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Im Gespräch: Marktstratege Ed Yardeni „Die besten Schnäppchen gibt es in Europa“

02.07.2010 ·  Trotz der jüngsten Kursrückgänge ist Ed Yardeni zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft erholt. Konsumgüterhersteller und Technologie-Aktien sollten davon profitieren. Der unabhängige Wall-Street-Ökonom und Marktstratege rechnet mit einer starken Bilanzsaison.

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Trotz der jüngsten Kursrückgänge ist Ed Yardeni zuversichtlich, dass sich die Wirtschaft erholt. Konsumgüterhersteller und Technologie-Aktien sollten davon profitieren. Der unabhängige Wall-Street-Ökonom und Marktstratege rechnet mit einer starken Bilanzsaison.

Herr Yardeni, viele Investoren sind nervös und die Aktienkurse auf dem Rückzug. Wo sollten Anleger nun investieren?

Wenn man sich die Märkte auf der Welt ansieht, denke ich, dass es derzeit die besten Schnäppchen in Europa gibt. Wegen der Schuldenkrise sind Anleger zwar besorgt - inklusive der Möglichkeit eines weiteren Höhepunkts der Finanzkrise. Ich bin aber ziemlich optimistisch, dass Europa die Probleme überstehen wird und mit einer gestärkten Ökonomie aus der Krise kommt.

Moment mal - an Wall Street heißt es doch oft, Europa sei verloren. Nun empfehlen Sie, europäische Aktien zu kaufen?

Europa hat seine Lektion gelernt und mit Blick auf die hohen Schulden mehr verstanden als wir in den Vereinigten Staaten. Es bieten sich einige gute Anlagemöglichkeiten in Europa.

Wo finden sich die Schnäppchen?

Wenn ich richtig liege mit meiner Einschätzung und Europa erlebt keinen Rückfall in die Rezession - also ein Double Dip - und die Weltwirtschaft erholt sich weiter, dann sollten europäische Unternehmen von dem globalen Aufschwung außerordentlich profitieren. Viele dieser Unternehmen sind Hersteller von Investitionsgütern und Konsumgütern, die in schnell wachsende Schwellenländer exportieren. Wie ich außerdem höre, wollen BMW und Daimler mehr Mitarbeiter einstellen, weil sie viel nach China und Amerika verkaufen. Technologie-Titel sollten ebenfalls profitieren. Diese Unternehmen sind global aufgestellt, haben wenige Schulden auf der Bilanz, generieren viel Cash, und die Margen sind relativ hoch.

Was ist mit Gold?

Das ist ein hübsches Metall, aber es ist ein bisschen spät für einen Kauf. Es scheint, dass mittlerweile jeder Hedge-Fonds ruft: Wir kaufen Gold! Wenn Regierungen Ernst machen mit einer strengen Fiskalpolitik, ist das eher schlecht für den Goldpreis.

Und Anleihen?

Dafür ist es auch etwas spät. Die besten Deals gab es Ende 2008, Anfang 2009.

Was macht Sie so optimistisch, dass wir nicht von der Schuldenwelle überrollt werden?

Das Szenario der Bären - die für sinkende Kurse stehen - ist gerade sehr präsent. Pessimismus verkauft sich gut. Zuletzt lagen die Pessimisten zwar richtig, ich glaube aber, dass sie übertreiben. Die Frage lautet: Werden wir genug Wachstum erzielen, um unsere Schulden zu bezahlen? Oder werden uns die Schulden erdrücken und es kommt zur Wirtschaftskrise?

Wie lautet Ihre Antwort?

Nach jeder Rezession hat es immer viel Pessimismus gegeben, dass wir es nicht schaffen. Aber Wachstum deutet sich an. Auch in Deutschland könnte das Budgetdefizit geringer ausfallen als erwartet. Es gibt mittlerweile strenge Sparmaßnahmen, obwohl ich diesen Begriff nicht mag. Ich will es lieber Vernunft nennen.

Die Schuldenlast ist so hoch wie nie.

Das stimmt. Und wir haben einen Punkt erreicht, an dem die Schulden nicht mehr schneller als das Volkseinkommen wachsen können. Das erkennen die Europäer.

Aber wo soll das Wachstum herkommen?

Das Wirtschaftswachstum auf der Welt verlangsamt sich, eine globale Rezession ist aber unwahrscheinlich. Das Wachstum kommt aus Schwellenländern, nicht nur aus China und Indien, auch aus Brasilien, Afrika und anderen Ländern - angetrieben von dem Bestreben nach einem besseren Lebensstandard. Ich finde, wir konzentrieren uns zu sehr auf die Rolle der Regierung, die die Wirtschaft antreiben will. Aber die Menschen sind selbst daran interessiert, Wachstum zu generieren. Das treibt sie an. Zumal Wachstum Schuldenprobleme löst, es erhöht die Gewinne, es gibt mehr Jobs und steigende Steuereinnahmen.

Was sorgt Sie?

Das Szenario der Bären ist sehr präsent und glaubwürdig. Das größte Risiko ist, dass wir uns selbst Richtung Untergang reden und es zur Schuldenkatastrophe kommt. Also alles implodiert, so wie damals im Jahr 2008 mit AIG und Lehman. Heute haben die Notenbanken auch nicht mehr die Hilfsmittel, weil die Zinsen schon sehr niedrig sind. Natürlich ist es möglich, dass alles wie ein Kartenhaus zusammenfällt. Aber es gibt Vernunft. Die Regierungen haben erkannt: Genug ist genug.

Was erwarten Sie von der Bilanzsaison?

Ich rechne mit einer starken Bilanzsaison. Das ist mit ein Grund, warum ich optimistisch bin. Viele Unternehmen sind profitabel, expandieren und generieren steigende Mittelzuflüsse. Die Bilanzsaison im Juli könnte die sechste in Folge sein, die positiv ist. Auch wegen signifikanter Kostensenkungen. Den europäischen Unternehmen hilft auch der schwächere Euro.

Wie geht es mit dem Euro weiter?

Die Geschichte lehrt, dass Währungen oft einen Trend von drei bis fünf Jahren durchlaufen. Demnach dürfte der Euro noch einige Jahre schwächeln. Aber Europa besinnt sich auf fiskalische Disziplin. Während Europa vernünftiger wird, erkennen wir das in Amerika nicht an und reduzieren das Budgetdefizit nicht genug. Europa macht mehr Fortschritt als Amerika.

Welche Folgen wird die Finanzmarktregulierung in Amerika haben?

Diese Regulierung ist gut für Politiker, Aufsichtsbehörden und Anwälte. Unternehmen und Verbrauchern wird es weniger bringen. Das geplante Gesetz ist vieldeutig. Es wird nicht klar, wie die Regeln genau aussehen. Der Kongress gibt den Aufsichtsbehörden mehr Macht, doch die Aufseher haben schon die vergangene Krise nicht erkannt. Ich sehe nicht, dass viel erreicht wird, eher steigen die Kosten der Finanzindustrie.

Werden künftige Finanzkrisen verhindert?

Ich glaube nicht. Dieses Gesetz hat 2000 Seiten Papier. Man könnte so etwas auf fünf Seiten beschließen, etwa die Kapitalanforderungen der Banken erhöhen und höhere Anzahlungen für Immobilienkredite beschließen. Wenn Amerikaner zur Immobilienfinanzierung 30 Prozent anzahlen müssten statt null Prozent, hätten wir jetzt nicht diesen Schlamassel.

Das Gespräch führte Tim Höfinghoff.

Quelle: F.A.Z.
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