Die Erleichterung der Marktakteure über das nahe Ende der Rezession lässt sich beinahe mit Händen greifen. Von den Zahlen zum deutschen Export bis zum Arbeitsmarkt in Amerika nähren Konjunkturdaten aus vielen Teilen der Welt die Hoffnung, dass die schwerste Wirtschafts- und Finanzkrise seit Jahrzehnten nun vielleicht doch bald vorüber sein wird.
Die Freude darüber lässt sich an vielen Kurstafeln ablesen: Der Dow Jones, Amerikas führendes Börsenbarometer, hat sich von rund 8150 Punkten vor einem Monat auf 9370 Punkte geschwungen, ein Zuwachs von stattlichen 15 Prozent und das höchste Niveau seit November vergangenen Jahres. Die Aktien im Deutschen Aktienindex Dax sind inzwischen sogar durchschnittlich 19 Prozent höher bewertet als vor vier Wochen und so teuer wie nie in diesem Jahr, und auch der Nikkei-225 der Börse Tokio hat ein Plus von rund 15 Prozent verbucht.
Finanzaktien top, Konsumaktien mit Vorsicht zu genießen
Marktstrategen haben längst damit begonnen, sich nach jenen Unternehmen umzusehen, die in der frühen Phase eines Aufschwungs am schnellsten profitieren. Vor allem die Aktien von kleineren Banken und Versicherern, aber auch jene von einigen Technologieunternehmen erscheinen auf den Empfehlungslisten. Anleger, die vor einigen Wochen auf Finanzaktien gesetzt haben, sind für ihren Mut schon belohnt worden. Zur Vorsicht mahnen viele Analysten noch mit Blick auf die führenden Konsumaktien, denn deren Kurse werden wohl erst dann steigen, wenn der Aufschwung den Arbeitsmarkt erreicht und die Kaufkraft der Verbraucher wächst. Und es gibt natürlich auch jene Börsianer, die dem Braten nicht trauen und einen Kursrückschlag von 10 Prozent oder mehr für die nahe Zukunft voraussagen.
Unter der steigenden Nachfrage nach Aktien leiden freilich die Kurse festverzinslicher Wertpapiere. Die Anleihen des amerikanischen Finanzministeriums mit zehn Jahren Laufzeit werfen mittlerweile 3,86 Prozent ab, gut 50 Basispunkte mehr als vor vier Wochen. Darin spiegelt sich natürlich auch die Erwartung der Investoren, dass die kurzfristigen Notenbankzinsen nicht ewig auf ihren historisch niedrigen Niveaus verharren werden. Die Währungshüter geben sich derweil alle Mühe den Marktakteuren zu versichern, dass von einer echten Straffung der Geldpolitik keine Rede sein kann.
EZB sieht noch keinen Handlungsbedarf beim Thema Inflation
Jean-Claude Trichet, der Präsident der Europäischen Zentralbank, hat im Anschluss an die Sitzung des geldpolitischen Rates am Donnerstag zwar keinen Zweifel daran gelassen, dass die überschüssige Liquidität irgendwann wieder aufgesaugt werden muss, damit es nicht zu einer unerwünschten Beschleunigung der Inflation im Euro-Raum komme. Dringenden Handlungsbedarf sieht Trichet nicht, denn seiner Ansicht nach verlangsamt sich nur der Abschwung, ein Aufschwung hat noch nicht eingesetzt.
Zweifel an der Dauerhaftigkeit der jüngsten Konjunkturaufhellung haben sogar die britischen Währungshüter. Der geldpolitische Rat der Bank of England hat beschlossen, die „quantitative Lockerung“ der Geldpolitik in Form von Anleihekäufen im Volumen von 125 Milliarden Pfund auf 175 Milliarden Pfund auszuweiten. Zu den größten Sorgen der Notenbanker um den Vorsitzenden Mervyn King zählt der Umstand, dass die Kreditvergabe der Geschäftsbanken an Unternehmen und Haushalte auf der Insel trotz der niedrigen Zinsen bisher nicht in Gang gekommen ist.
Auf dem Markt für britische Staatsanleihen hat die Aussicht auf zusätzliche Nachfrage seitens der „Grand Old Lady“ zu steigenden Kursen und einem Rutsch der Renditen geführt. Die maßgebliche Anleihe des britischen Schatzamtes mit zehn Jahren Laufzeit wirft rund 0,2 Prozentpunkte weniger ab als vor der Ankündigung. In dieser Woche nun wird die Bank von England ihre neue Inflationsprognose veröffentlichen; vermutlich wird die Teuerung noch eine Weile unterhalb des Zielwertes von 2 Prozent liegen.
Gute Wirtschaftszahlen in Amerika stärken den Dollar
In Washington kommen derweil am Dienstag und Mittwoch die amerikanischen Währungshüter unter Führung Ben Bernankes zu ihren Beratungen zusammen. Es ist ausgemacht, dass der Leitzins auf seinem Niveau von 0 bis 0,25 Prozent belassen wird. Doch Fed-Beobachter rechnen damit, dass die Notenbank ihre Käufe langfristiger amerikanischer Staatsanleihen für bis zu 300 Milliarden Dollar wie geplant im September auslaufen lassen wird und dies auch ankündigt. Die direkte Finanzierung eines Teils des Staatshaushalts durch die Notenpresse zielt darauf, die Kapitalmarktzinsen so niedrig wie möglich zu halten und so Unternehmensinvestitionen, aber auch dem Hypothekenmarkt neuen Schwung zu verleihen.
Etwas mehr Zeit können sich Bernanke und seine Kollegen mit einer Entscheidung über die anderen Programme lassen: Die Käufe von hypothekenbesicherten Anleihen im Volumen von bis zu 1,25 Billionen Dollar und von Anleihen staatlicher Unternehmen wie Freddie Mac und Fannie Mae von bis zu 200 Milliarden Dollar laufen planmäßig bis Dezember. Einige Währungshüter, darunter die Fed-Präsidenten aus Chicago und Richmond, Charles Evans und Jeffrey Lacker, haben jüngst geäußert, dass sie keinen Grund sehen, die Bilanz der Fed weiter aufzublähen.
Von Interesse wird für die Marktakteure sein, welche Folgen das Ende der Rezession für das Währungsgefüge hat. Der Dollar stand in den vergangenen Wochen unter Druck, weil mit dem Konjunkturoptimismus auch die Risikobereitschaft vieler Anleger gewachsen und die amerikanische Währung als sicherer Anlagehafen nicht mehr so gefragt ist. Davon haben auch der Euro und das Pfund profitiert. Sollte sich freilich der Eindruck verbreiten, dass sich die amerikanische Wirtschaft schneller erholt als anderswo und folglich der geldpolitische Kurswechsel schneller eingeleitet wird, dann könnte der Dollar jene Kursgewinne ausbauen, die er zum Wochenschluss unter dem Eindruck der überraschend guten Arbeitsmarktdaten erzielt hat. Jene Währungsstrategen, die ihren Blick weiter in die Ferne richten, verweisen auf die hohen Haushaltsdefizite und die hohe Staatsverschuldung der Vereinigten Staaten, die mittel- und langfristig den Dollar belasten könnten.
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