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Im Gespräch: Jim O'Neill, Goldman Sachs „Die Aktienkurse steigen um 20 Prozent“

 ·  Die Anleger sind immer noch zu pessimistisch, vor allem für Aktien, sagt Jim O'Neill, der die Vermögensverwaltung Goldman Sachs Asset Management leitet. Er spricht über gute Aussichten für Aktien, schlechte für Rohstoffe und die Krise in Ägypten.

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Herr O'Neill, nach den Protesten in Ägypten ist die Kairoer Börse eingebrochen. Ist das ein Weckruf für die Anleger, der zeigt, wie risikoreich Anlagen in Schwellenländern tatsächlich sind?

Nein. Was wir gesehen haben, ist dasselbe Muster, mit dem die Märkte seit dem Zusammenbruch von Lehman vor mehr als zwei Jahren reagieren. Jedes Mal, wenn es irgendeine Überraschung auf der Welt gibt, reagieren die Anleger zunächst mit Panik. Denken Sie an Griechenland oder Irland - sind das Schwellenländer? Die Psyche der Anleger ist immer noch sehr stark davon bestimmt, dass sie sich zunächst einmal große Sorgen machen.

Die Protestbewegungen erst in Tunesien und dann in Ägypten werden die Märkte also nicht dauerhaft belasten?

Was dort am Ende geschieht, kann ich Ihnen zum jetzigen Zeitpunkt natürlich nicht sagen. Nur so viel ist sicher: Die Veränderungen können sogar positiv sein, wenn sie etwa in Richtung mehr Demokratie gehen, was die Menschen dort offenbar wollen. Das wäre auch für die Märkte sehr positiv. Und um Ägypten in seiner Bedeutung einzuordnen, halten Sie sich einfach vor Augen, dass beispielsweise die chinesischen Importe im vergangenen Jahr um 400 Milliarden Dollar zugelegt haben. Gemessen am Bruttoinlandsprodukt, entspricht das zweimal Ägypten, was China mehr importiert hat.

Neben Ägypten haben in den wenigen Wochen auch andere Schwellenländerbörsen nicht gut abgeschnitten.

Ja, und dahinter steht das meiner Meinung nach nun zunächst dominierende Thema an den Märkten: Die Vereinigten Staaten sind zurück.

Die waren ja nie weg.

Das ist richtig, aber die Anleger haben die Perspektiven des Landes lange sehr negativ eingeschätzt. Noch bis in den vergangenen Winter hinein überwogen die Befürchtungen, das Land könnte in eine Deflation abgleiten. Das hat sich nun dramatisch geändert. Die Vereinigten Staaten werden stärker als erwartet wachsen, und zwar nachhaltig. Und darauf reagieren die Anleger natürlich.

Indem sie Geld aus Schwellenländern abziehen und in amerikanische Aktien umschichten?

Ja, zum Beispiel. Übrigens möchte ich betonen, dass die Bezeichnung Schwellenländer für viele damit bezeichnete Staaten mittlerweile sehr irreführend ist.

Warum?

Nehmen Sie etwa die vier Länder Brasilien, Russland, Indien und China. Diese Staaten sind ein signifikanter Bestandteil der Weltwirtschaft. Das chinesische Wirtschaftswachstum ist der wichtigste Grund dafür, warum viele Länder die Krisenrezession schnell hinter sich gelassen haben. Es ist geradezu absurd, wenn wir China heute noch als Schwellenland bezeichnen. Neben den vier genannten Ländern sollten wir außerdem Südkorea, Indonesien, Mexiko und die Türkei nicht mehr zu den Schwellenländern zählen, dafür ist ihre Bedeutung schlicht und einfach zu groß.

Wie beurteilen Sie denn generell die politischen Risiken dieser Länder?

Das Problem ist, dass viele Anleger gerade viel zu sehr auf solche Risiken schauen, anstatt zu akzeptieren, dass Risiken und Unsicherheit zum Leben dazugehören. Überdies ist auch das kein Schwellenland-Thema, sondern solche Risiken gibt es tendenziell überall, sogar in Deutschland. Der Ausgang von Wahlen könnte zum Beispiel im Prinzip immer ein politisches Risiko darstellen. Trotz aller Risiken befinden wir uns in einem Umfeld, in dem wir etwa gerade für Aktien sehr optimistisch sein können.

