder „Ausleseprozess“?
Was wir gerade am Neuen Markt sehen ist ein gesunder, aber sehr schmerzhafter Prozess. Sowohl die Anleger als auch die Unternehmen bekommen keine einfache Therapie verabreicht, sondern es ist ein kräftiger Eingriff. Beide Parteien müssen wieder zusammen finden und Vertrauen schaffen. Meiner Meinung nach ist der Neue Markt nach fünf Jahren auf dem Tiefpunkt angelangt, von nun an dürfte es aber wieder aufwärts gehen.
Wenn man die Pleitekandidaten anschaut, die es am Neuen Markt gab, hätten die Börse oder die Emissionsbanken nicht dem einen oder anderen Unternehmen die Zulassung verweigern müssen?
Pleitekandidaten wird es in einem solchen Segment, das auf junge wachsende und innovative Unternehmen ausgerichtet ist, immer geben. Denn den enormen Chancen stehen auch große Risiken gegenüber. Daher können Anleger keine Garantie verlangen. Wenn wir in die USA schauen, dann gibt es an der Nasdaq ebenfalls sehr viele Ausfälle. Wir sehen allerdings immer nur die Ciscos oder die Erfolgsgeschichten im Stil von Bill Gates. Die Gesellschaften mit einem gebrochen Genick an der Nasdaq, die sehen wir hier nicht.
Müssen die Vorschriften für den Neuen Markt verschärft werden, damit es künftig weniger Betrugsfälle gibt?
Die Auflagen, die am Neuen Markt gemacht wurden, waren eigentlich gar nicht so schlecht, auch was die Transparenz und die Art der Bilanzierung angeht. Man kann also nicht sagen, dass am Neuen Markt zu niedrige Maßstäbe gesetzt worden. Aber die Unternehmen sind das Problem. Bei den Geschäftsgründungen mit den teilweise sehr fantasievollen Business-Plänen, hat der eine oder andere Manager durchaus auch überzogen. Einige Gründer haben sich selbst bereichert, haben Insidergeschäfte betrieben und die Anlegerschaft mit falschen Informationen betrogen. Dies ist mit allen Mitteln zu unterbinden. Der Gesetzgeber hat ja auch die Konsequenz daraus gezogen und das Bundesaufsichtsamt für den Wertpapierhandel in dem anstehenden vierten Finanzmarktförderungsgesetz gestärkt. Ich halte dies für einen ganz wichtigen Schritt. Die Devise am Neuen Markt muss lauten: Hohe Chancen bei hohen Risiken - ja, aber Betrugsrisiko - nein.
Sind diese Betrugsfälle typisch für den Neuen Markt? Hat sich dort etwa eine Unternehmenskultur frei von jeder Moral entwickelt?
Der boomende Neue Markt hat diese Betrugsfälle begünstigt. Dies ist aber leider eine menschliche Eigenschaft. Wenn sich die Chance bietet, verstoßen Menschen auch gelegentlich gegen diese Gesetze. Das können wir in der Politik feststellen, wahrscheinlich sogar durch alle Parteien hindurch, und auch bei den Unternehmen. Dieses muss allerdings strengstens geahndet und unterbunden werden. Aber man wird nie sicher sein können, dass es keinen Betrug mehr gibt. Dies passiert ja auch in Großunternehmen, wenn man sich nur einmal Enron anschaut. Die Gesellschaft war alles andere als ein Unternehmen der New Economy, und dennoch wurde der Anleger im ganz großen Stil betrogen.
Der Rückblick auf die fünf Jahre des Neuen Markts wird derzeit von den Enttäuschungen dominiert. Aber es war ja nicht alles schlecht in dieser Zeit.
Der Neue Markt hat gerade in seinen Erfolgsjahren einen wahren Ruck durch die Wirtschaft, teilweise ja sogar durch die Bevölkerung, ausgelöst. Die Anleger haben sich für eine ganz neue Form der Unternehmensfinanzierung interessiert. Der Privatanleger wäre früher nicht bereit gewesen, jungen Unternehmen, die noch keine lange Geschichte vorweisen, zu finanzieren. Der Neue Markt hat außerdem zahlreiche neue Arbeitsplätze geschaffen. Dies sind alles extrem erfolgreiche Entwicklungen gewesen. Denen stand der scharfe Einbruch gegenüber. Ich halte beide Bewegungen für scharfe Übertreibungen. Wir werden in Zukunft auch wieder eine selektive Hausse bekommen. Es gibt genug gute Unternehmen am Markt, die sich behaupten und neue werden hinzu kommen.
Also sehen Sie durchaus noch weitere Chancen für den Neuen Markt?
Ich bin sehr optimistisch, dass der Neue Markt weiter existieren wird und auch einen zweiten Frühling bekommen wird. Sicherlich nicht mit der vergangenen Euphorie und Übertreibung und das ist auch gut so. Wir werden viele Unternehmen am Neuen Markt verschwinden sehen, aber es werden auch hervorragende neue kommen. Es findet derzeit eine strenge Selektion statt. Ohne den Neuen Markt funktioniert der darunter liegende Venture-Capital-Markt nicht. Und dieser ist gerade für den gesamtwirtschaftlichen Wettbewerb, für die Neugründungen von Unternehmen, Marktchancen für junge Erfinder unwahrscheinlich wichtig. Daher setze ich darauf, dass der Neue Markt langfristig wieder an Attraktivität gewinnen wird.