26.01.2009 · Die Finanz- und Wirtschaftskrise wird immer schlimmer. Aus dem Konjunkturabsturz entwickelt sich zusehends eine Bereinigungskrise. Die Gefahr, dass es zu einem Handelskrieg kommt, nimmt zu.
Von Benedikt FehrDie Finanz- und Wirtschaftskrise wird immer schlimmer. Aus dem Konjunkturabsturz entwickelt sich zusehends eine Bereinigungskrise. Das schürt protektionistische Reaktionen. Gleichzeitig nehmen die Sorgen zu, dass die Staaten durch ihre Maßnahmen zur Rettung des Finanzsystems selbst in den Abgrund gezogen werden könnten.
Und die Hiobsbotschaften aus der Finanzindustrie reißen nicht ab. Einige Beispiele: Die belgische Fortis-Bank meldet einen Verlust von 19 Milliarden Euro, der amerikanische Hypothekenfinanzierer Freddie Mac benötigt offenbar weitere 35 Milliarden Dollar. In Deutschland wird über ein zusätzliches Rettungspaket in dreistelliger Milliardenhöhe diskutiert. Auch bei den Versicherungskonzernen werden inzwischen Verluste in Milliardenhöhe befürchtet, da viele von ihnen in großem Stil in strukturierten Wertpapieren und Unternehmens- und Staatsanleihen engagiert sind, die großer Wertberichtigungen bedürfen.
Die Anleger haben darauf heftig reagiert. So hat der Stoxx-Index für europäische Versichereraktien allein in der vergangenen Woche 14,5 Prozent verloren, der Branchenindex für die Banken 13,4 Prozent. Der Aktienindex Stoxx 50 für die größten Aktien in Europa fiel am Freitag zeitweilig auf 1850 Punkte. Das war niedriger als auf dem Tiefpunkt im März 2003 nach dem Platzen der Internet-Blase (1904 Punkte); so tief lag dieser Index zuletzt Ende 1996.
Banken, Autos, Chips im Niedergang
Im Bankgewerbe hat die Krise bereits zu einer Bereinigung der Landschaft geführt, sei es durch Pleiten, sei es durch Übernahmen. Weitere Fusionen und Übernahmen, zum Beispiel bei den deutschen Landesbanken, sind nur eine Frage der Zeit. Die Folge ist ein Abbau von Kapazitäten - und von Arbeitsplätzen, was die Konjunktur zusätzlich belasten wird. Auch in der Autoindustrie gibt es große Überkapazitäten; Fachleute sprechen von mindestens 25 Prozent allein in Westeuropa. Ähnliches gilt für die Hersteller von Speicherchips; das hat Qimonda nun in die Insolvenz getrieben. Große Überkapazitäten gibt es in vielen Metropolen zum Beispiel auch bei Bürogebäuden. Alles dies wird für Banken und Versicherer auf weitere Einbußen hinauslaufen.
Auch die exportstarken Schwellenländer in Asien sind inzwischen vom Konjunktureinbruch voll erfasst. Die chinesische Wirtschaftsleistung ist im vierten Quartal nur noch mit einer Jahresrate von 6,8 Prozent gewachsen, so langsam wie seit sieben Jahren nicht mehr. In Japan ist der Export im Dezember gegenüber dem Vorjahr um 35 Prozent eingebrochen. In Korea ist die Wirtschaftsleistung vom dritten auf das vierte Quartal um 5,6 Prozent geschrumpft; aufs Jahr gerechnet sind das mehr als 20 Prozent. Auch in diesen Ländern steht nun eine Bereinigung von Überkapazitäten an, und damit Arbeitsplatzabbau und der Ausfall von Krediten.
Prompt nehmen die internationalen Spannungen zu. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit hat der neue amerikanische Präsident Barack Obama den Ton verschärft: Er ließ den designierten Finanzminister Timothy Geithner seine Einschätzung kundtun, dass China den Wechselkurs seiner Währung manipuliere, um sich dadurch auf unfaire Art Vorteile für seine Exportwirtschaft zu verschaffen. Das geht zu Lasten von Arbeitsplätzen in Amerika und anderen Ländern. Eine offizielle Einschätzung von China als "Währungsmanipulator" würde Obama eine Rechtfertigung geben, den Handel mit China zu beschränken. Die chinesische Regierung hat den Vorwurf am Wochenende zurückgewiesen und angekündigt, die eigene Währung "stabil" zu halten.