Die Aktienkurse werden in diesem Jahr wieder steigen?

Ja, davon gehe ich aus. In dieser Hinsicht ist die nach wie vor vorhandene Verunsicherung übrigens gar nicht so schlecht, weil sie zumindest signalisiert, dass wir uns nicht in einer von Euphorie getriebenen Blase befinden.

Wo gibt es denn die größten Chancen für Anleger?

In Amerika und in Europa gibt es Möglichkeiten, auch an ganz ungeahnten Stellen. Wer hätte gedacht, dass der griechische Aktienmarkt seit Jahresanfang um 16 Prozent gestiegen ist bis heute, während der indische um 12 Prozent fiel? Die Märkte sind in Bezug auf Europa so negativ ins neue Jahr gekommen, dass sogar schon das Ausbleiben regelmäßiger schlechter Nachrichten wirkt.

Neben griechischen Aktien sind auch die Titel spanischer Banken gestiegen. Haben die Anleger ihre Sichtweise zu Europa also nachhaltig geändert?

Ein wichtiges Datum dafür ist der im März anstehende Gipfel der Regierungschefs. An den Märkten hat sich ein Bewusstsein herausgebildet, nach dem auf diesem Gipfel eine dauerhafte Lösung der aktuellen Probleme präsentiert werden könnte. Wenn so eine Lösung kommt und sie glaubhaft ist, weil insbesondere Deutschland dahintersteht, dann kann diese Rally ohne weiteres weitergehen.

Zurück zur Frage, wie wir in diesem Jahr Geld anlegen sollten.

Die Aktienkurse werden unserer Meinung nach im Durchschnitt um 20 Prozent zulegen, angeführt von den Vereinigten Staaten.

Welche Aktien sind die interessantesten?

Große Industrieunternehmen sollten gut laufen. Im Vergleich zwischen den Wachstumsmärkten finde ich China und Russland momentan besser als Brasilien und Indien.

Wie sollte man auf China setzen?

Das kann auf drei Wegen geschehen: Erstens, indem man auf einen weiter aufwertenden Renminbi setzt, zweitens auf westliche Unternehmen, die viel Geschäft in China machen, und drittens in ausgewählte chinesische Unternehmen, die stark am chinesischen Konsum hängen.

Steigen auch die Rohstoffpreise weiter, oder wirken sich die hohen Preise etwa für Kupfer irgendwann negativ aus?

Was Rohstoffe angeht, wäre ich eher vorsichtig in diesem Jahr, und zwar vor allem wegen China. Das Land ändert sich und entwickelt nach meiner Wahrnehmung gerade ein großes Bedürfnis nach alternativen Energien und versucht außerdem, die Energieeffizienz insgesamt stark zu erhöhen. Hinzu kommt, dass viele Rohstoffe bereits jetzt sehr teuer sind. Gold mag ich übrigens auch nicht, ich glaube, der Preis hat sein Hoch erreicht - er wird weiter fallen, umso besser es den Vereinigten Staaten geht, denke ich.

Was passiert denn mit den Zinsen? Die sind jetzt ja über die vergangenen 30 Jahren in der Tendenz gefallen. Ändert sich das?

Das kann durchaus passieren. Sicherlich müssen Sie sehr vorsichtig sein, wenn Sie in diesem Jahr auf steigende Kurse von Staatsanleihen setzen wollen. Fallende Kurse sind wahrscheinlicher.

Mit welchen Produkten wird Goldman Sachs Asset Management unter Ihnen auf den Markt kommen? Wollen Sie auch Hedge-Fonds-Strategien anbieten?

Mein Hauptziel ist es, in einem Umfeld hohen Wirtschaftswachstums auf der Welt auf Aktien-Produkte zu setzen, sowohl in den entwickelten Märkten als auch auf den Wachstumsmärkten. Und natürlich werden wir auch unter Strategien schauen, die Risiken eingrenzen helfen.

Ist es ein Problem, Vermögensverwalter einer großen Investmentbank zu sein, die gleichzeitig viele Unternehmen berät, deren Aktien Sie im Portfolio haben?

Nein, absolut nicht. Das machen ja andere Abteilungen, von denen wir als Vermögensverwaltung klar abgegrenzt sind.

Das Gespräch führten Alexander Armbruster und Christian von Hiller.

Quelle: F.A.Z.
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