16.06.2002 · Auch in den USA gibt es ein Rentenproblem, allerdings mit Bezug auf die Börsen. Das sagt Thornton Parker im Gespräch mit FAZ.NET.
Nicht nur in Deutschland gibt es ein Rentenproblem, sondern auch in den USA. Allerdings eines der etwas anderen Art. Denn dort sorgen zwar relativ viele Arbeitnehmer auch privat vor, indem sie Aktien kaufen. Aber genau das könnte unter Umständen später zu unerwarteten Komplikationen führen, wenn sie verkaufen und die Ersparnisse konsumieren wollen.
FAZ.NET unterhielt sich mit Thornton Parker, der sich als unabhängiger Berater mit der Thematik beschäftigte. In seinem Buch „What If Boomers Can't Retire?“ fasst er seine kritischen Argumente zusammen.
Viele amerikanischen Arbeitnehmer sorgen privat mit dem Kauf von Aktien für ihre Alter vor. Ist das jetzt nicht kritisch, da die Kurse so stark fallen?
Ich sehe vor allem längerfristige Probleme. Die Hälfte der öffentlich gehandelten Aktien werden in Rentenvorsorgekonten gehalten. Diese Papiere schütten kaum Dividenden aus, sie werden vor allem in der Hoffnung auf steigende Kurse gekauft. Dabei sind sie zunächst nur „Papiergeld“. Irgendwann müssen diese Aktien wieder verkauft werden, um damit die Renten bezahlen zu können. Dann könnten sie allerdings auf eine relativ schwache Nachfrage treffen, die zu geringeren Aktienkursen führt, als Viele jetzt denken.
Wie lässt sich das erklären?
Ähnlich wie in anderen Staaten auch, gibt es in den USA die Generation der „Baby Boomer“. Das sind die geburtenstarke Jahrgänge der heute 40 bis 50-jährigen, die sich in allen Bereichen des Wirtschaftslebens bemerkbar machen. Sie heizen den Konsum an, kaufen viele Autos und führen momentan nahe am Höhepunkt ihres Lebenseinkommens zu einem wahren Boom am US-Immobilienmarkt. Sie sorgen damit für vielfältige Ungleichgewichte.
Gilt das auch für die Börse?
Ja, sie kaufen auch viele Aktien für ihre Altersvorsorge und haben damit die Preise nach oben getrieben. Aber schließlich müssen sie irgendwann wieder verkauft werden. Wenn beispielsweise alle Aktiensparer, die älter als 56 Jahre sind, beginnen, ihre Papiere zu verkaufen, dann wird die nächstjüngere Generation als Käufer da sein. Auf Grund der Bevölkerungsstruktur wird die allerdings immer kleiner werden. Zumindest von ihrer Kaufkraft her.
Das heißt, die Preise fallen?
Ja, die nachfolgende Generation wird zwar die Aktien kaufen. Aber zu beträchtlich tieferen Kursen, als die Verkäufer erwartet haben dürften.
Lässt sich dieser Alterungsprozess in Zahlen ausdrücken?
Im Jahr 2030 werden 1,5 Arbeitnehmer auf jeden treffen, der älter als 56 Jahre ist. Die Sparquote der Jüngeren ist das, was den Älteren zur Verfügung steht, sei es über die gesetzliche Rentenversicherung oder den „Austausch“ der Aktien. Das dürfte nicht gerade viel sein. Im Jahr 2010 ist das Verhältnis 2,5 zu eins. Das ist gerade einmal acht Jahre entfernt - und keine Generationen. Die Frage dürfte sein, wann die Leute das realisieren und beispielsweise von Aktien in Anleihen umschichten.
Ist der Aktienmarkt nicht so breit und so fundiert, dass er diesen Effekt ertragen könnte?
Das Geld der Anleger geht zunächst an Finanzintermediäre. Die sind gesetzlich verpflichtet, das ihnen anvertraute Geld in liquide Werte anzulegen. Es kommen also nur relativ wenige Unternehmen in Frage, die gleichzeitig hochspezialisiert und hochrationalisiert sind und ihre Gewinne bis auf das Letzte - zum Teil auch künstlich - aufgebläht haben. Es gibt praktisch keine Möglichkeit, das Geld zu jenen Unternehmen zu bringen, die wirkliche Werte und Jobs schaffen. Denn das sind die kleineren Unternehmen. Die Frage ist, was passiert, wenn das Ganze gewissermaßen im Rückwärtsgang abläuft.
Was wird denn ihrer Meinung nach passieren?
Es könnte eine Depression geben. Ich sage die keineswegs voraus, aber wenn meine Überlegungen stimmen, ist es eine denkbare Konsequenz. Es könnten so viele Änderungen notwendig werden im System, Unternehmen müssten sich so stark ändern, ihre Gewinne könnten so stark zurückkommen, dass sich viele von den Werten, auf die die Leute heute rechnen, einfach in Luft auflösen. Gleichzeitig dürften zu diesem Zeitpunkt dann auch andere Staaten weltweit mit ähnlichen Problemen zu tun haben. Sie haben eine zum Teil viel dramatischere Altersstruktur.
Was müsste sich ändern, wie könnte man dem entgehen?
Das erste, wäre eine realistischere Bewertung der Zukunftswerte der Rentenportfolios. Denn viele Leute machen sich Illusionen und planen viel zu optimistisch.
Was kann der Einzelne tun, um sich abzusichern?
Er müsste einfach realistisch sein und in erster Linie den Kapitalerhalt im Auge haben und nicht die Kapitalvermehrung um jeden Preis. Das kann eine Anlage in jeder Art von sicheren Zinspapieren sein, in Aktien, die hohe Dividenden ausschütten, Tantiemen oder Ähnlichem. Die Anlage sollte einfach schon während der Laufzeit Erträge abwerfen und zu einem großen Teil unabhängig von den Turbulenzen des Marktes sein.
Lässt sich das Dilemma generell lösen?
Da sehe ich ein Problem. Denn die Leute wollen die Situation einfach nicht wahrnehmen. Dazu kommt der Wahlzyklus. Welcher Politiker will schon die schlechte Botschaft überbringen, dass die Erspanisse gefährdet sind, wenn er gewählt werden will? Wer das tut, der wird doch zumindest virtuell erschossen - und nicht gewählt.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.339,94 | +0,38% |
| FAZ-INDEX | 1.377,69 | −0,11% |
| TecDAX | 752,47 | +0,08% |
| MDAX | 10.196,40 | −0,34% |
| SDAX | 4.817,28 | +0,29% |
| REX | 434,70 | −0,15% |
| Eurostoxx 50 | 2.161,87 | +0,25% |
| F.A.Z. EURO | 69,61 | +0,13% |
| Dow Jones | 12.454,80 | −0,60% |
| Nasdaq 100 | 2.527,05 | −0,17% |
| S&P500 | 1.317,82 | −0,22% |
| Nikkei225 | 8.580,39 | +0,20% |
| EUR/USD | 1,2515 | −0,14% |
| Rohöl Brent Crude | 106,90 $ | +0,14% |
| Gold | 1.569,50 $ | +0,06% |
| Bund Future | 144,35 € | +0,25% |