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Veröffentlicht: 05.04.2017, 08:44 Uhr

Aktienmarkt Wiener Börse haussiert – und blutet aus

Die Kurse an der Wiener Börse steigen prächtig. Trotzdem hat der Handelsplatz ein großes Problem. Immer mehr Unternehmen verlassen die Börse. Woran liegt das?

von , Wien
© Reuters Wirtschaftsstandort Wien

Die Aktienkurse in Wien entwickeln sich prächtig, noch besser sogar als in anderen europäischen Ländern. So richtig Feierstimmung will an der Börse dennoch nicht aufkommen, denn sie wird immer unbedeutender. Wie das Österreichische Aktienforum mitteilt, die Interessenvertretung der börsennotierten Unternehmen, ist die Zahl der Gesellschaften in den vergangenen zehn Jahren um sage und schreibe 40 Prozent auf 79 gesunken.

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Zuletzt kündigte im März der Sekthersteller Schlumberger seinen Rückzug nach 31 Jahren an, weil sein Schweizer Mehrheitseigentümer den Rest der Aktien einsammelt. Für Aufsehen sorgte auch die Bekanntgabe des Weltmarktführers von Feuerfestprodukten RHI, sich nach der Fusion mit dem brasilianischen Wettbewerber Magnesita hauptsächlich in London listen zu lassen. RHI ist nicht irgendein Unternehmen, sondern zählt zu den Gründungsmitgliedern des österreichischen Leitindexes ATX, dem es bis heute angehört.

Jeder elfte Arbeitsplatz

In der Baubranche dürfte Conwert nach der Übernahme durch die deutsche Vonovia nach Frankfurt wechseln. Und wenn Immofinanz und CA Immobilien endlich fusionieren, verschwindet ein weiterer Titel; alle drei Wohnkonzerne zählten bisher zum ATX. Solche Marktereignisse sind normal, sie fallen in Wien deshalb so sehr ins Gewicht, weil sie nicht von Neuzugängen ausgeglichen werden. Den letzten größeren Börsengang legte der Flugzeugzulieferer FACC im Juni 2014 hin. Mit mäßigem Erfolg: Der Ausgabepreis betrug 9,50 Euro, derzeit kostet die Aktie nicht einmal 6,80 Euro.

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Nach Ansicht des Aktienforums und der Wirtschaftsverbände liegt der Aderlass zum einen an der ineffizienten und bürokratischen Kapitalmarktregulierung, zum anderen an der Steuergesetzgebung. Eigentlich sollte die jüngste Reform 2016 Steuersenkungen bringen, bei der Kapitalertragsteuer gab es aber eine Anhebung von 25 auf 27,5 Prozent. „Das hatte eine negative Signalwirkung für den heimischen Kapitalmarktstandort“, klagt der Geschäftsführer der Industriellenvereinigung, Christoph Neumayer.

Aktiengesellschaften und Anleger zu vergraulen, halten die Lobbyisten angesichts der wirtschaftlichen Bedeutung dieser Unternehmen für fahrlässig. Einer Studie des Industriewirtschaftlichen Instituts zufolge erbringen die börsennotierten Konzerne 11 Prozent der gesamten österreichischen Produktionsleistung. Jeder elfte Arbeitsplatz hänge von ihnen ab, und sie zahlten jedes Jahr fast 4,7 Milliarden Euro Steuern.

Deutlich stärker als in Westeuropa

Jene Unternehmen und Aktionäre, die der Börse die Stange halten, können derzeit sehr zufrieden sein. An kaum einem anderen Standort entwickeln sich die Kurse besser als in Wien. Seit Jahresbeginn hat der ATX mehr als 8 Prozent hinzugewonnen. Damit musste er sich zwar dem spanischen Ibex geschlagen geben, nicht aber dem Dax, dem Euro Stoxx, dem Dow Jones oder dem MSCI World. Unter diesen Indizes betrugen die Zuwächse bestenfalls 6,5 Prozent.

Mitte Februar hatte der ATX zum ersten Mal seit Juli 2011 die Marke von 2800 Punkten durchbrochen. Wenn es so weitergeht, rücken die 3000 Punkte in greifbare Nähe. Die Raiffeisen Centrobank in Wien sieht dieses Ziel spätestens zum Jahresende erreicht. Getragen wird die positive Entwicklung von den vergleichsweise guten Konjunkturaussichten für Österreich und Europa. Nachdem das Land dem EU-Durchschnitt lange hinterhergelaufen ist, dürfte das Wirtschaftswachstum 2017 wieder 1,7 Prozent erreichen, so viel wie beim großen Nachbarn Deutschland.

Steigerungen im privaten Konsum und in den Investitionen treiben die österreichische Inlandsnachfrage an, und auch der Export nimmt an Fahrt auf. Der Einkaufsmanagerindex hat den höchsten Wert seit sechs Jahren erreicht. Österreich kann punkten, weil seine Unternehmen besonders eng mit Ostmittel- und Südosteuropa verbunden sind. Nach Jahren der Flaute wächst das Bruttoinlandsprodukt dieser Länder wieder deutlich stärker als in Westeuropa.

ATX AUSTRIAN TRADED EUR

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Eine Zeitlang war diese Ausrichtung nach Osten eher Fluch als Segen. Das galt auch für die Zusammensetzung des ATX, den einige wenige Banken-, Rohstoff- und Industriekonzerne dominieren. Das Finanzinstitut Erste Group, die Ölgesellschaft OMV und der Stahlkonzern Voestalpine steuern fast 40 Prozent zu dem Index bei. Doch jetzt, wo diese Wirtschaftszweige wieder besser laufen, wendet sich das Blatt. So empfehlen 14 von 25 Analysten die Aktien der Ersten Group zum Kauf.

Besonders viel Potential wird zudem den Anteilscheinen des Wohnungsbauunternehmens Buwog zugetraut, die zu erwerben alle elf damit betrauten Fachleute raten. Bei der OMV sind sie vorsichtiger, hier raten acht von zwanzig Analysten zum Verkauf. Denn die Öl- und Gaspreise haben sich zwar erholt, aber die Volatilität am Rohstoffmarkt dauert an, und niemand weiß, wie das Geschäft laufen wird, wenn die Amerikaner ihre Schiefergasproduktion wieder hochfahren.

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Der Gewinner im ATX ist der Viskosefaserhersteller Lenzing mit einem Kursanstieg von mehr als 40 Prozent seit Jahresbeginn. Die Flughafen Wien AG, die neu im Index ist, erreicht angesichts guter Geschäftszahlen 26 Prozent. Und das, obgleich ihr ein Gericht gerade den Bau einer dritten Startbahn untersagt hat. Auf Platz drei folgt die Raiffeisen Bank International, deren „Turnaround“ geschafft scheint, vor dem Ziegel-Weltmarktführer Wienerberger und CA Immobilien.

Trotz der Kursanstiege gelten die österreichischen Aktien als vergleichsweise günstig. Das Kurs-Gewinn-Verhältnis im ATX beträgt etwa 13 und liegt damit unter dem von Dax und Euro Stoxx und erst recht unter den amerikanischen Vergleichswerten. Freilich sind die Wiener Kurserfolge relativ: Das Allzeithoch von 5000 Punkten liegt noch immer in weiter Ferne.

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