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Im Gespräch: Karl-Georg Altenburg, J.P. Morgan "Angriff ist die beste Verteidigung"

 ·  Deutsche Unternehmen werden bei Übernahmen eher die aktive als die passive Rolle übernehmen, erwartet Karl-Georg Altenburg, der Deutschland-Geschäftsführer von J.P. Morgan. Mit der wirtschaftlichen Erholung dürften die Aktivitäten wieder zunehmen.

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Herr Altenburg, wie beurteilen Sie das Jahr 2010 als Investmentbanker?

Wir müssen zufrieden sein. Deutsche Unternehmen haben gesunde Bilanzen und sind erfolgreich unterwegs. Dieser Trend dürfte sich nächstes Jahr fortsetzen, und daraus ergeben sich Chancen. Wir sehen aber auch einen erheblichen Vertrauensverlust in die europäischen Staatsanleihemärkte.

Viele deutsche Unternehmen haben Geld, aber sie verwenden das Geld nicht für Fusionen oder Übernahmen. Warum nicht?

Das finde ich nachvollziehbar. Viele Unternehmen kommen gerade erst aus einer schweren Krise und denken zunächst an Wachstum aus eigener Kraft. Die Frage nach dem externen Wachstum kommt jetzt wieder zunehmend auf die Tagesordnung.

Beeinflusst die europäische Staatsschuldenkrise das Verhalten der Unternehmen?

Ich denke schon. Die Staatsschuldenkrise beeinflusst die Kapitalmärkte, die wiederum für die Unternehmensfinanzierung wichtig sind.

Und wie kommen wir aus dieser Vertrauenskrise in die Staatsanleihen wieder heraus?

Vorneweg: Ich halte den Euro für alternativlos und würde mir ein stärkeres Bekenntnis der Eliten zum wirtschaftlichen und politischen Potential der EU wünschen. Die Vertrauenskrise in die Staatsanleihen hängt letztendlich damit zusammen, dass Investoren eine Rückzahlung europäischer Staatsanleihen bisher für selbstverständlich hielten. Diese Rückzahlungen werden aber vom Markt derzeit nicht mehr in allen Fällen als einhundert Prozent sicher angesehen.

Wie lässt sich das Vertrauen der Investoren zurückgewinnen?

Ich bin mir nicht sicher, ob sehr einschneidende Maßnahmen wie die Reduzierung von Schulden (“haircut“) oder eine stärkere Rolle der Europäischen Zentralbank durchsetzbar und wünschenswert sind. Man muss behutsamer vorgehen.

Und wie?

Ich vertrete einen dreigliedrigen Ansatz. Zunächst müssen die Liquiditätshilfen verlängert werden, um Unsicherheit aus dem Markt zu nehmen. Zweitens müssen Staaten, die Hilfen benötigen, eine strenge finanzpolitische Sanierung akzeptieren. Diese Sanierung sollte aber auch zeitlich gestreckt werden, damit die Staaten nicht als Folge einer zu raschen Anpassung in eine Rezession stürzen. Drittens sollte der Zins, den diese Länder während ihrer Sanierung auf ihre Schulden zahlen müssen, hinreichend niedrig sein.

Nehmen wir einmal an, die Staatsschuldenkrise lasse sich in den Griff bekommen. Wie sehen Sie die Aussichten des Investmentbanking in Deutschland?

Wir haben in diesem Jahr fünf ordentliche Börsengänge gesehen, die den Investoren bislang im Schnitt 33 Prozent Wertzuwachs gebracht haben. Das ist ein gutes Ergebnis. Es wird 2011 weitere geben. Dagegen ist der Markt für Fusionen und Übernahmen in diesem Jahr in Deutschland seinen Erwartungen nicht gerecht geworden. Mit der wirtschaftlichen Erholung wird sich aber auch dieser Markt beleben.

Halten Sie es umgekehrt für möglich, dass deutsche Unternehmen zum Ziel für feindliche Übernahmen werden?

Das halte ich derzeit für eher wenig wahrscheinlich. In jedem Falle lautet mein Rat: Angriff ist die beste Verteidigung. Wenn sich ein Unternehmen gut aufstellt und seine Wachstumschancen nutzt, reduziert es die Gefahr einer feindlichen Übernahme. Insgesamt sehe ich die deutschen Unternehmen bei Fusionen und Übernehmen eher in einer aktiven denn in einer passiven Rolle.

