Die Griechen wählen ein neues Parlament, die ganze Welt schaut nach Hellas - darunter Politiker, Zentralbanker und natürlich auch Anleger allerorten. Alle drei Personengruppen haben eins gemein: Es fällt ihnen sehr schwer, mit diesem Ereignis richtig umzugehen. Das liegt erstens daran, dass nicht konkret mit Zahlen zu ermessen ist, was auf das Wahlergebnis wirklich folgt. Außerdem muss zweitens, wie immer an der Börse, jeder Anleger neben einem Ergebnis oder einer Nachricht selbst auch einschätzen, was die anderen darüber denken.
Der britische Ökonom John Maynard Keynes verglich professionelles Investieren deswegen einmal mit einem Schönheitswettbewerb, dessen Teilnehmer aus hundert Lichtbildern die sechs hübschesten wählen müssen und der Preis dann an denjenigen geht, der am nächsten mit der durchschnittlichen Vorliebe der übrigen Teilnehmer übereinstimmt. „Es handelt sich“, schrieb Keynes, „nicht darum, jene auszuwählen, die nach dem eigenen Urteil wirklich die hübschesten sind, ja sogar nicht einmal jene, welche die durchschnittliche Meinung wirklich als die hübscheste betrachtet. Wir haben den dritten Grad erreicht, wo wir unsere Intelligenz der Vorwegnahme dessen widmen, was die durchschnittliche Meinung als das Ergebnis der durchschnittlichen Meinung erwartet.“
Deutschland anstehende Konjunkturdaten im Blickpunkt
Was die Börsenbedeutung der griechischen Parlamentswahl anbelangt, geht es schließlich nicht nur darum, welche Folgen sie in und für Griechenland hat, sondern noch viel mehr um befürchtete Ansteckungseffekte (Contagion) auf die übrigen Euroländer und darüber hinaus. Diese bezeichneten die Analysten der britischen Bank Barclays gerade erst als „buchstäblich unkalkulierbar“, was weniger als Kapitulation vor der Herausforderung zu lesen ist, sondern vielmehr als schlichte Feststellung des Faktischen. Mehrheitlich halten es die professionellen Marktbeobachter indessen für sicher, dass Griechenland nicht sehr zeitnah und unkontrolliert aus dem Euro austreten wird.
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So, wie die Börsianer versuchen werden, sich einen Reim auf das Abstimmungsverhalten der Griechen zu machen, werden das auch die Regierungschefs der zwanzig führenden Industrie- und Schwellenländer tun, die zu Wochenbeginn in Mexiko zusammenkommen. Was sie dort besprechen und beschließen, werden wiederum die Anleger genau verfolgen. Dass sie das tun, wissen natürlich die dort beratenden Politiker - auch in diesem Fall dürfte das Denken der anderen also eine wesentliche Rolle spielen. Neben dem G-20-Gipfel steht dann am Freitag ein Treffen der G 4 des Euroraums - Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien - auf dem Programm, das den EU-Gipfel am Ende des Monats mit vorbereiten soll.
Die gesamte Handelswoche wird deswegen von der Politik rund um die Euro-Krise dominiert sein. Darin eingebettet werden auch die in Deutschland anstehenden Konjunkturdaten zu lesen sein: Am Dienstag kommt der ZEW-Indikator heraus, der die Meinung von Marktteilnehmern über die Wirtschaftsaussichten spiegelt. Am Donnerstag folgen die vorläufigen Einkaufsmanagerindizes für das verarbeitende Gewerbe und den Dienstleistungsbereich (diese Zahlen werden ungefähr zur gleichen Zeit auch für den Euroraum bekanntgegeben) und am Freitag dann der Ifo-Geschäftsklimaindex. Dass Deutschlands Volkswirtschaft nicht immun ist gegenüber der vielerorts schwachen Wirtschaftsentwicklung in seinen europäischen Partnerländern, hat sich bereits in den letzten entsprechenden Daten gezeigt. Anleger werden diese Zahlen genau analysieren. Bedeutend wird für sie darüber hinaus auch sein, wie gut es Spanien gelingt, sich neuen Kredit zu beschaffen. Das Land, das gerade Hilfe von außen für seine Banken verlangte, plant am Mittwoch neue Schatzwechsel und am Donnerstag neue Anleihen im mittleren Laufzeitenbereich zu emittieren.
Schließlich treffen sich in dieser Woche auch die Direktoren der amerikanischen Notenbank Federal Reserve, um über die Leitzinsen in der größten Volkswirtschaft der Welt zu entscheiden. Das Treffen ist von besonderem Interesse, da nach einigen zuletzt enttäuschenden Wirtschaftsdaten in Amerika eine weitere geldpolitische Lockerungsrunde („QE3“) wieder für wahrscheinlicher gehalten wird. Von Bankvolkswirten wird in dieser Hinsicht die Erwartung geäußert, dass die Fed die in diesem Monat eigentlich auslaufende „Operation Twist“, also den Kauf amerikanischer Staatsanleihen mit langer Laufzeit und den gleichzeitigen Verkauf von Titeln mit kurzer Fristigkeit, zunächst fortsetzen könnte. Infolge des bisher vollzogenen Anleihetauschprogramms hält die Fed nach Angaben der Helaba nun Anleihen im Laufzeitenbereich von mehr als fünf Jahren im Volumen von gut 1 Billion Dollar auf ihrer Bilanz, vor Programmbeginn waren es rund 800 Milliarden Dollar gewesen.
Schere, Stein oder Papier
Alois Mantler (louisms)
- 17.06.2012, 23:31 Uhr