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Internationale Aktienbörsen Aktienbörsen profitieren von Geldschwemme

16.02.2012 ·  Mit immer mehr Geld wollen die Notenbanken die Lage stabilisieren. Über Umwege kommt ein Teil der Liquidität bei den Börsen an und treibt die Kurse.

Von Carsten Germis, Norbert Kuls, Stefan Ruhkamp und Bettina Schulz, Frankfurt
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„Viel hilft viel“, lautet ein von Ärzten gern verwendeter Kalauer, wenn es um die Dosierung von Medikamenten geht. Ein ähnliches Motto hat sich in den vergangenen Jahren unter den Notenbanken in aller Welt verbreitet. Mit einer immer größeren Steigerung der Geldmenge versuchen sie eine deflationäre Abwärtsspirale zu vermeiden. Doch das viele Geld hat Nebenwirkungen - unerwünschte, weil langfristig Inflation drohen könnte, aber auch erfreuliche. Denn die Geldschwemme hat auf den Märkten für Aktien und Anleihen den Kursauftrieb begünstigt.

Vergleichsweise zurückhaltend hat bis vor wenigen Monaten die Europäische Zentralbank (EZB) agiert - zumindest nach eigener Darstellung. Anders als etwa die amerikanische Fed hielt die EZB ihre Käufe von Staatsanleihen in Grenzen. Zudem versucht sie damit nicht die Geldmenge auszuweiten, was im Fachjargon als Quantitative Easing oder kurz QE bezeichnet wird. Inzwischen hat die EZB jedoch ihre eigene Form von QE entwickelt. Im vergangenen November, als die Verzweiflung auf den Finanzmärkten besonders groß war, stellte sie den Banken neue Nothilfen in Aussicht und machte diese im Dezember öffentlich. Es folgten eine Lockerung der Anforderungen an die Sicherheiten und die Bereitstellung von Liquidität mit der extrem langen Laufzeit von drei Jahren. Die Banken griffen zu und liehen sich den Rekordwert von 489 Milliarden Euro. Das verschaffte ihnen Luft und trug zur Hausse an den Aktienmärkten bei.

Verbraucher tragen den Löwenanteil zum Wachstum bei

Dabei wirkte der Geldfluss zunächst auf dem Anleihemarkt. Ein Teil der Banken nutzte die von der EZB zu sehr günstigen Konditionen bereitgestellte Liquidität, um hochverzinste Anleihen finanzschwacher Euroländer zu kaufen. Dadurch sanken für diese Staaten die Finanzierungskosten. Im Vergleich zum Krisenhöhepunkt sind für Länder wie Italien, Spanien und Frankreich die Risikoprämien um 1 bis 1,5 Prozentpunkte gesunken. Das verringerte die größten Ängste vor einer unkontrollierbaren Zuspitzung der Schuldenkrise und zugleich das Risiko von Bankenkrise und wirtschaftlicher Depression. Zugleich fassten viele Investoren Zuversicht und trauten sich wieder größere Risiken zu. Davon profitierte der Aktienmarkt. Seit November liegen nahezu alle wichtigen Aktienmärkte mit mindestens 5 Prozent im Plus. Für den deutschen Leitindex Dax sind die Zuwächse mit plus 13 Prozent besonders groß.

In Amerika wird der Aktienmarkt schon seit Jahren von der quantitativen Lockerung der Notenbank Fed begünstigt. Um die langfristigen Zinsen niedrig zu halten und das Wirtschaftswachstum anzukurbeln, hatte die Fed in zwei Runden Hypothekenanleihen und Staatspapiere erworben. Das erste Programm begann im November 2008 kurz nach dem Zusammenbruch der Investmentbank Lehman Brothers, was für extreme Verunsicherung an den Finanzmärkten gesorgt hatte. Die Fed erwarb damals Hypothekenpapiere und Staatsanleihen im Wert von gut 1700 Milliarden Dollar. Als die Konjunktur aber weiter schwächelte, legte die Fed von November 2010 bis Ende Juni 2011 ein zweites Lockerungsprogramm auf und kaufte für weitere 600 Milliarden Dollar Staatspapiere.

Notenbankchef Ben Bernanke wollte mit den Ankäufen von Anleihen Investoren bewusst in risikoreichere Anlagen wie Aktien drängen. Steigende Aktienkurse, so die Überlegung, werden Verbraucher optimistisch stimmen und zu steigenden Ausgaben führen. Für die amerikanische Konjunktur ist das besonders wichtig, weil Verbraucher den Löwenanteil zum Wachstum beitragen. Unternehmen, die eine steigende Nachfrage bemerken, dürften dann wieder Mitarbeiter einstellen und investieren.

Aktienkurse seit März 2009 gestiegen

Der Aktienmarkt reagierte wie erhofft auf die Lockerung. Von November 2008 bis Ende März 2010 legte das breit gefasste Aktienmarktbarometer S&P 500 um mehr als 20 Prozent zu. Während des zweiten Lockerungsprogramms, das im Jargon der Wall Street „QE2“ genannt wurde, kletterten die Kurse um 10 Prozent. Seit den Tiefständen im März 2009 hat sich der Wert des S&P 500 nahezu verdoppelt. Im März 2009 hatte die Fed die quantitative Lockerung unter dem Eindruck fallender Kurse forciert.