Schlechtes Risikomanagement von Banken und anderen Investoren hat fraglos zur Finanzkrise beigetragen. Sehen Sie hier Verbesserungen?

Es bleibt noch einiges zu tun. Nach unseren Schätzungen nutzen in Deutschland 70 Prozent der Unternehmen Ratings, um ein Gegenparteirisiko einzuschätzen. Ein Rating ist aber zunächst ein träges Instrument, weil es nur nach einem relevanten Kreditereignis angepasst wird.

Kennen Sie ein besseres Instrument?

Zum Beispiel den Credit Default Swap (CDS). Dadurch, dass er im Markt gehandelt wird, ist er ein proaktives Instrument und eignet sich daher als Warnsignal.

Was hält die Unternehmen davon ab, sich stärker an CDS zu orientieren?

Es ist kein Geheimnis, dass CDS von Marktteilnehmern auch missbraucht wurden. Das ändert aber nichts daran, dass er ein nützliches Instrument zur Risikomessung ist, wenn man ihn richtig einsetzt.

Eine Folge der Finanzkrise scheint darin zu bestehen, dass in Deutschland in der Unternehmensfinanzierung die Anleihe zu Lasten der Kredite an Bedeutung gewinnt.

Das ist so. Hierzu trägt bei, dass wir nun analytisch versiertere Investoren haben, die in der Lage sind, Anleihen sehr unterschiedlicher Bonität einzuschätzen. Das erleichtert auch den Unternehmen unterhalb des Dax die Ausgabe von Anleihen als Alternative zum Kredit und ist gerade auch für den Mittelstand wichtig.

Werden die Unternehmensanleihen zu einer wichtigen Konkurrenz für die Staatsanleihen?

Das sind sie jetzt schon. Ich kann mir sehr gut vorstellen, dass sich Unternehmen mit bester Bonität künftig billiger verschulden können als so mancher Staat. Aber mir erscheint ebenso wichtig, dass zunehmend auch Staatsanleihen aus Schwellenländern zu einer Konkurrenz für Staatsanleihen aus Industrienationen werden. In den Schwellenländern sind die Schulden oft niedriger, aber dafür ist das Wirtschaftswachstum höher.

Der Verbriefungsmarkt scheint in Deutschland noch nicht wieder in Gang gekommen zu sein.

Dieser Markt ist immer noch sehr ruhig. Einerseits fehlt den Investoren noch das Vertrauen. Aber entscheidender ist, dass Unternehmen momentan bei anderen Kreditprodukten attraktivere Konditionen mit weitaus weniger komplizierten Dokumentationen erreichen.

Wo befindet sich derzeit das größte Wachstumspotential für J.P. Morgan?

Sicherlich im internationalen Geschäft. Das ist zum einen die Begleitung von unseren Kunden rund um die Welt im Investmentbanking und im Corporate Banking. Ein zweites Beispiel bildet der Geschäftsbereich Rohstoffe, in dem wir ein vollwertiger Anbieter geworden sind. Im traditionellen Investmentbanking wollen wir unsere Rolle als Nummer eins in der Welt verteidigen. Unsere starke Bilanz ist dabei ein entscheidender Erfolgsfaktor.

Was sind Ihre Ambitionen in Deutschland?

Wir wollen unsere Rolle als führende ausländische Investmentbank ausbauen. Unser Kerngeschäft ist neben der M&A-Beratung die Beschaffung von Eigen- und Fremdkapital, aber wir wollen auch im Privatbankgeschäft mit vermögenden Kunden wachsen. Unser Privatbankgeschäft hat sich gerade im laufenden Jahr sehr gut entwickelt. Unsere Kunden schätzen unter anderem unsere weltweite Expertise. Daneben sind wir entschlossen, auch die Transaktionsbank und die Vermögensverwaltung weiter auszubauen.

Jede Investmentbank scheint ihre eigene Berechnungsmethode zu haben. Wie ermitteln Sie die Rangfolge der Investmentbanken?

Natürlich orientieren auch wir uns zu einem gewissen Grad an den League Tables, insbesondere denen für Gebühreneinnahmen (“fees“). Ich glaube aber, unsere Kunden finden diese inzwischen zu Recht langweilig. Was für mich wirklich zählt ist, dass wir uns durch gute Arbeit Vertrauen erarbeiten und langfristiger Partner unserer Kunden werden.

Das Gespräch führte Gerald Braunberger.

Quelle: F.A.Z.
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