Subventionierung von Schlüsselindustrien
Diese Zusage könnte den Amerikanern aber nicht ausreichen; sie verlangen eine Aufwertung des Yuan zum Dollar. Andere Länder versuchen, sich im Welthandel durch staatliche Subventionierung von Schlüsselindustrien Vorteile zu verschaffen, zum Beispiel der Autoindustrie. Die spanische Regierung wiederum hat an ihre Bürger appelliert, bevorzugt spanische Waren zu kaufen. Es steht zu hoffen, dass dies alles nicht in offenen Protektionismus, in Abwertungswettläufe und einen allgemeinen Handelskrieg eskaliert. Die Folgen wären unabsehbar. Einen Geschmack davon liefert, dass unmittelbar nach den Äußerungen Geithners die Kurse amerikanischer Staatsanleihen unter Druck gerieten. Denn manche Anleger befürchteten, dass die chinesische Regierung im Falle eines Konflikts ihre Ankäufe amerikanischer Anleihen verringern, wenn nicht gar ihre milliardenschweren Bestände an solchen Papieren auflösen könnte.
Dabei benötigt die amerikanische Regierung derzeit mehr ausländisches Kapital denn je. Schließlich will sie zur Ankurbelung der Konjunktur und Rettung der Banken im laufenden Haushaltsjahr mindestens 2000 Milliarden Dollar Schulden aufnehmen. Aufgrund solcher Sorgen ist die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen im Wochenvergleich von 2,32 auf 2,62 Prozent gesprungen.
Große Verluste für Bundesanleihen
Auch in Europa nehmen die Sorgen über den enormen Finanzierungsbedarf der Staaten zu. Das hat die Rendite der zehnjährigen Bundesanleihe im Wochenvergleich um deftige 31 Basispunkte auf 3,24 Prozent nach oben schnellen lassen. Der Kurs der Anleihe fiel von 106,99 auf 104,30 Prozent; nach Angaben von Bloomberg war das die größte Wocheneinbuße in zehn Jahren. Da die Rendite der Bundesanleihen die Richtschnur für den europäischen Anleihemarkt ist, verschiebt sich mit ihrem Anstieg das Zinsniveau allgemein nach oben.
Obendrein müssen viele schwache Schuldner wegen der allgemeinen Unsicherheit erhöhte Risikoprämien zahlen. Manches Unternehmen könnte diese erhöhte Kostenbelastung in die Insolvenz treiben. Die Ratingagentur Moody's erwartet, dass in diesem Jahr in Europa neunmal mehr Unternehmen pleitegehen werden als 2008. Gleichzeitig mehren sich Sorgen, dass auch Staaten insolvent werden könnten. Selbst der deutsche Staat ist manchem Anleger nicht mehr über alle Zweifel erhaben. Lag die Risikoprämie für die Versicherung von Bundesanleihen vor der Krise zwischen 1,5 und 7 Basispunkten jährlich, so betrug sie am Freitag 63,9 Basispunkte, ein Rekordhoch.
Vor diesem Hintergrund ist die Nachfrage nach Gold gestiegen. Eine Unze kostete am Ende einer turbulenten Woche rund 900 Dollar. Das waren fast 7 Prozent mehr als sieben Tage zuvor.
| Name | Kurs | Prozent |
|---|---|---|
| DAX | 6.848,03 | +1,42% |
| FAZ-INDEX | 1.526,72 | +1,43% |
| TecDAX | 778,36 | +0,73% |
| MDAX | 10.441,40 | +1,41% |
| SDAX | 5.048,27 | +1,17% |
| REX | 422,26 | −0,26% |
| Eurostoxx 50 | 2.520,31 | +1,24% |
| F.A.Z. EURO INDEX | 81,56 | +1,37% |
| Dow Jones | 12.953,30 | +0,38% |
| Nasdaq 100 | 2.583,87 | −0,32% |
| S&P500 | 1.358,04 | +1,10% |
| Nikkei225 | 9.384,17 | +1,58% |
| EUR/USD | 1,3165 | +0,28% |
| Rohöl Brent Crude | 119,56 $ | −0,41% |
| Gold | 1.713,00 $ | 0,00% |
| Bund Future | 138,44 € | −0,20% |