Die Renditen amerikanischer Staatsanleihen mit einer Laufzeit von zehn Jahren sind seit Beginn der Lockerungsprogramme von rund 4 auf unter 2 Prozent gesunken. Die Nachfrage nach Staatspapieren wurde angesichts der Staatsschuldenkrise in Europa zuletzt aber auch von einer generellen Anlegerflucht in sichere Anlagen getrieben. Obwohl die Aktienkurse in den Vereinigten Staaten seit März 2009 gestiegen sind, ließen die positiven Auswirkungen auf die Konjunktur auf sich warten. Die Arbeitslosenquote ist erst in den vergangenen Monaten wieder unter 9 Prozent gesunken. Einige Anleiheinvestoren wie Bill Gross von der Fondsgesellschaft Pimco wetten daher auf neue Anleihekäufe der Fed, ein QE 3.

Die deflationären Ängste in der Wirtschaft legten sich

In Großbritannien hat das seit März 2009 durchgeführte Programm von Anleihekäufen der Bank von England von mehr als 275 Milliarden Pfund einen deutlichen Effekt auf Anleiherenditen, Geldmengenwachstum, Inflationserwartungen, Wirtschaftswachstum und - schwieriger zu messen - möglicherweise auch auf das Niveau am Aktienmarkt gehabt. Im Herbst 2011 veröffentlichte die Notenbank die Ergebnisse mehrerer Analysen, um die Wirkung ihrer Politik zu unterstreichen. Mittlerweile ist nochmals ein Rahmen von weiteren 50 Milliarden Pfund quantitativer Lockerung hinzugekommen, so dass sich das Gesamtprogramm im Mai 2012 auf 325 Milliarden Pfund belaufen wird.

Die Bank von England gab im November 2011 an, dass die Anleiherendite von britischen Staatsanleihen wegen der quantitativen Lockerung um etwa 100 Basispunkte niedriger liegt, als dies ohne das Notprogramm der Fall gewesen wäre. Das Geldmengenwachstum schnellte auf 8 Prozent in die Höhe, die zuvor deflationären Ängste in der Wirtschaft legten sich und die Wirtschaft erhielt angeblich einen geldpolitisch induzierten Schub, als ob die Bank von England eine Zinssenkung von 150 bis 300 Basispunkten vorgenommen hätte.

Auch exportorientierte Unternehmen legten zu

Nach Angaben der von der Bank von England veröffentlichten Analysen lag die Inflation in Großbritannien um 0,75 bis 1,5 Prozentpunkte höher als ohne die Notmaßnahmen. Das reale Wirtschaftswachstum sei um 1,5 bis 2 Prozent stärker ausgefallen. Das Pfund habe wegen des Programms um etwa 4 Prozent abgewertet. Damit hätte das Programm die britische Wirtschaft gegenüber der jetzigen Stagnation vor einer Rezession oder Deflation bewahrt. Zum Zeitpunkt der Ankündigung im Frühjahr 2009 reagierte der Aktienmarkt zunächst leicht schwächer, erholte sich dann aber um 50 Prozent. Allerdings haben die Aktienmärkte weltweit seit Frühjahr 2009 einen massiven Kursanstieg zurückgelegt.

Die Bank für Internationalen Zahlungsausgleich bezweifelt die von der Bank von England aufgeführten Effekte. Sie glaubt, dass zum Beispiel der Effekt auf die Anleiherenditen mit 25 Basispunkten viel moderater einzustufen ist. Nicht geklärt ist, welchen langfristigen Effekt das deutlich höhere Geldmengenwachstum auf die Inflation haben wird.

An der Börse in Tokio hatte die Entscheidung der Bank von Japan, ihre ohnehin lockere Geldpolitik und ihr Anleihekaufprogramm auszuweiten, in dieser Woche zu hohen Kursgewinnen geführt. Der Nikkei-Index stieg bis auf 9314 Punkte, den höchsten Stand seit Anfang August 2011. Vor allem Finanz-, Versicherungs- und Transportwerte legten deutlich zu. Nach Ansicht von Analysten lassen sich die Kursgewinne aber nicht allein mit der Entscheidung der Notenbank erklären. Auch die Erwartung, dass die Unternehmen im laufenden Quartal nach dem Gewinneinbruch im Vorquartal wieder Gewinne schreiben dürften, habe zu dem Ergebnis beigetragen. Auch exportorientierte Unternehmen legten zu, Sony zum Beispiel oder der Automobilkonzern Toyota. Die Ausweitung der Anleihekaufprogramme habe die Erwartung an den Märkten genährt, dass sich die Gewinnerwartungen der japanischen Unternehmen im laufenden Geschäftsjahr wieder erholten, hieß es unter Analysten.

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